Helga M. Novak: Im Schwanenhals

Weder heirate ich, noch lerne ich diese Sprache!

Von Sabine Doering
 - 16:50

Die Vorgeschichte dieses Buches ist lang. 1979 veröffentlichte die 1935 geborene Helga M. Novak ihre Kindheitserinnerungen unter dem Titel „Die Eisheiligen“. Die Kritiker waren damals von dem klirrenden, atemberaubend kühlen Ton fasziniert, mit der die Lyrikerin von ihrer Kindheit im Nationalsozialismus erzählte. Die Misshandlungen durch die Adoptivmutter „Kaltesofie“ wurden in der nüchternen Perspektive des Kindes zu einer Allegorie jener kleinbürgerlichen Mentalität, die dem deutschen Faschismus an die Macht verholfen hatte. Lückenlos an dieses erste autobiographische Buch schloss sich 1992 der Bericht „Vogel federlos“ an, in dem Helga M. Novak ihre begeisterte Hinwendung zum Kommunismus in der frühen DDR schilderte, ihre Hoffnung auf die gerechte sozialistische Gesellschaft und ihren Glauben an den Alleinvertretungsanspruch der SED. Schon dieser zweite Band ließ keinen Zweifel daran, dass die straffe Parteidisziplin den suchenden Fragen der Heranwachsenden und ihrer Lust an der Unabhängigkeit auf Dauer keinen Raum bot. Wie aber ging es weiter mit dieser wachen jungen Dichterin, die sich die Selbständigkeit des Denkens nicht verbieten lassen wollte und die hungrig war auf Erfahrungen aller Art, auf Reisen, Abenteuer und Liebe?

Erst jetzt, in ihrem 79. Jahr, vollendete Helga M. Novak ihr großes autobiographisches Projekt. Wieder steht eine poetische Metapher im Titel: Der „Schwanenhals“ bezeichnet das Tellereisen, das Wildtiere so grausam gefangen nimmt, dass sie sich mitunter selbst eine Pfote abreißen, um ihre Freiheit wiederzugewinnen. Zugleich ist dies auch der Name jener labyrinthischen Katakomben, mit denen chinesische Einwanderer San Francisco untertunnelt haben sollen.

Jung und ohne Argwohn

Von beidem, von bösen Verletzungen und verschlungenen Wegen, ist in diesem Band ausführlich die Rede. Die Erinnerungen setzen im Jahr 1954 ein, als Novak, neunzehnjährig und zukunftsfroh, in Leipzig das Studium der Journalistik begann. Bald aber stieß die neugierige, suchende, fragende Studentin an Schranken, die unnachgiebiger waren, als sie es sich je hatte ausmalen können. Leichtfertig hatte sie das Dokument unterzeichnet, das sie zur Mitarbeit bei der Stasi verpflichtete. Bald darauf sollte sie ihre neuen Studienfreunde bespitzeln, eine Gruppe isländischer Studenten, die in der abgeschotteten DDR so exotisch gewirkt haben muss wie eine Horde halbnackter Wikinger im Nähkränzchen.

Die Katastrophe begann, als Helga M. Novak das Schweigegebot brach, ihren isländischen Freunden von dem Spitzelauftrag erzählte und zugleich - mit einer heute verblüffend erscheinenden Naivität - ihren Austritt aus der SED erklärte. Ein solcher Akt der Selbstbestimmung war in der DDR nicht vorgesehen. Als sich Novak dann auch noch in der Vollversammlung der Leipziger Journalistik-Studenten dem eingeübten Ritual der Selbstkritik verweigerte, wurde sie zur persona non grata erklärt und tags darauf exmatrikuliert - eine Erfahrung, von deren traumatisierender Wirkung sie noch heute eindringlich berichtet, voll Verbitterung und enttäuschter Liebe.

Von Island ans Mittelmeer

An ihrer Liebe zum Sozialismus hielt Helga M. Novak weiterhin fest, wohin auch immer ihr Weg sie führte. Und das waren erstaunliche Stationen. Noch im Jahr ihrer Exmatrikulation, 1957, gelang ihr mit ihrem Partner die Flucht nach Island, wo sie zu schreiben begann und doch andauernd von ihren Leipziger Freunden träumte. Zahlreiche Brief- und Tagebuchzitate, die in die Erinnerungen hineinmontiert sind, veranschaulichen das Unglück der zornigen Migrantin, die sich schwer mit dem Isländischen tat: „Und es gibt zwei Vorsätze: weder heirate ich, noch lerne ich diese gottverdammte Sprache!“

Tatsächlich kehrte Helga M. Novak schon bald, mürbe vor Heimweh und allein, in die DDR zurück. Dort brachte sie ihren Sohn zur Welt und arbeitete in einer Fabrik, bis die Stasi sie abermals als Spitzel anwerben wollte. Wieder reiste sie nach Island, an der Seite eines anderen Mannes. Auch diese Verbindung ging in die Brüche, die nunmehr beiden Kinder wurden bei isländischen Pflegeeltern untergebracht, und voll innerer Unruhe zog Novak weiter. In Island verdiente sie sich das Geld für die erste Veröffentlichung ihrer Gedichte beim Einsalzen von Heringen, im Winter lebte sie bettelarm an der Seite eines neuen Partners auf Sizilien. Für die Schönheiten der beträchtlich wärmeren Landschaft und der antiken Zeugnisse hatte sie freilich keinen Sinn: „Sonntags riecht Palermo nach gebratener Scheiße.“

Immer auf der Suche

So unwahrscheinlich es klingt - die Dichterin zog es aufs Neue in ihre Heimat. 1965 wurde sie in Leipzig zum Studium am renommierten Johannes-R.-Becher-Institut zugelassen; sie suchte und fand die Freundschaft Robert Havemanns und träumte weiter ihren Traum von einer gerechten Gesellschaft. Anpassung hatte sie indes noch immer nicht gelernt: 1966 wurde Helga M. Novak endgültig des Landes verwiesen. Im westdeutschen Luchterhand-Verlag fand sie eine Heimat für ihre Bücher, doch sie selbst, inzwischen staatenlos geworden, fasste in der Bundesrepublik nur zögernd Fuß. Eine Zeitlang lebte sie in Jugoslawien, bis sie sich schließlich in Polen niederließ, wo sie sich inmitten der Wälder offenbar so wohl fühlt, wie es ihr weder im Norden noch im Süden je gelang.

Helga M. Novaks erstaunlicher Lebensrückblick, den sie zusammen mit der Publizistin Rita Jorek verfasste, entstand über einen langen Zeitraum. Nicht jede Nahtstelle zwischen verschiedenen Textstufen wurde dabei geglättet; nicht jede holprige Formulierung ersetzt. Seine Kraft gewinnt dieses Buch als Zeugnis einer lebenslangen Wahrheitssuche und durch seine große Offenheit, gerade auch gegenüber den eigenen Um- und Irrwegen.

Helga M. Novak: „Im Schwanenhals“. Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2013. 352 S., geb., 22,60 €.

Quelle: F.A.Z.
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