Ich schreibe dein Gefühlstagebuch

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Mitte der neunziger Jahre traf sich die Männerrunde gelegentlich in der Krakauer Gaststätte "Pod Okiem" (Zum Auge). Sie alle waren Schriftsteller, Prosaisten und Poeten, gaben reihum etwas zum besten, und jeder versuchte, die Gedanken des Vorgängers durch immer neue Wortspiele und Wendungen weiter ins Absurde zu schrauben. Einmal, als dieser geistreiche Hahnenkampf der Dreißigjährigen wieder seinen Höhepunkt erreicht hatte, betrat der graubärtige Schriftsteller Jerzy Pilch das Lokal. Er kam von gegenüber, aus der Redaktion der Wochenzeitung "Tygodnik Powszechny", wo er damals noch als Feuilletonredakteur arbeitete. Pilch setzte sich zu seinen Kollegen an den Tisch und tat mit tiefer Stimme kund, was er tags zuvor erlebt hatte. In seinen Worten lag nicht die Spur intellektuellen Ehrgeizes, er prahlte nicht, er konnte einfach erzählen. Und seine jüngeren Zuhörer zogen förmlich die Hüte vor Bewunderung: Andrzej Stasiuk, Marcin Swietlicki und Marcin Baran. Dann gab Pilch die nächste Runde aus.

Der erfolgreiche Prosaautor, dessen Erzähltalent in seiner Heimat Legende ist, stammt wie der Skispringer Adam Malysz aus der südpolnischen Protestantenenklave Wisla im Teschener Land. Eine Tatsache, mit der Pilch - neben seinem Dauerthema Fußball - jede Wintersaison aufs neue kokettiert. Vor ein paar Jahren zog er von Krakau nach Warschau um und verfaßt wöchentlich eine Kolumne in der Wochenzeitung "Polityka". In Deutschland kennt man ihn kaum. Sein Roman "Andere Lüste" über die Liebesabenteuer des Tierarztes Kohoutek erschien zwar zur Buchmesse 2000 im Verlag Volk & Welt, ging aber damals in der obligatorischen Berichterstattung über das Gastland Polen unter. Nun ist wieder ein Roman in deutscher Sprache zugänglich, er trägt den Wirtshaustitel "Zum starken Engel".

"Wenn alle Säufer das Buch lesen würden, dann könnte es eine Millionenauflage erreichen. Doch ab einem bestimmten Moment schließt Trinken Lesen aus, das ist das ganze Drama." Als Pilch dies sagte, ahnte er noch nicht, daß die Geschichte vom Schriftsteller, der durch die Liebe zu einer Frau von der Trunksucht geheilt wird, zwar nicht millionenfach verkauft, aber dennoch bei polnischen Lesern einen Nerv treffen und ihm sogar den angesehenen Nike-Literaturpreis einbringen sollte. Während Trinkerromane und Deliriumsprosa seit den sechziger Jahren mit dem Aufkommen neuer Drogenarten etwas verstaubt anmuten, gehören sie in Polen, Irland, Finnland und Rußland noch zu den Dauerbrennern. Der Genuß reinen Alkohols führt dort nicht selten zu reiner Philosophie. Pilchs Roman liest sich denn auch streckenweise wie ein Remake von Wenedikt Jerofejews Kultpoem über die berühmte Eisenbahnfahrt des volltrunkenen Wenitschka/Wenja von Moskau nach Petuschki: "So oft ich auch (nehmen wir mal an) nüchtern wie ein Engel die Szewska-Straße entlanggegangen bin und so oft ich dann noch keine zwanzig Schritte getan hatte, noch bevor zwanzig Sekunden vergangen waren, gerade sechzehn Schritte hatte ich gemacht, sechzehn Sekunden waren vergangen, da trat ich auf den Marktplatz, und im nächsten Augenblick, während ich noch auf den Markt trat, verwandelte ich mich erst vom Engel in einen Menschen, dann widerfuhr meinem Menschsein die blitzartige Verwandlung in ein Tier, und in dem Augenblick, wo ich auf den Markt hinaustrat, war ich tierisch besoffen." Doch wo Pilchs Ich-Erzähler Jurus von einer Entziehungskur zur nächsten schreitet, denkt Jerofejews Held Wenitschka niemals ernsthaft daran, mit dem Trinken aufzuhören.

Das "Gefühlstagebuch" kommt als Form der Schreibtherapie bei Suchtkranken zum Einsatz. Es soll den Abhängigen helfen, ihre Emotionen kennenzulernen und zu benennen. Was aber geschieht, wenn man es mit einem schwierigen Patienten wie Pilchs Helden zu tun hat, der professionell schreibt und daher alles benennen kann und seine Trinkerbeichte überdies noch mit einer gehörigen Portion Selbstironie versieht? "Hör zu, Jurus", sagt der Stationsarzt Doktor Granada einmal, "du gehörst zur Kategorie der schwierigen Patienten. Ein schwieriger Patient ist ein Patient, der auf einem Gebiet über hochgradige Fähigkeiten verfügt, und wenn er hier ist, kann er sich nicht nur von diesen Fähigkeiten nicht lossagen, sondern er benutzt sie noch, um seine Deliranz zu verteidigen." Binnen kurzer Zeit wird Jurus für seine Mitpatienten auf der Station unentbehrlich. Er hilft denen, die zwar erzählen, aber nicht schreiben können, indem er ihnen die Trinkerbeichte niederschreibt, und macht sich so zum Sekretär ihrer Gemüter.

"Zum starken Engel" basiert selbst auf dem Prinzip des Gefühlstagebuchs, der Roman hat keinen nacherzählbaren Plot. In die therapeutische Routine, das tägliche Hauchen der Patienten in den Alkomaten, mischen sich Jugenderinnerungen und die gängigen Wahnideen und Bewußtseinstrübungen eines Alkoholikers im Delirium tremens. Auf anfallartiges Essen folgen stundenlange Telefonate im Suff, die Wäsche wird in der Badewanne gewaschen, weil das Geld nicht für eine Waschmaschine reicht. Auf triste, nächtliche Streifzüge durch Schnapsläden folgen Anleitungen zur Herstellung von Fusel, es wird über Anlässe sinniert, die Grund zum Saufen boten. Die poetischen Liebesbekundungen des Erzählers an jene Frau, die ihn letztlich retten wird, lesen sich nicht ohne Rührung. Hier liegt der Unterschied zu Pilchs früheren Büchern, etwa zu "Monolog z lisiej jamy" (Monolog aus dem Fuchsbau, 1996), in denen es stets um Alkohol und Männerphantasien, seltener jedoch um Liebe ging. Nicht nur der Vorname des Helden, auch die Örtlichkeiten der Romanhandlung legen biographische Bezüge zum Autor nahe, auch wenn es an einer Stelle mit Kafka heißt: "Ich habe kaum etwas mit mir gemeinsam."

In wenigen Momenten ist die Übersetzung von Albrecht Lempp etwas blutarm geraten, wodurch dem Text eine Qualität des Originals verlorengeht. Doppelsinniges wird vereindeutigt ("Utrata" ist der Name eines Flusses, bedeutet aber im Polnischen zugleich "Verlust"), die wortreiche Erläuterung wird dem treffenden Begriff vorgezogen. Das in der Übersetzung allerdings sehr gelungene Kapitel "Die Fuchsstute Fuchs" kann für sich stehen; eine Trinker-Episode aus dem verschneiten Teschener Land, der ganze Pilch in erzählerischer Hochform.

STEFANIE PETER

Jerzy Pilch: "Zum starken Engel". Roman. Aus dem Polnischen übersetzt von Albrecht Lempp. Luchterhand Verlag, München 2002. 283 S., geb., 20,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.02.2003, Nr. 30 / Seite 36
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