Ildikó von Kürthy: Unter dem Herzen

Der ganz normale Wahnsinn

Von Felicitas von Lovenberg
 - 16:50

Anders als Führungspositionen in anderen Lebensbereichen ist Muttersein keine Frage der Fähigkeiten, von Ehrgeiz, Disziplin oder Fleiß, sondern einfach eine biologische Beförderung zur Autorität - der willkürlichen medialen Ausrufung von immer neuen Experten nicht ganz unähnlich. Und weil ungeteilte Erfahrungen nun mal wenig wert sind, gehört der professionelle Baby-Gesang inzwischen zur prominenten Journalistinnen-Mutter wie der Schnuller zum Kind: Von Katja Kessler gibt es das Mami-Buch, von Carolin Beil die Mami-DVD, und von heute an kommt von der Bestsellerautorin Ildikó von Kürthy „Unter dem Herzen - Ansichten einer neugeborenen Mutter“ hinzu.

Im Authentizitätsgewand der Tagebuchform lässt die Schriftstellerin ihre vorwiegend pränatalen Leserinnen - Frauen ohne Kinderwunsch und Männer werden von diesem Titel instinktiv die Finger lassen - teilhaben an den kleinen Dramen ihrer Schwangerschaft, schildert Freude, Unsicherheiten, Spleens, Ängste und die Kunst der Lebensführung mit Bauch. Zum Glück hat Kürthy ihren ausgeprägten Sinn für Humor beim Anblick des positiven Schwangerschaftstests nicht verloren. Und so ist sie auch kein Opfer jener kultischen Verhaltensweisen geworden, die eine Schwangerschaft zum erleuchteten Ausnahmezustand verklären, sondern ganz normal geblieben - und damit durchaus skeptisch dem Veitstanz ihrer Hormone gegenüber. Ildikó von Kürthy, als nicht mehr blutjunge Erstgebärende Vertreterin einer neuen Müttergeneration, betrachtet sich gewissermaßen als Versuchskaninchen eines in unserer Gesellschaft immer weniger normal gewordenen Vorgangs. Insofern geht es weniger um Schwangerschaft, Geburt und erste Kindesmonate als um den mentalen Umgang damit. Und der ist bei Kürthy in erster Linie gut gelaunt, selbstironisch und sehr, sehr witzig.

Offenherzige Bekenntnisse

Nach Art der chaotischen englischen Kolumnen-Heldin Bridget Jones, die hier überhaupt Patin gestanden haben könnte, beginnen viele Einträge mit Notizen zu Gewicht und Gemütsverfassung. „5. November. Schwangerschaftswoche 15 + 1 Tag. Es ist ein Junge. Damit fällt das Kind in die Kategorie ,Hauptsache, gesund’.“ Einen Monat später konstatiert sie trocken: „5. Dezember. Schwangerschaftswoche: 19. Zustand: Ich sehe jetzt von vorne genauso aus wie von hinten. Befremdlich irgendwie. Als würde ich ein weiteres Kind im Po austragen.“ Da hat der Knabe auch schon einen lustigen Arbeitstitel verpasst bekommen: Schlomo. Dieser erweist sich als ungemein hilfreich, um Fragen nach der späteren Namensgebung auszuweichen, und ist außerdem herrlich wandelbar, von Schlomo über Schlömchen und Schlominsky bis zu Schlomenberger. So kann das noch ungeborene Kind es an expressiver Charakterstärke bereits mit seiner Quasselmutter aufnehmen.

Denn mit ihrem Buch kommt die Autorin nicht nur dem eigenen Bedürfnis nach Austausch über die Elementarerfahrung entgegen, sondern sie übernimmt für ihr Publikum zugleich gekonnt den undankbaren, aber ungemein tröstlichen Part der dickeren Freundin. „2. März. Schwangerschaftswoche: 31 + 6, achter Monat. Gewicht: Ich dachte nicht, dass ich in meinem Leben jemals so viel wiegen könnte. Ich bin jetzt eine Frau, der man im Bus einen Platz anbietet, der man erschrocken die Tür aufhält und bei der man sich sorgt, dass sie gleich auf dem edlen Teppich niederkommt.“ Solche und ähnlich offenherzige Bekenntnisse - „Der neunte Monat ist keine gemütliche Zeit, das muss man ganz klar so sagen. Wenn dir etwas runterfällt, überlegst du sehr genau, ob du es aufhebst oder ob es bis nach der Niederkunft liegenbleiben kann“ - machen das Buch zur Wohlfühllektüre in neun an Wohlfühlmomenten nicht eben reichen Monaten.

Schreien und Schreiben trennt nur ein Buchstabe

Alles, was Schwangere verhaltensmaßregelt, verunsichert oder mindestens zum Geldausgeben verleitet, wird hier mitsamt der leichtgläubigen, alles ausprobierenden Ich-Erzählerin durch den Kakao gezogen, vom Schwangeren-Yoga bis zur figurformenden Stretchunterwäsche. Die Freundin, die neben einer alten Babyerstausstattung auch gleich das Stillkissen mit Sabberflecken aus dem Keller holt und freudestrahlend überreicht, hat ebenso ihren Auftritt wie die kinderlose Karrierefrau-Freundin, die künftig als Patentante einen tollen Job machen wird. Kein Schwangerschafts-Klischee wird ausgespart, von Online-Foren, wo jedes Wehwehchen Panikattacken heraufbeschwört, bis zum Großeinkauf von Accessoires zum vermeintlichen Kindeswohl. Ein solches von Kürthy erfundenes, kreischbuntes Sammelsurium besteht dann etwa aus „Baby-Smartphone mit Tierstimmen, Musikschnecke, 3D-Faszinationsmobile mit Fernbedienung und multimedialem Lauflernwagen“.

An dieser quirligen Mischung lässt sich das Rezept der Autorin gut ablesen: Man nehme die Realität und schildere sie immer etwas exaltierter, lustiger und interessanter, als sie ist. Dieser Stil passt insofern zum Thema, als der Hang zur Übertreibung in der Schwangerschaft geradezu klassisch ist. Sei es, dass plötzlich erstaunliche Portionen seltsamer Lebensmittel verdrückt werden, die Wahl eines Kinderwagens quasireligiöse Züge annimmt oder dass Strampler, Spielzeuge und andere Babyutensilien mit einem Übereifer angehäuft werden, ganz so, als sei demnächst die Schließung sämtlicher Kinderläden zu befürchten. Insofern steht die Lust an der Übertreibung in keinem Widerspruch zu Ildikó von Kürthys Behauptung, sie könne nur eine Sache wirklich gut: „darüber schreiben, wie es ist, normal zu sein“.

Doch selbst Kürthy kann sich der Zeitenwende des Vor- und Hinterher nicht ganz entziehen, und so zerfällt das Buch in zwei Teile: den sehr witzigen der Schwangerschaft und den deutlich gefühlsbetonteren von Schlomos erstem Jahr. Bekanntlich verstehen Säuglinge noch keinen Humor. Insofern hätte das Buch mit Schlomos Geburt durchaus enden dürfen. Andererseits hat man sich da mit Ildikó von Kürthy und ihrem Bauch bereits angefreundet. Bezeichnenderweise wird das Tagebuch nun in weit größeren Abständen geführt, und auch die Unmöglichkeit, mit einem Baby Alltag oder gar Arbeitsrhythmus zu planen, wird plastisch, wenn Mutter Kürthy übermüdet mit einer Hand eine Kolumne tippt und mit der anderen das weinende Kind zu beruhigen versucht. Zum Glück trennt Schreien und Schreiben offenbar nur ein Buchstabe: „Endlich!“, Ildikó von Kürthys letzter Roman, erschien 2010 kurz nach der Geburt ihres zweiten Sohnes.

Ildikó von Kürthy: „Unter dem Herzen“. Ansichten einer neugeborenen Mutter. Mit Zeichnungen von Stefan Werthmüller. Wunderlich/Rowohlt Verlag, Reinbek 2012. 298 S., br., 14,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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