Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend

Das fünffache Leben der Frau Hoffmann

Von Andreas Platthaus
 - 11:48

Jeder Weg führt ins Grab. Das ist eine Binsenweisheit. Aus ihr macht Jenny Erpenbeck einen großartigen Roman. Weil sie das Grab nicht ans Ende stellt, sondern an den Beginn. An den Beginn ihres Buchs, an den Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts und an den Beginn des Lebens eines Mädchens. Ein paar Monate ist das Kind nur alt, da erstickt es in der Wiege und liegt am Tag danach in der Erde. „Über einem Säugling, der plötzlich gestorben ist, wölbt sich der Hügel fast gar nicht.“ Das ist der lapidare, fast schon fatalistische, immer aber unverkennbare Ton, in dem Jenny Erpenbeck ihren Roman „Aller Tage Abend“ erzählt.

Aller Tage Abend - das meint den Tod. Doch der Titel verdankt sich der Lebenseinstellung einer der Figuren des Romans, der Großmutter des toten Mädchens, einer galizischen Jüdin, der man bei einem Pogrom den Ehemann hingemetzelt hat (man kann es nicht anders sagen; die Schilderungsweise dieses Mords ist einer der wenigen Fehlgriffe im Buch, weil seine Drastik das Stilgefüge sprengt) und die ihre siebzehnjährige Tochter dazu gedrängt hat, einen Christen zu heiraten, damit sie aus dem Teufelskreis des Antisemitismus herauskommt. Die Erfahrung der Untat an ihrem eigenen Mann hat die Großmutter etwas gelehrt, was sie auch nun für die Tochter nach dem Tod von deren Kind erhofft: „Am Ende eines Tages, an dem gestorben wurde, ist längst noch nicht aller Tage Abend.“

Der Irrealis als erzählerisches Mittel zum Zweck

Das ist auch das erzählerische Programm von Jenny Erpenbeck. Der Tod des kleinen Mädchens, dessen Name wir nicht erfahren, weil es noch gar kein Leben, keine Persönlichkeit gehabt hat, stellt eine Frage an die Welt: Was hätte sie erlebt? Was hätte sich geändert, wenn sie nicht gestorben wäre? Und so erzählt das Buch erst einmal von den Reaktionen auf den unerwarteten Tod: die der Mutter, des Vaters, der Großmutter und der Urgroßeltern (ein zweiter Mangel, diesmal inhaltlicher Art: Die Urgroßeltern sind 1902 seit 72 Jahren verheiratet, ihre Enkelin aber ist erst achtzehn, wie können die 54 Jahre dazwischen mit nur einer Generation gefüllt werden?). Wir bekommen über die verzweifelten Versuche, eine Lücke zu füllen, über deren Ausmaß man gar nichts wissen kann, die ganze Vorgeschichte der jüdischen Familie aus wechselnden Perspektiven erzählt. Jenny Erpenbeck sitzt in den Köpfen ihrer Protagonisten, ohne jemals als Erzählerin „ich“ zu sagen, und sie treibt zum Schluss des ersten Teils ihre Prosa ins Entpersönlichte, fragmentiert einen Körper, als betriebe sie eine Sektion. Und wenn der Mensch dem Text ausgetrieben ist, setzt sie noch einmal neu an. Denn das Kind lebt mit einem Mal wieder.

Mittel zum Zweck dabei ist der Irrealis: „hätte“, „wäre“, „könnte“. Die fünf Bücher des Romans sind jeweils voneinander getrennt durch Intermezzi, in denen ein winziges Detail, das zum Tod beigetragen hat, verändert wird, und plötzlich ist die Frau, die als Baby gestorben ist, wieder da. Im zweiten Buch finden wir sie achtzehnjährig und verliebt mit ihrer Familie im Wien des Jahres 1919, und am Ende stirbt sie. Dann kommt ein neues Intermezzo, und wir treffen sie als Siebenunddreißigjährige in Moskau, wohin sie sich als inzwischen verheirate Kommunistin mit ihrem deutschen Mann geflüchtet hat. Es ist die Zeit der Schauprozesse, und am Ende stirbt sie. Nach dem nächsten Intermezzo sind wir 1962 in Ost-Berlin, die mittlerweile über Sechzigjährige ist hochgeehrt und stirbt. Ein letztes Mal wird eine Kleinigkeit am Vorlauf zum Tode geändert, und die greise Dame erlebt die Wende von 1989 und verbringt ihre letzten Tage nach dem neunzigsten Geburtstag im Berliner Pflegeheim. Dann ist das Leben gelebt, das Jahrhundert fast beendet, der Roman auf Seite 283, und sie stirbt. Diesmal unwiderruflich.

Ein Panoptikum totalitärer Systeme

Schon der Kunstgriff des immer neu ansetzenden Lebens ist ein Coup. Aber was Jenny Erpenbeck an formalem Raffinement einsetzt, um die einzelnen Bücher und Intermezzi voneinander abzugrenzen, hat die Qualitäten einer großen Sinfonie. Kein Buch gleicht in Rhythmus und Tempo dem anderen; das vierte in der DDR kommt in kurzen Kapiteln daher, manchmal nur zwei, drei Sätze, es porträtiert die Frau im einzigen Moment der Zufriedenheit, doch das Trügerische daran erweist sich im Stakkato der Szenenwechsel: Nichts ist hier auf Dauer gestellt. Dagegen ist gerade das letzte Buch ein langer ruhiger Weg ins Aus, am Ende eines Lebens, das nun sein Potential ausgeschöpft hat. Es fehlt nichts mehr.

Was für ein pathetischer Begriff von Menschlichkeit steckt in diesem Beharren aufs eigene Schicksal! Und doch hat „Aller Tage Abend“ nichts Verkrampftes, nichts Predigendes, ja nicht einmal etwas Thetisches. Und auch nichts Versöhnliches. Am Schluss wissen wir, dass das kleine namenlose Mädchen als neunzigjährige Frau Hoffmann gestorben ist, doch alle, die am Beginn noch mit der Tatsache des Kindstods zu ringen hatten, sind ihr dann vorausgestorben, und die Wenigsten unter friedlichen Umständen. Der Roman ist ein Panoptikum des zwanzigsten Jahrhundert und vor allem seiner totalitären Systeme, dessen Gipfelpunkt in der Paranoia des Stalinismus erreicht wird, wo auch das Grabmotiv kulminiert: „Als sie noch lebendig war, musste sie im vergangenen Sommer zusammen mit den andren Frauen draußen vor dem Lager mehrere große Gruben ausheben, damit sie später im Winter, wenn der Boden gefroren wäre, einen Platz hätten, wo sie sich begraben könnten. Gemeinsam haben sie sich selbst und ihren Freundinnen, auch ihren Feindinnen, und auch denen, die ihnen gleichgültig waren, Gräber gegraben auf Vorrat.“ Das, in dem die noch nicht vierzigjährige Frau Hoffmann verscharrt wird, liegt auf 45.61404 Grad nördlicher Breite und 70.75195 Grad östlicher Länge.

Auf solche Bogensekundenbruchteile genau bestimmt Jenny Erpenbeck bisweilen die Orte, wo ihre Protagonistin jeweils die letzte Ruhe findet: Die abstrakten Zahlen ermöglichen die Bestimmung eines individuellen Orts, der als einziges vom individuellen Leben eines Menschen bleibt. Dieses Buch erzählt von fünf Leben, die ein einziges ergeben. Es wird bleiben.

Jenny Erpenbeck: „Aller Tage Abend“. Roman. Knaus Verlag, München 2012. 285 S., geb., 19,99 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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