Im Gespräch: Reiner Stach

War Kafkas Leben kafkaesk?

Von Thomas David
 - 21:55

Seit mehr als zehn Jahren arbeitet er an seiner großen Biographie über Franz Kafka. Dennoch ist Reiner Stach ganz er selbst, als er die Tür zu seiner Wohnung in Hamburg-Eppendorf öffnet. Ein Langstreckenläufer, der zwischen den Etappen gern bei Kaffee und Kuchen pausiert. Auf den ersten Blick hat die Umgebung nichts Kafkaeskes, doch sobald Stach zu erzählen beginnt, sieht der Besucher ein Gespenst, das in der Ecke sitzt.

Herr Stach, der erste Band Ihrer Kafka-Biographie erschien 2002. Pünktlich zum 125. Geburtstag des Autors am 3. Juli legen Sie nun den zweiten von insgesamt drei Bänden vor. Hätte sich Franz Kafka über dieses Geschenk gefreut?

Als Geschenk wäre das natürlich eine zweischneidige Sache. Als Biograph rückt man Kafka ja sehr viel näher auf den Leib, als er das zu Lebzeiten von irgendjemandem geduldet hätte. Im zweiten Band, der die Jahre 1916 bis 1924 behandelt, geht es zum Beispiel um Kafkas Beziehung zu Milena Jesenská, über die er - abgesehen von seinem Freund Max Brod und seiner Schwester Ottla - wohl kaum jemandem Näheres erzählt hat. Dass eines fernen Tages jeder nachlesen kann, wie intensiv und verzweifelt seine Liebe zu Milena war - es ist sicher gut, dass er dies nicht vorhersehen konnte. Aber ich nehme an, dass er sich andererseits doch darüber gefreut hätte, dass sein Werk in der Weise gewürdigt wird, wie das heute der Fall ist. Ohne Stolz auf die eigene Leistung war auch dieser Autor nicht.

In seinem Testament bestimmte Kafka, dass sein Nachlass, darunter die Tagebücher und Briefe, nach seinem Tod zu verbrennen seien und Privates somit nicht in fremde Hände gelangt. Bereits Max Brod hat diesen Wunsch missachtet. Worin liegt für Sie die Verantwortung des Biographen gegenüber Kafka?

Man darf vor allem nicht so tun, als sei man mit Kafka per du - selbst wenn man noch so viel über ihn weiß. Seine Würde soll gewahrt bleiben, falsche Vertraulichkeit und Bloßstellungen um ihrer selbst willen sind tabu. Aber wenn ich sehe, wie Kafka sein Leben inszeniert, wie er übertreibt oder dieselbe Klage zum zehnten Mal wiederholt, kann ich natürlich schon mal sagen: „Okay, Junge, das genügt.“

Kennen Sie Kafka besser als er sich selbst?

Auf keinen Fall. Kafka hat sich und seine Strategien in hohem Maße durchschaut. Es ist ja gerade der Dreh, dass er die Selbstinszenierung, die er betreibt, und die Selbsttäuschungen, denen er erliegt, in seinem Werk wiederum thematisiert und dadurch auf eine neue Erkenntnisstufe gelangt. Er macht das Deuten selbst zum Thema: das bohrende Verlangen nach der Aufhellung eines zunächst dunklen Zustands, wozu auch die Verfassung der eigenen Psyche gehört.

Gibt es einen Unterschied zwischen Ihrer Kafka-Biographie und dem „wahren Leben des Franz Kafka“, also eine tiefere Wahrheit, die sich der sprachlichen Darstellung entzieht?

Ist das nicht bei jedem Menschen der Fall? Es gibt bestimmte Dinge, die man über einen anderen einfach nicht wissen kann. Kafka hat im Leben vermutlich Hunderttausende mündlicher Sätze hervorgebracht, und wie viele kennen wir davon? Vielleicht hundert. Das muss man sich in aller Bescheidenheit mal klarmachen. Alles, was ein Biograph tun kann, ist, bestimmte Muster aufdecken, intellektuelle zumal. Aber Kafka war im Alltag wahrscheinlich ganz anders, als man es sich auf den ersten Blick vorstellt. Wer nur die Tagebücher kennt, glaubt kaum, wie albern er sein konnte. Er hatte große Probleme, die psychische Balance zu halten, hatte oft Zwangsgedanken, Gewaltgedanken bis hin zu Zerstückelungsphantasien. Das alles durch bewusste Reflexion unter Kontrolle zu halten war anstrengend, und wenn sich die seltene Gelegenheit der Entspannung bot, ist er regelrecht regrediert. Wer so gefährdet ist wie er, lechzt nach jedem Moment, in dem andere die Fürsorge übernehmen.

Wissen Sie denn inzwischen, „wie es gewesen ist, Franz Kafka zu sein“?

Diese Formulierung, die ich in der Einführung zum ersten Band meiner Biographie verwendet habe, wird mir des Öfteren unter die Nase gehalten. Sie klingt nach Größenwahn, beschreibt aber lediglich das utopische Ideal des Biographen. Zeitweise ist Kafkas Leben so gut dokumentiert, dass dieses Erkenntnisideal in greifbare Nähe rückt, da lässt sich manchmal von Stunde zu Stunde verfolgen, was in ihm vorgeht, manchmal lässt sich gar vorhersehen, was als Nächstes passieren wird. Man kann Kafka in gewissen Augenblicken ganz nahe kommen, aber das bedeutet nicht, dass wir wirklich begreifen, wie jemand so etwas wie den „Landarzt“ erfinden konnte. Das bleibt rätselhaft.

War Kafkas Leben kafkaesk?

Ja, das würde ich schon sagen. In Kafkas Leben gibt es merkwürdige Zufälle, Wiederholungen und Vorwegnahmen, die fast so wirken, als ob ein Romanautor daran gedreht hätte.

Ist der Begriff des „Kafkaesken“ die Formel zum Werkverständnis oder eher ein Klischee?

Eigentlich kann ich mit dem Begriff gar nicht so viel anfangen. Meistens meinen die Leute damit etwas Absurdes und zugleich Unheimliches, meistens geht es um irgendwelche Machtbeziehungen: Wenn diejenigen, die das Zentrum der Macht besetzen, im Dunkeln bleiben, dann hat man das Gefühl, die Situation sei „kafkaesk“. Das ist vermutlich auch die entscheidende Verbindungslinie zwischen Kafka und uns. In seinen Romanen ist ja der Gipfel der Pyramide unsichtbar, und in der heutigen Gesellschaft weiß man - trotz der scheinbaren Transparenz - auch nicht so genau, wie es in den obersten Instanzen zugeht. Wir wissen nicht, wo das Machtzentrum liegt, wir wissen nicht einmal, ob es ein solches Zentrum überhaupt gibt. Wer entscheidet in letzter Instanz über die Weltmarktpreise von Öl und Lebensmitteln? Welche Personengruppe hat den größten Einfluss auf die Börsenkurse? Man wüsste gern, wie es dort oben zugeht, aber man lernt allenfalls die Zwischenhändler kennen. Das ist genau wie in Kafkas „Proceß“.

Wären Sie Kafka gern einmal begegnet?

Natürlich. Aber es wäre jetzt meinerseits regressiv, wenn ich einer solchen Phantasie allzu viel Raum geben würde. Ich habe immerhin einmal Kafkas Nichte getroffen, die inzwischen verstorbene Marianne Steiner. Sie sah aus wie Kafka, sie hatte noch den alten Prager Akzent, und da habe ich schon ein paar Minuten gebraucht, um mich wieder zu fassen.

Welche Fragen hätten Sie ihm gern gestellt?

Da müsste man sich ein paar besonders provokative Fragen ausdenken, denn er war ja sehr eloquent und äußerst geschickt in der Abwehr unangenehmer Interventionen. Ich würde ihn zum Beispiel gerne fragen, was er wirklich von Max Brod gehalten hat. Brod war sicherlich eine Art Lebensmensch für Kafka. Aber Kafka muss doch gemerkt haben - und aus seinem Tagebuch geht es deutlich genug hervor -, dass Brod ihn in fundamentalen Dingen überhaupt nicht verstanden hat. Warum waren ihm Brods Urteile dennoch so wichtig? Das ist schwer zu verstehen. Ich glaube, wenn Kafka die Chance gehabt hätte, seinen Freundeskreis zu erweitern und beispielsweise die Bekanntschaft mit Robert Musil zu vertiefen, wäre Brod weniger wichtig für ihn gewesen. Musil wäre sicherlich nicht so kritiklos mit ihm umgegangen wie Brod, aber er hätte Kafka intellektuell belebt und auf seine Selbstzweifel vermutlich die besseren Antworten gehabt.

Und möglicherweise hätte er Kafkas Nachlass verbrannt.

Das glaube ich nicht. Texte auf diesem Niveau verbrennt man nicht. Das ist keine moralische Frage.

Auf welchen der inzwischen ja weit über tausend Seiten Ihrer Kafka-Biographie erfährt der Leser etwas über Reiner Stach?

Das Wort „ich“ kommt in der Biographie nicht vor, aber da ich nun mal der Autor bin, ist sie aus meiner Perspektive erzählt, und da gibt es natürlich Ereignisse und Äußerungen, die einem aufgrund der eigenen Struktur sympathischer oder verständlicher sind als andere. Ich vermute zum Beispiel, dass ich für neurotisches Verhalten ein wesentlich besseres Einfühlungsvermögen habe als für psychotisches, für Zwangssymptome wiederum ein besseres als für hysterische Inszenierungen. Ich könnte deshalb wohl keine Biographie über Else Lasker-Schüler schreiben, deren Verhalten eindeutig psychotisch war. Da verspüre ich einen Widerstand, den ich gegenüber Kafka nicht habe.

Woher rührt Ihre Kafka-Faszination?

Mich hat von Anfang an vor allem das Geheimnisvolle seiner Wirkung interessiert. Bei Thomas Mann und Musil ist es doch so, dass die Probleme, um die es in ihren Texten geht, sich allmählich historisch von uns entfernen. Eheprobleme, wie sie bei Schnitzler vorgeführt werden, oder beim frühen Thomas Mann die Nöte des Künstlers in der bürgerlichen Gesellschaft: das wirkt heute befremdlich, sogar komisch. Bei Kafka hingegen hat man das Gefühl, dass er auf einer Ebene operiert, wo die Geschichte gar nicht hinreicht oder sich Veränderungen doch wenigstens sehr viel langsamer abspielen.

Was haben Sie beim Schreiben der Biographie über sich selbst herausgefunden?

Da werden einem die eigenen Grenzen schon sehr deutlich vorgeführt. So absurd das klingt: Erst durch Kafka habe ich wirklich verstanden, dass die Sprache ein Potential hat, das mir selbst bei größter Anstrengung niemals zur Verfügung stehen wird. Die Fallhöhe zwischen Kafkas Prosa und dem, was man selbst zu schreiben in der Lage ist, steht einem bei der Arbeit permanent vor Augen. Man lernt Bescheidenheit, man lernt auch eine Art intellektueller Redlichkeit. Der freundliche Kafka ist ein ziemlich harter Zuchtmeister.

Schriftstellerbiographien würden in Zusammenarbeit mit ihrem postumen Protagonisten geschrieben, sagte der englische Biograph Michael Holroyd einmal. Hat sich Kafka der Zusammenarbeit mit Ihnen je widersetzt?

Kafka ist in gewissem Sinne eine abweisende Figur. Das hängt mit seiner Lebensstrategie zusammen, sich selbst zu verrätseln, andere nicht zu nah herankommen zu lassen. Diejenigen, die ihn kannten, sagen übereinstimmend, dass Kafka auf alle möglichen Leute sehr einfühlsam reagiert hat. Wenn man dann aber den Spieß herumdrehte und etwas über Kafka wissen wollte, stieß man gegen eine Glaswand. Dahinter stand Kafka und lächelte. Seine Texte sind in gewisser Weise ebenso abweisend; er war bemüht, seine Texte dem Zugriff der Leser und einer allzu schnellen Deutung zu entziehen. Von einer „Zusammenarbeit“ kann also keine Rede sein, man muss alles herauslocken.

Wie sähe die Gegenwartsliteratur aus, wenn es Kafka nicht gegeben hätte?

Wir wären dann dem realistischen Erzählen des neunzehnten Jahrhunderts wahrscheinlich noch immer sehr viel näher. Kafka hat dafür gesorgt, dass das Fragmentarische, das Paradoxale, das Abgebrochene, Widersprüchliche und Verstümmelte Zugang in die Literatur findet und dort seine eigene Würde bekommt. All diese literarischen Formen geben etwas vom Wesen des zwanzigsten Jahrhunderts wieder, und hätte Kafka uns das nicht vorexerziert, würden diese Formen weder von Lesern noch von Autoren so selbstverständlich akzeptiert, wie uns das heute geläufig ist. Abgesehen davon wüssten wir ohne Kafka vielleicht nicht, über welch enormes Ausdrucks- und Kommunikationspotential bereits der Grundwortschatz der Sprache verfügt. Auch das Einfache kann höchst raffiniert sein, das hat uns Kafka gelehrt.

Welche Entwicklung hätte sein Werk genommen, wenn Kafka 1924 nicht gestorben wäre?

Ich glaube, von seiner asketischen Haltung gegenüber der Sprache wäre er nicht abgerückt, aber möglicherweise wäre er wieder zum Erzählen zurückgekehrt. Die reflektierende Prosa, die er schließlich bevorzugte, war ja eine direkte Folge des Schreckens, den er in seinen letzten Jahren erlebte. Hätte er die Tuberkuloseerkrankung überlebt, hätte er wahrscheinlich wieder mehr Lust am Erzählen bekommen, am Spintisieren und Ausmalen von witzigen, phantasiegesättigten Ereignissen. Ich glaube, diese merkwürdige Zurückhaltung vom Erzählen war etwas, das ihm nicht wirklich entsprach. Das geschah unter dem Druck, Bilanz ziehen zu müssen: unter dem Zwang, gewissermaßen im freien Fall noch die letzten Wahrheiten erhaschen zu müssen.

Welche Charaktereigenschaft schätzen Sie an Kafka besonders?

Seine Wahrhaftigkeit. Ich weiß noch, welches Schockerlebnis die Briefe und Tagebücher in mir auslösten, als ich sie als Student zum ersten Mal las, weil ich merkte, dass hier jemand in einer Weise wahrheits- und gerechtigkeitsbewusst ist und auf eine derart schonungslose Weise den Blick auf sich selbst richtet, wie es mir und allen Menschen, denen ich je begegnet war, vollkommen unmöglich war.

Was hat sich Kafka von seinen Freunden zum Geburtstag schenken lassen?

Bücher, überraschenderweise. Aber viel witziger ist, was er selbst verschenkt hat. Max Brod zum Beispiel hat er einmal einen Kieselstein geschenkt, der noch heute in Tel Aviv in Brods Nachlass liegt.

Wie werden Sie Kafkas Geburtstag verbringen?

Ich werde eine Flasche Pils öffnen, ab und zu das Radio oder den Fernseher einschalten und mal hören, was man so über Kafka sagt. Natürlich wäre es schön, wenn ich dabei ein paar eigene Gedanken wiederfände und das Bild von Kafka etwas weniger grobkörnig wäre als bei den Gedenktagen in der Vergangenheit.

Zur Person

Reiner Stach wird 1951 im sächsischen Rochlitz geboren.

Das Studium der Philosophie, Literaturwissenschaft und Mathematik in Frankfurt am Main schließt er mit der Promotion über „Franz Kafkas erotischen Mythos“ ab, die 1987 in Buchform erscheint. Er arbeitet zunächst als Wissenschaftslektor und Herausgeber von Sachbüchern, darunter „Zur Psychologie des Laufens“ (2000).

Der von Stach in den Vereinigten Staaten entdeckte Nachlass von Felice Bauer wird 1999 in der Ausstellung „Kafkas Braut“ unter anderem in Frankfurt, Wien und Prag gezeigt. Der Autor einer Geschichte des S. Fischer Verlags ruft ebendort auch das beste deutschsprachige Kafka-Portal ins Leben, www.franzkafka.de

2002 erscheint mit „Kafka - Die Jahre der Entscheidung“ der erste Band von Reiner Stachs Kafka-Biographie. Band II, „Kafka - Die Jahre der Erkenntnis“, ist soeben bei S. Fischer herausgekommen. Der abschließende dritte Band, für den die Auswertung des für die Forschung nach wie vor weitgehend unzugänglichen Nachlasses von Max Brod in Tel Aviv unerlässlich ist, wird Kafkas Kindheit und Jugend behandeln.

Quelle: F.A.Z.
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