Hans Magnus Enzensberger: Blauwärts. Ein Ausflug zu dritt

Lob des Webfehlers

Von Heinrich Detering
 - 15:34

Mit Hans Magnus Enzensberger ist es ein bisschen wie mit Leonard Cohen: Die späten Konzerte sind die schönsten, weil die Variationen der alten Songs mit den Jahren so durchsichtig und zart geworden sind wie die Erscheinung des Sängers selbst, weil sich mit der Zeit aus der alten Lässigkeit eine neue Gelassenheit ergeben hat, eine sanfte und selbstironische Höflichkeit gegenüber seinem Publikum, weil der Beschwörer der Luftgeister nun beinahe selbst einer geworden ist. Und zugleich ist er noch immer der romantische Liebhaber, der nicht zur Ruhe kommt, solange ihn noch die schönen Geheimnisse rufen.

Einundfünfzig Gedichte umfasst sein neuer Band, und sie führen mit kalkuliertem Understatement die alten Tricks noch einmal vor: die ausgefuchste Einfachheit der Sujets und der Soundeffekte („in Aalen, Adelaide oder Aschgabad“), den raschen Wechsel der Register von der Parlando-Frage zum philosophischen Satz, von der Sinnlichkeit zur Algebra, von den „Drachen und Schwalben“ zu den Mandelbrot-Mengen. Wie stets ergibt sich die rhythmische Bewegung ganz beiläufig und unauffällig aus dem schlendernden Flaniertempo; im Gedicht über die durchs Meer treibenden Quallen beispielsweise, in dem die Daktylen flüchtig wie die mythischen Assoziationen kommen und vergehen: „Das meiste an ihr/ist vollkommen schleierhaft“.

Der Luftgeist

„Blauwärts“ heißt die Sammlung, ein Titel wie von Novalis. Mit romantischer Ironie gibt sich der dreiundachtzigjährige Enzensberger als ein entlaufener Romantiker zu erkennen, der halb amüsiert, halb sehnsüchtig auf diese sonderbare Landschaft zurückblickt, der er entkommen ist oder aus der ihn die Umstände vertrieben haben. Tatsächlich nach innen geht der geheimnisvolle Weg, nicht allerdings - schließlich sind wir bei Enzensberger - in diffuse Gefühlszonen, sondern durchs eigene Hirn und darüber hinaus, dorthin, wo das Denken sich selbst transzendiert. So beginnt das letzte, das Titelgedicht des Bandes: „Hinter der Nebelwand im Gehirn/gibt es noch andere Gegenden,/die blauer sind, als du denkst.“ Um sie aber zu erreichen, müsste man einen Blickpunkt außerhalb der zeitlichen Welt gewinnen. Und so steigen also, mit einem fragenden Konjunktiv, die nächsten Verse des Gedichts dorthin auf, wo nur noch Bläue ist und dünne Luft und wo endlich auch das Ich verschwindet: „Wie klein sähe die Geschichte aus,/von oben gesehen. Kühl und hell,/schwerelos ginge dein Atem dort,/wo dein Ich nichts wiegt.“

So kühl und hell endet das Konzert, buchstäblich und beiläufig im Himmel - als hätte der Luftgeist sich vor unseren Augen in Luft aufgelöst. Auch das ist wiedererkennbar, ein Leitmotiv von Enzensbergers späten Gedichten, von dem Band „Leichter als Luft“ 1999 bis zur „Geschichte der Wolken“ 2003. Aber nie war die Lakonik so luftig wie jetzt, so schwerelos und genau; nie schwebte der Fliegende Robert, den Enzensberger in einem früheren Gedicht zu seinem Alter Ego erklärte, so leicht und frei ins Blau davon.

Im verfremdenden Bildausschnitt

Mit dem Schlussgedicht ist eine bevorzugte Perspektive benannt, aus der diese Gedichte schon von den ersten Zeilen an ihre Verfremdungseffekte gewinnen. Distanziert, neugierig und immer etwas verwundert blicken sie auf eine Welt, der sie doch zugleich noch mit Leib und Seele gehören. Wie sich für diese relativierende Vorstellungskraft aus hinreichend großer Höhe der Unterschied zwischen Grashüpfer und Flugzeug nivelliert, so fällt der Blick aus fortgeschrittener Lebenshöhe auch auf einen Schuljungen, der beim Rutschen auf dem Treppengeländer beobachtet wird, in der Tanzschule und beim Anhören von „Gebrüll im Radio“ - ein ferner Knabe, dem die Frage gilt: „Oder bin ich das gewesen?“ Enzensbergers Kunst liegt darin, dass diese Frage nicht bloß rhetorisch klingt. Wie der „ernste Schläfer“ seines gleichnamigen Gedichts „gibt er sich nicht ab mit sich“: denn „da, wo er ist,/ist er nicht“. Wenn er sich ansieht, erblickt er einen Fremden. Und darum haben auch wir ihn nur, indem er sich uns entzieht.

Wenn das eine Art von Stoizismus sein sollte, dann stellt er jedenfalls nicht seine Überlegenheit zur Schau, sondern betreibt, mit einer seiner Gedichtüberschriften zu sprechen, eine „Genügsame Metaphysik“. Genügsam, das heißt hier: der Erde treu. Die Antwort auf Fragen wie „Warum wiegt etwas etwas und nicht vielmehr nichts?“ sucht er nicht in der Spekulation, sondern in der Beobachtung der Waschmaschine oder eines Seifenstücks in den Fernsehnachrichten, in ironischen Notizen aus der urbanen Nachbarschaft („Abgesehen von den schüchternen Sonaten/der Nervenärztin herrscht meistens Ruhe im Haus“), in Meditationen über Sporen und Quallen und „das Gras, das die versiegelte Erde sprengt“. Die Nahaufnahme des Kleinen und Unauffälligen ist das genaue Gegenstück der distanzierenden Totale. Im verfremdenden Bildausschnitt zeigt sich alles vermeintlich Vertraute rätselhaft und neu, als verweise es auf noch immer zu entdeckende Zusammenhänge. Wie die Poeten des Barock im nur scheinbar bedeutungslosen Alltagsanblick die Schrift eines emblematischen Zeichensystems entzifferten, so findet dieser Dichter - nachzulesen im Gedicht über die Metaphysik - das Übersinnliche in keinem esoterischen System, sondern im Laubfrosch, der „da atmet, glotzt und hüpft“.

Der vertraute Sound

Und die Bewegung, die mit den Gedichten dieses Buches das Denken ergreift, setzt sich in seiner visuellen Gestalt ungebremst fort. Schon in seinen letzten Büchern hat Enzensberger, auch hierin ein ironischer Romantiker, mit der Medialität des Buches experimentiert. Diesmal unternimmt er, so verspricht der Untertitel, einen „Ausflug zu dritt“: Aus seinen Gedichten und aus Bildern des Malers Jan Peter Tripp hat die Buchgestalterin Justine Landat ein intermediales Spiel inszeniert. Da springen die Verse des Gedichts vom Grashüpfer im Zickzack über die Seite, und die Buchstaben eines Gedichts, das vom Verschwinden handelt, verbleichen nach und nach. Meistens bleibt es nicht bei so planen graphischen und typographischen Bebilderungen. Wenn das Spiel gelingt, bringt es eine gewissermaßen dynamisierte Emblematik hervor, in der die Bilder- und Zeichenspiele der Verse in neue Umdrehungen geraten. Das ist oft witzig, manchmal poetisch vieldeutig und im Blick auf die Texte doch eigentlich entbehrlich. Ein eindringliches Gedicht über „Nürnberg 1935“ etwa überblendet das Bild der Stadt, wie das Schulkind sie sah, mit dem Wissen des Alten: „Keine Feuersäulen stiegen auf/über der Stadt. Es war kalt/im Schatten der hohen Türme.“ Flammen und Kühle, Stille und Sturm - die Buchkünstlerin kombiniert, in einem klugen Einfall, diesen Text nur mit dem Anblick einer stillen Waldwiese. Und doch hätte man es für diesmal noch lieber gesehen, wenn das lyrische Bild ganz ungestört geblieben wäre.

Denn so beharrlich Enzensberger immer wieder zum philosophischen Räsonnement ausholt, so sehr leben seine Verse aus der Triftigkeit ihrer Bilder und aus der Balance von Betrachtung und Reflexion. Die Frage nach einer Unterbrechung der endlosen Wiederkehr, die Sehnsucht nach einem Ende - in Enzensbergers Himmelsreise kleidet sie sich, kühl und anmutig, ins Gewand der „Algebraischen Geometrie“, die den Mathematiker zur Verzweiflung treibt oder zum Widerstand: „Das iteriert bis ins Bodenlose:/regulär, regulär, regulär./Nur eine Hoffnung bleibt dir noch,/um der Vollkommenheit zu entrinnen./Du mußt den Webfehler finden,/den Makel, die Mutation./Dann darfst du die Augen schließen.“

Da ist er wieder, dieser vertraute Sound. Und er klingt doch wie neu, weil der Musiker unmerklich ein anderer geworden ist. Solange er noch den Mutationen auf der Spur bleibt, wird er die Augen offen halten. Wer geargwöhnt haben sollte, Enzensberger verliere sich mit den Jahren in der Wiederholung seiner erprobten Muster: Spätestens in solchen Versen wird er eines anderen belehrt. Auf dem Klavier der alten Weisheiten spielt Cohen halblauten Ragtime. Und eigentlich war er nie besser als in solchen Augenblicken.

„Blauwärts. Ein Ausflug zu dritt“. Hans Magnus
Enzensberger
(Gedichte), Jan Peter Tripp (Bilder), Justine Landat (Inszenierung). Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 134 S., br. 32 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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