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Ian Buruma: „Ihr gelobtes Land“

Nur einer entkam dieser Familie

Von Stephan Wackwitz
 - 23:28
Zerbrechliches Idyll: Familienferien in der Schweiz. Bild: Privatarchiv Ian Buruma, F.A.Z.

Das Gattungsrisiko von Familienmemoiren besteht darin, dass genau die Erinnerungen, die dem Autor am teuersten sind, seinen Lesern auf den ersten Blick gar nichts bedeuten. Man freut sich für Autor oder Autorin, dass die Tante nett war, gut roch und Vertrauen ausstrahlte. Aber es ist einem halt auch herzlich egal. Es sei denn, es gelänge dem Autor, die soziologische, historiographische, psychologische Relevanz seiner Lebenserinnerungen dem Publikum plausibel zu machen.

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Zwar ist auch ein Leben, in dem nichts Spektakuläres passiert, immer auch für den Zustand der jeweiligen Gesellschaft bedeutsam und deshalb ein lohnender literarischer Gegenstand. Aber die Erinnerung an Onkel und Tante, Geburtstag und verschneite Kinderweihnacht allein macht ein vergangenes Leben noch nicht lesenswert. Literarisch erfolgreiche Bücher dieses Genres orientieren sich deshalb – wenn man es mit Walter Benjamin sagen will – an der Figur des „historischen Materialisten“, von dem es in den „Thesen über Geschichte“ heißt, er überlasse „es andern, bei der Hure ,Es war einmal‘ im Bordell des Historismus sich auszugeben. Er bleibt seiner Kräfte Herr: Manns genug, das Kontinuum der Geschichte aufzusprengen.“

Der Holländer Ian Buruma ist Professor am berühmten Bard College, eine Autostunde von New York entfernt, seit kurzem Chefredakteur der liberalen intellektuellen Zeitschrift „The New York Review of Books“, Sinologe und Autor wichtiger Bücher über Japan, Film, Theologie, das Jahr 1945 und über das Leben und die Ermordung Theo van Goghs durch einen islamistischen Attentäter 2004 in Amsterdam. Jetzt hat er seinen Großeltern Bernard und Winifred Schlesinger, deren Vorfahren aus Deutschland eingewandert waren und in der Londoner City Karriere gemacht hatten, ein Erinnerungsbuch gewidmet.

„Es ist die alte Einwanderergeschichte – Assimilation als Zeichen von höherer Bildung und Wohlstand“, schreibt Buruma. Er schildert – ausgehend von verklärten Erinnerungen an seine Kindheitsbesuche bei Opa und Oma in Woodlands Saint Mary in Berkshire – die Geschichte einer jüdischen Familie, in der die üblichen bildungsbürgerlichen Rituale, Ressentiments und Sensibilitäten die vorschriftsmäßige Rolle spielen: liberal-konservative politische Einstellungen, ein eher indifferentes, „unmusikalisches“ Verhältnis zur Religion, Patriotismus, Familiensinn, Konventionalität und kultische Verehrung jeder Form von Kultur, vor allem der Musik.

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Moralisch wünschenswert, poetisch unergiebig

Winifred ist eine begabte Geigerin und Gärtnerin, Bernard ein Arzt, der beide Weltkriege als britischer Soldat und Militärarzt durchsteht. Die quälend lange Verlobungszeit, die strapaziöse innerliche Auseinandersetzung mit dem britischen Antisemitismus, das Engagement des Paars für die jüdischen deutschen Kinder, die in den späten dreißiger Jahren mit den sogenannten „Kindertransporten“ nach Großbritannien kamen, die langen Trennungen, die durch Briefe (Buruma zitiert sie ausführlich) überbrückt werden, die herzlose Enttäuschtheit der Eltern über ihren ältesten Sohn John, der als Filmregisseur von „Sunday, Bloody Sunday“ und „Marathon Man“ das erfolgreichste Familienmitglied werden wird.

Kaum eines der Ereignisse, die Buruma schildert, kann ein intensiveres ästhetisches oder dokumentarisches Interesse beanspruchen als ein durchschnittliches Familienfotoalbum. Erst spät wird deutlich, warum uns das alles erzählt wird. Ein Brief Bernard Schlesingers aus dem Kriegseinsatz in Indien besingt die „Heimaterde von Berkshire“, in der Winifred derweil gärtnert und sich um ihren Mann und um ihr Altwerden Sorgen macht. Der Enkel kommentiert: „Dennoch glaube ich, dass die Lobgesänge an die Scholle von Berkshire mehr waren als ein heimeliges Sicherheitsgefühl, nämlich Ausdruck des tiefen Bedürfnisses, ins Idyll eingebettet zu sein – anders als manche Sektierer glauben, ein Beweis dafür, dass niemand hartnäckiger an neu gepflanzten Wurzeln festhält als der patriotische Einwanderer oder sein Nachwuchs: unter der Voraussetzung natürlich, dass sie sich akzeptiert fühlen.“

Die Passage enthüllt (neben dem eigentümlich unbeholfenen Deutsch der Übersetzerin Barbara Schaden), dass „Ihr gelobtes Land“ als Gegenstück gelesen werden muss zu Burumas brillantem Buch „Die Grenzen der Toleranz“ (2007) über den Mord an Theo van Gogh und die massenhaft misslungene Assimilierung, die in diesem Kriminalfall gipfelte. Das literarische Problem des neuen Buchs besteht darin, dass die gelingende Anpassung an eine Gastgesellschaft zwar politisch und moralisch wünschenswert, poetisch aber unergiebig ist.

Das Gelungene ist das Langweilige: Bernard und Winifred sind sympathische gute britische Bürger, gebildet, tüchtig, manchmal heroisch und (zumindest für den Enkel) rührend. Aber diese realen Vorzüge seiner Großeltern können literarisch nicht konkurrieren mit den Figuren des Buchs, zu dem das vorliegende ein Pendant ist: mit dem armen, dicken, verrückten Provokateur Theo van Gogh, dem flamboyanten, lauten Pim Fortuyn, den dämonisch entschlossenen Mördern der beiden, mit dem ganzen politischen und gesellschaftlichen Schlamassel, das in jenen Taten explodiert ist.

Das versteckte Shakespeare-Zitat im Schlusssatz des Buchs – „solange es Leser gibt, ist das Nachleben von Bernard und Win sichergestellt durch das schriftliche Zeugnis, das sie hinterlassen“ – hinterlässt das ungute Gefühl, dass hier ein Autor von seinem Gegenstand viel begeisterter ist, als er seine Leser machen konnte. Paradoxerweise gibt es eine Figur, deren familiensoziologisch-feinmalerische Ausgestaltung das „Kontinuum der Geschichte aufsprengen“ und über die Gelähmtheit, die über dem Buch liegt, hätte hinausführen können: Burumas Onkel John Schlesinger.

Er wurde von seinen Eltern seine gesamte Kindheit und Jugend hindurch inbrünstig verachtet. Der älteste Sohn von Bernard und Winifred war nach Ansicht seiner Mutter der „faulste, egoistischste &. nichtsnutzigste Junge, dem ich je begegnet bin“. Er verkleidete sich als Kind gern als „Glamour-Girl“, inszenierte Laienvarietés, lernte Zaubern statt Klavierspielen, trat im Theater auf, war offensichtlich schwul und an Sex interessiert, der Einzige in der Familie, der öffentlich sagte, er sei Jude und stolz darauf – und schließlich ein weltberühmter Regisseur.

John Schlesinger war der Rockstar dieser Familie, der er schlechterdings nichts recht machen konnte. „In der Einschätzung von John stimme ich Dir zu; am meisten Sorgen macht mir tatsächlich seine Rücksichtslosigkeit & mangelndes Interesse an allem Intelligenten oder Ernsthaften.“ Das war Bernard über den Heranwachsenden. Und Winifred schreibt über den noch kleinen Jungen: „Ich fürchte, ich muss leider sagen, dass unser Ältester ein Reinfall ist.“ Wie „L’Idiot de la famille“ John Schlesinger sich gegen das emotionale Bombardement seiner Eltern behaupten und im Gegensatz zu ihrer kultivierten Mittelmäßigkeit ein bedeutender Künstler werden konnte – das wäre der Gegenstand eines Bildungsromans gewesen, in dem über die Borniertheit des Bildungsbürgertums, die emotionalen Risiken kultureller Assimilation, die Wechselbeziehungen zwischen Kultur, Familienpsychologie und sozialem Aufstiegswillen in einer Weise hätte erzählt werden können, die die Zukunftsversprechen in der Vergangenheit von Bernard und Winifred Schlesinger darstellerisch freigesetzt hätten. Burumas Entscheidung für das Idyll hat nur einen nostalgischen Seitenflügel zu seinem monumentalen Buch über Theo van Gogh, Pim Fortuyn und die Morde von Amsterdam hervorgebracht.

Ian Buruma: „Ihr Gelobtes Land“. Die Geschichte meiner Großeltern. Aus dem Englischen von Barbara Schaden. Carl Hanser Verlag, München 2017. 272 S., geb., 24,– €.

Quelle: F.A.Z.
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