Gabriele Goettle: Der Augenblick

Frauen wie du und ich

Von Lena Bopp
 - 15:03

Irgendwie hat man, auch ohne es wirklich zu wissen, auf dieses Buch gewartet. Denn in einer Zeit wie unserer, in der viel und mit gutem Grund über die Rollen debattiert wird, die Frauen in der Gesellschaft einnehmen, in der man fragt, wie viele Freiheiten Frauen fordern und welche Verantwortungen sie keinesfalls abgeben dürfen, in der diese wichtige Debatte immer wieder auf Abwege gerät und dann um sich selbst zu kreisen scheint, weil sie zwar einerseits nicht geführt werden kann, ohne verallgemeinernde Annahmen zugrundezulegen („Die Frauen wollen...“), weil sie andererseits aber gerade von diesen Generalisierungen immer wieder bedroht wird, in einer solchen Zeit also ist es gut, die Frauen einmal selbst zu Wort kommen zu lassen. Das geht - man möge die nestbeschmutzende Bemerkung verzeihen - natürlich nicht unter vierhundert Seiten. Aber die haben es in sich.

Denn vom wem reden wir eigentlich, wenn wir von Frauen reden? Darauf gibt die Journalistin Gabriele Goettle eine Antwort, oder besser, sie gibt 26 Antworten, so viele Kapitel hat ihr neues Buch „Der Augenblick“. Die hier versammelten Texte waren zwar alle im Laufe der vergangenen Jahre schon in der „taz“ zu lesen, aber sie sind es Wert, in Buchform zu erscheinen, zumal wenn, wie hier geschehen, eine kluge Anordnung dafür sorgt, dass sie sich immer wieder aufeinander beziehen.

Alle Texte sind nach dem gleichen Schema aufgebaut: Sie beginnen mit einem Curriculum vitae, dann folgt, vor allem bei ausgefallen Berufsbildern oder politischer Tätigkeit, eine kurze Einführung ins Sujet, und schließlich sprechen die Frauen selbst - über das, was sie tun, und darüber, woher sie kommen. Denn darum geht es Gabriele Goettle: Um den Alltag von in Deutschland lebenden Frauen, die auf den ersten Blick Allerweltsfrauen sind, Ottonormalverbraucherinnen reinsten Wassers, Frauen wie du und ich. Es geht um die Frage, warum und wie sie wurden, was sie sind.

Autonomie ist das Schlüsselwort

Sie sind: Buchhändlerin, Medizinhistorikerin, Kulturwissenschaftlerin, Bäuerin, Ballerina, Schulleiterin oder arbeitslos. Manche haben seltene oder beinahe ausgestorbene Berufe: Die Dresdner „Moulagenkünstlerin“ Elfriede Walther etwa ist über achtzig Jahre alt und eine der letzten, die noch weiß, wie man plastische, detailgetreue Abbilder von äußerlichen Krankheitssymptomen, etwa Tumorbeulen, anfertigt. Viele arbeiten bei sozial tätigen Vereinen, die sie oft auch selbst gegründet haben: Das Berliner Krisentelefon „Pflege in Not“ etwa oder die Beratungsstelle für Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution in Frankfurt/Oder, „Bella Donna“. Gerade diese Frauen wirken oft wie weibliche Don Quijotes, die mit unerschöpflicher Energie gegen bürokratische Windmühlen kämpfen, natürlich vor allem, weil sie mehr und schnellere finanzielle Unterstützung brauchen.

Oft ist die Arbeit der vorgestellten Frauen sehr wichtig, schlecht bezahlt und wenig angesehen - und was erstaunt, ist die ungeheure Konsequenz, mit der sie alle, ganz gleich, ob sie am Ende Erfolg hatten oder nicht, ihre Wege gegangen sind. Autonomie ist das Schlüsselwort, auffällig ist das Fehlen jeden Kompromisses, es scheint keine Deals zu geben. So aber ist das, was diese Frauen auszeichnet, gleichzeitig auch etwas, das sie in gewisser Weise isoliert: Denn die Mehrzahl von ihnen ist zwischen 1940 und 1965 geboren, mithin in einer Zeit, in der schon viele Frauen die Frage nach der Priorität der Familie vor dem Beruf mit einem „Ja, aber...“ beantwortet haben.

Spannend und tiefblickend

Eine Frau mit Ehemann, zwei Kindern und Teilzeitjob, sei es als Lehrerin, als Sekretärin oder Krankenschwester, fehlt hier aber völlig. Auch Frauen unter vierzig Jahren sucht man vergebens. Und schließlich zeugt die Auswahl der Frauen auch von einer Milieuvorliebe auf Seiten der Autorin: Gabriele Goettles Bäuerin lebt eben nicht im Allgäu, sondern im Wendland und ist seit Jahrzehnten in der Anti-AKW-Bewegung engagiert. In diesem Buch ist sie damit gewissermaßen prima inter pares.

Das alles schmälert den zugleich spannenden und tiefblickenden Charakter dieses Buches keineswegs. Es wären aber gute Gründe, das Spektrum künftig zu erweitern und so etwas zu schaffen, das tatsächlich ein Panorama des weiblichen Teils unserer Gesellschaft sein könnte. Dann würde man auch sehen, dass vierhundert Seiten dafür viel zu wenig sind.

Gabriele Goettle: „Der Augenblick“. Reisen durch den unbekannten Alltag. Reportagen. Kunstmann Verlag, München 2012. 396 S., geb., 22,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Magdalena Bopp Portraitaufnahme für das Blaue Buch / FAZ.Net
Lena Bopp
Redakteurin im Feuilleton.
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