Harper Lees Debüt erscheint

Der zweite Hit der Spottdrossel

Von Felicitas von Lovenberg
 - 11:36

Bevor dieser Roman mit dem etwas sperrigen Titel „Go Set A Watchman“ – am Dienstag in den Vereinigten Staaten, am Freitag als „Gehe hin, stelle einen Wächter“ in deutscher Übersetzung – überhaupt erscheinen konnte, war er von einem dichten Nebel aus strenger Geheimhaltung und vielen offenen Fragen umgeben: Hat Harper Lee trotz ihrer wiederholten Beteuerung, kein weiteres Buch schreiben zu wollen, diese Veröffentlichung selbst gewollt, oder wurde sie überrumpelt von ihrer geschäftstüchtigen Anwältin und Vertrauten Tonja Carter, die das vergessene Manuskript im vergangenen Jahr zufällig in einem Safe gefunden haben will? Wie viel bekommt die Neunundachtzigjährige, die zurückgezogen in ihrem Heimatstädtchen Monroeville, Alabama, lebt, von dem Rummel mit? Und, die größte Sorge: Droht das neu aufgetauchte Werk den Ruhm des berühmten Nachfolgers „To Kill a Mockingbird“, auf Deutsch „Wer die Nachtigall stört“, zu beschädigen? Könnte eines der beliebtesten und meistgelesenen Bücher des zwanzigsten Jahrhunderts, das sich seit seiner Erstveröffentlichung 1960 mehr als vierzig Millionen Mal verkauft hat und mit Gregory Peck in der Rolle des Atticus Finch glänzend verfilmt wurde, durch die Veröffentlichung seines Vorläufers im Nachhinein kompromittiert werden? Die Kunde von der bevorstehenden Veröffentlichung hat Debatten ausgelöst, wie sie sonst höchstens die Herausgabe postum entdeckter Werke großer Autoren begleiten, zuletzt etwa Nabokovs „Modell für Laura“ oder David Foster Wallaces „The Pale King“.

Angesichts der Mischung aus höchsten Erwartungen und schlimmsten Befürchtungen ist es nicht verwunderlich, dass seit dem letzten Band der „Harry Potter“-Reihe kein Buch weltweit mit solcher Spannung erwartet wurde. HarperCollins, der amerikanische Verlag, verkündete eine Erstauflage von 2,1 Millionen, die Deutsche Verlags-Anstalt ist immerhin bereits sechsstellig unterwegs. Kein Roman der letzten Jahre wurde bei Amazon häufiger vorbestellt, und in Amerika öffneten manche Buchläden schon um Mitternacht, um Lesern „Go Set A Watchman“ schnellstmöglich zugänglich zu machen. Und dabei spielte die dramatische Aktualität, die der Roman aufgrund der mit neuer Schärfe zutage tretenden Rassenkonflikte in Baltimore und Ferguson, in Charleston und zuletzt in Lees unmittelbarer Nachbarschaft in Alabama erhält, noch nicht einmal eine Rolle.

Ungewöhnliche Fallhöhe für ein Debüt

Jetzt, nach Lektüre des Werks, stellen sich ganz andere Fragen. Warum riet die erfahrene Lektorin Therese „Tay“ von Hohoff Torrey 1957 Harper Lee davon ab, diesen haltungsstarken Roman zu veröffentlichen, der sicher großes Aufsehen erregt hätte? Warum legte sie der Autorin nahe, stattdessen ein versöhnlicheres Buch zu schreiben, das die Kindheit ihrer Protagonistin Jean Louise, genannt „Scout“, in den Mittelpunkt rückt und den verwitweten Vater, den Anwalt Atticus Finch, zum Inbegriff des rechtschaffenen amerikanischen Bürgers stilisiert? Zwei Jahre lang begleitete die Lektorin die junge Harper Lee bis zur endgültigen Fassung des „Mockingbird“ (der eigentlich eine Spottdrossel ist, aber im Deutschen für immer eine Nachtigall bleiben wird) – aufgrund ihrer Kenntnis von „Go Set A Watchman“ wohl wissend, dass sich die einzelnen Charaktere für Lee sehr viel zwiespältiger darstellten, als sich ihre Leser das bisher hätten träumen lassen. Aber der Reihe nach.

Der zweite Roman gilt ja immer als besonders schwierig, zumal nach einem erfolgreichen Debüt. Mit „Gehe hin, stelle einen Wächter“ sind nun solche und andere literarische Gesetzmäßigkeiten auf den Kopf gestellt. Denn dies ist Harper Lees eigentliches Debüt, auf das sie 1960 „Wer die Nachtigall stört“ folgen ließ, das sich in jeder Hinsicht – stilistisch, sprachlich, thematisch – so grandios gehalten hat, wie es nur große Literatur vermag. So kommt es, dass die Fallhöhe des Debüts hier von dem Roman bestimmt wird, der danach geschrieben wurde, anstatt umgekehrt.

Klarheit der Gedanken und der Sprache

Auf den ersten Blick haben „Wer die Nachtigall stört“ und „Gehe hin, stelle einen Wächter“ viel gemeinsam: den Schauplatz des Städtchens Maycomb in Alabama, weite Teile des Personals und die kraftvoll anschauliche, mit warmem Witz wie von Sonne durchglühte Sprache Harper Lees. Und doch sind die beiden Bücher so verschieden wie Dr.Jekyll und Mr.Hyde. Zeitlich spielt „Gehe hin, stelle einen Wächter“ zwanzig Jahre nach „Wer die Nachtigall stört“, nämlich statt in den von der Depression gezeichneten dreißiger Jahren in den Fünfzigern. Der für die Amerikaner dritte große Krieg ist vorüber; die draufgängerische Scout, die jetzt nur noch mit Jean Louise angesprochen werden möchte, ist mittlerweile sechsundzwanzig, lebt in New York und ist mit weiblichen Themen wie echten Küssen und falschen Busen konfrontiert, von denen sich der Wildfang Scout im „Mockingbird“ noch keine Vorstellung macht. Ihre zweiwöchigen Ferien – von welcher Arbeit, erfährt man nicht, vielleicht als Rezeptionistin einer Fluggesellschaft, wie die junge Nelle Lee – verbringt Jean Louise in ihrer Südstaatenheimat bei ihrem Vater Atticus, der unter Arthritis leidet, sonst aber noch ganz der vertraute Gentleman zu sein scheint. Die geliebte schwarze Haushälterin Calpurnia, die Scout und Jem mit aufgezogen hat, ist zu alt für die Arbeit; seine resolute Schwester Alexandra führt Atticus den Haushalt. Jem ist, ein früher Schreck der Lektüre, vor einigen Jahren gestorben, einfach umgekippt wegen eines offenbar von der Mutter ererbten schwachen Herzens – hier spiegelt Harper Lee wohl den frühen Tod ihres Bruders Edwin, der den Zweiten Weltkrieg als Pilot überlebte, um 1951 an einem Aneurysma zu sterben.

Und dann ist da noch Henry Clinton, genannt Hank, ein ehemaliger Schulfreund von Jem und Scout, der beruflich wie gesellschaftlich in die Fußstapfen von Atticus treten will und immer schon in Jean Louise verliebt war. Diese jedoch, obwohl sie ihrerseits „fast in ihn verliebt ist“, kommt schon mit dem Bewusstsein in Maycomb an, dass sie fürs Erste ehelos bleiben muss: „Es wäre so leicht gewesen, Hank zu heiraten und ihn für sie schuften zu lassen. Nach ein paar Jahren, wenn die Kinder hüfthoch wären, würde der Mann auftauchen, den sie von vornherein hätte heiraten sollen. Die Folge wären Herzensprüfungen, Kummer und Gram, lange Blicke auf den Stufen des Postamts und Unglück für alle Beteiligten.“

Ein weniger starker Höhepunkt

Die Klarheit der Gedanken, die bei Harper Lee immer auch eine der Sprache ist, bestimmt den Roman, der statt aus der entwaffnenden, kindlichen Ich-Perspektive in der dritten Person geschrieben ist, dabei aber ganz auf Jean Louise konzentriert ist. Denn obwohl diese zu genau der emanzipierten, selbstbewussten und schlagfertigen Frau herangewachsen ist, die in Scout angelegt war, hat sie ihre eigentliche Charakterprüfung noch vor sich: Sie muss erkennen, dass die „mächtigste moralische Kraft in ihrem Leben, die Liebe ihres Vaters“, fehlbar ist. Harper Lee, die die Geborgenheit und Sicherheit, die Jean Louise dieser Liebe verleiht, in den höchsten Tönen beschwört, bevor sie das Denkmal Atticus vom Sockel stößt, macht sich diesen Generationenkonflikt nicht leicht. Jean Louises kecke Selbstgefälligkeit geht auch zu Bruch, während Atticus’ Heiligenschein eine heftige Delle bekommt.

Ganz wie im „Mockingbird“, wo Jem und Scout heimlich Zeugen werden, wie ihr Vater vor Gericht den unschuldig wegen Vergewaltigung einer Weißen angeklagten Tom Robinson verteidigt (der hier übrigens, anders als dort, tatsächlich freigesprochen wird), sieht und hört Scout auch hier etwas, das nicht für sie bestimmt ist. Zunächst findet sie im Lektürestapel ihres Vaters eine Hetzschrift mit dem Titel „Die schwarze Pest“, dann wohnt sie einer Bürgerratssitzung bei, in der ein weißer Südstaatler unter dem Vorsitz ihres Vaters auf übelste Weise für die Rassentrennung plädieren darf. Diese Szene, bei der sich Jean Louise an den fast zwanzig Jahre zuvor an gleicher Stelle verhandelten Fall Tom Robinsons erinnert, bildet den Höhepunkt von „Gehe hin, stelle einen Wächter“, der allerdings deutlich hinter der Parallele in „Wer die Nachtigall stört“ zurückbleibt.

Im Schatten der Ernüchterung

Neben der erdrutschartigen Enttäuschung der Tochter über die Erkenntnis, dass der vergötterte Vater letztlich auch nur ein Mensch ist, entfesselt Harper Lee mit diesem Urkonflikt noch viele weitere. In „Gehe hin, stelle einen Wächter“ werden lauter Gegensätze verhandelt: zwischen dem amerikanischen Norden und dem Süden, zwischen Männern und Frauen und natürlich zwischen Schwarz und Weiß – immer mit differenzierten Grauabstufungen. So lässt sich die Frage, ob Atticus Finch, der die „Negerbevölkerung“ im Streit mit seiner Tochter einmal als „rückständig“ bezeichnet und sich überdies als Kritiker des NAACP, der National Association for the Advancement of Colored People, entpuppt, fortan als übler Rassist gelten muss, nicht so leicht beantworten, wie es erste Kritiken getan haben. Keinerlei Zweifel aber kann es am Standpunkt Harper Lees geben, die sich mit ihrer zornigen Heldin zu einer „Farbenblindheit“ bekennt, die nie gelernt hat, in anderen Kategorien als denen der Menschlichkeit zu denken. Trotzdem oder gerade deswegen ist die Botschaft dieses Romans komplexer und anspruchsvoller als die des „Mockingbird“.

Beide Romane kreisen um die persönliche Gerechtigkeitsinstanz, die niemand delegieren kann: „Das Einzige, was sich keinem Mehrheitsbeschluss beugen darf, ist das menschliche Gewissen“, lautet einer der zentralen Sätze in „Wer die Nachtigall stört“. In „Gehe hin, stelle einen Wächter“ – der Titel bezieht sich auf einen Vers aus dem Buch Jesaja – heißt es: „Die Insel eines jeden Menschen, der Wächter eines jeden Menschen ist sein Gewissen. So etwas wie ein kollektives Gewissen gibt es nicht.“ Doch anders als im Vorläufer stehen solche Aussagen hier im Schatten der Ernüchterung, die Jean Louise erfasst. Wo „Wer die Nachtigall stört“ einen moralischen Kompass bietet, nicht zuletzt durch den Appell zur Empathie, stellt „Gehe hin, stelle einen Wächter“ die Nützlichkeit solcher Selbsterziehungsmethoden radikal in Frage – und bietet als Ersatz nichts anderes als ein grundsätzliches Misstrauen gegen schnelle, scheinbar sichere Antworten.

Großes Bedauern statt ewiger Gerüchte

Dass sich dieser Roman, der leicht in ein allzu didaktisches Fahrwasser hätte gleiten können, so fesselnd liest, liegt an der Lebendigkeit von Lees Schilderungen, ihrer Fähigkeit, den Eindruck von Unmittelbarkeit zu erwecken. Die deutsche Übersetzung von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel liest sich wunderbar austariert und findet für atmosphärische Bilder wie das vom „Wohnzimmerwetter“ im Herbst und den vielen kleinen Einschüben, mit denen die Autorin dem Leser zuzwinkert wie einem Verbündeten, stets den richtigen, ironiegesättigten Tonfall.

Spekulationen, was gewesen wäre, wenn Harper Lee Ende der Fünfziger diesen Roman veröffentlicht hätte, sind so interessant wie müßig. Anders als „Wer die Nachtigall stört“ lädt dieses Werk nicht zur Identifikation ein, auch wenn der Konflikt im Kern des Buchs noch in den sechziger Jahren seine volle gesellschaftliche Sprengkraft erweisen sollte. Eines ist mit diesem Roman, der fortan immer mit seinem Vorgänger zusammen gelesen werden muss, endgültig bewiesen: Harper Lee ist kein „One-Hit-Wonder“, und auch die ewigen Gerüchte über eine Ko-Autorschaft ihres Jugendfreundes Truman Capote bei „Wer die Nachtigall stört“ dürften ein für alle Mal verstummen. Aber das Bedauern darüber, dass sie ihrem Klassiker nicht weitere Bücher hat folgen lassen, ist nach der Lektüre von „Gehe hin, stelle einen Wächter“ größer denn je.

Quelle: F.A.Z.
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