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Jens Mühling und Vladimir Sorokin: „Mein russisches Abenteuer“ und „Schneesturm“

Im Schneesturm mit allen Schikanen

Von Kerstin Holm
 - 10:24
Rezension: Mühlings „Mein russisches Abenteuer“ und Sorokins „Schneesturm“ Bild: Siehe Verlage, F.A.Z.

Wer sich, beladen mit den Schätzen russischer Lebenserfahrung, nicht auf dem Riff ironischen Zynismus festklammert, rutscht normalerweise in Abgründe von Unbill und letzten Fragen ab. Ungefähr zu der Zeit, als der Gegenwartsklassiker Wladimir Sorokin seine retrofuturistische Mär von der Irrfahrt im „Schneesturm“ ausbrütete, die jetzt auch auf Deutsch erschienen ist, dokumentierte der deutsche Journalist Jens Mühling auf Fahrten in die Tiefen des Landes Charaktere und Begebenheiten in aus der Geschichte fallenden Orten, die unter dem Titel „Mein russisches Abenteuer“ nun bei Dumont erschienen sind. Die von zwei ganz gegensätzlichen Autoren - dem großen russischen Literaten und dem jungen deutschen Publizisten - in so unterschiedlichen Genres wie einer postapokalyptischen Fiktion und einer essayistischen Reportage geschriebenen Bücher ergänzen und erhellen einander gleichwohl kongenial. Denn Russlands Weglosigkeit, seine trinkfreudigen Philosophen und rabiaten Welterklärer, die der duldsame Mühling voll Sympathie und Zartgefühl schildert, lassen auch spüren, dass jene von Drogen erleuchtete Waldeinsamkeit, auf die Sorokin sein Heimatland zusteuern sieht, so phantastisch vielleicht gar nicht ist.

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Mühlings zauberische Odyssee führt von Kiew, dem Taufort der alten Rus, über Moskau, wo einst Patriarch Nikon und später die Sowjetmacht den Volksglauben zertrümmerten, bis in die sibirische Taiga nahe der chinesischen Grenze, wohin einige Sektierer ihre wahre Religion zu retten versuchten. Der Charme seines stets auch die lokale Historie vergegenwärtigenden Textes liegt darin, dass der Autor sich bewusst treiben und ablenken lässt, sich nicht selten dumm stellt und dafür seine Helden umso eindrucksvoller konturiert. Fasziniert gibt er sich den argumentativen Umgarnungskünsten des ehrwürdigen Moskauer Kybernetikers und populären Pseudohistorikers Anatoli Fomenko hin, der statistisch „errechnet“ hat, dass die abendländische Geschichte nur ein Jahrtausend nach Christus lang und die Renaissance eigentlich die Antike war - und tatsächlich steigt vor dem vernebelten Auge schließlich Fomenkos Sehnsuchtsschimäre von einem antiken „russischen“ Mongolengroßreich auf, das neidische westliche Verschwörer aus den Annalen getilgt haben soll.

Irrfahrt in die Altgläubigengemeinde

Während seines Besuchs bei der gemäßigten Moskauer Altgläubigengemeinde lauscht Mühling sophistischen Erklärungen eines höflichen Klerikers, warum es im Zeichen des Fortschritts russischen Reformgegnern heute nicht mehr verboten sei, Importtee zu trinken und Computer zu benutzen - während demjenigen, der das Kreuzzeichen mit drei Fingern schlägt, das Himmelreich weiterhin versperrt bleibe. Der authentische Gottsucher tritt dem Russlandreisenden dafür in Person eines anarchischen Obdachlosen entgegen, der auch diese Kirchenführung als geldgierig und unchristlich schmäht und sie schon in der Hölle schmoren sieht.

Das letzte Ziel des Journalisten ist eine kompromisslos altgläubige Frau, die fern aller Zivilisation im sibirischen Urwald haust, nur selbstproduzierte Nahrung zu sich nimmt, keinen Alkohol trinkt und sich von allen Warenstrichcodes oder Ausweisnummern, worin ihre Glaubensbrüder das Zeichen des apokalyptische Tiers erkennen, reinhält. Agafja Lykowa, so heißt sie, lebt, seitdem ihre Eltern und Geschwister starben, ganz allein. Auf seiner Irrfahrt zu ihr verschlägt es Mühling noch zu slawischen Neuheiden, außerdem zu einer sibirischen Reinkarnation von Jesus namens Wissarion samt dessen Jüngern. In einem abgelegenen Dorf findet er sogar noch entfernte Cousinen Agafja Lykowas, die aber Elektrizität nutzen und Konserven kaufen, was die fromme Verwandte ablehnt. Bis zuletzt weiß Mühling nicht, ob die betagte Agafja nicht schon tot ist. Die erste Fahrt zu ihr scheitert am russischen Hang zu Hochprozentigem. Als der Deutsche sie nach vielen Strapazen, Zwangsbesäufnissen und Enttäuschungen endlich findet, kommt er sich in ihrem Versteck vor allen Stürmen der Geschichte, wo Holzhacken, Kartoffelstechen, Beten und Psalmsingen eine Einheit bilden, wie im Paradies vor.

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Eine Hommage an die Klassik

Auch Sorokins Held, ein russischer Landarzt in schneedurchwirbelter Zukunft, ist unterwegs zu einem abgeschiedenen Ort, dem Dorf Dolgoje, wo ein überseeischer Pestvirus angeblich die Menschen dahinrafft. Die gefährliche Krankheit, gegen die der Doktor das Serum dabeihat, erinnert freilich eher an ein Werwolfsyndrom, das das Tier im Menschen von der Kette lässt. Die Infizierten, hört man, entwickeln gewaltige Muskelkraft und Maulwurfsklauen, sie werden aggressiv und tückisch. Der Bedeutung seiner Mission für die von Entvölkerung und Biotechnologie gezeichnete Heimat bewusst, tut der Landarzt, was in seiner Macht steht. Da die Erdölvorkommen versiegt sind, fährt man wieder Pferdeschlitten. Doch das Gespann des Doktors ist erschöpft, er heuert einen armen Brotkutscher an, dessen Fuhre von fünfzig meerschweinchenkleinen Economy-Pferdchen gezogen wird. Im Schneetreiben vom Weg abkommend, kehren sie bei einem Zwerg ein, dann bei nomadisierenden Rauschgifthändlern, sie stoßen auf einen Riesen und sein Spielzeug. Eine kurze, aber intensive Liebesnacht, eine masochistische Drogenvision und wilde Träume bei den Zwischenhalten verleihen dem verwunschenen Wintermärchen atmosphärische Tiefe.

Sorokins jüngstes, von chinesischen Einsprengseln abgesehen im Erzählton des neunzehnten Jahrhunderts geschriebenes und von Andreas Tretner vorzüglich übersetztes Werk ist eine Hommage an die Klassik, die es zugleich nach vorne weiterspinnt. Der Titel ruft Puschkins gleichnamige Novelle in Erinnerung, wo ein junger Bräutigam im Schneegestöber die eigene Hochzeit nicht findet. Und die Hauptfigur lässt den Literaturfreund an die Landärzte Turgenjews und Tschechows denken, deren Erfolge bei der Krankheitsbekämpfung in den Dörfern zumeist bescheiden ausfielen.

Auch Sorokins Doktor kommt trotz fast hysterischer Anstrengungen nicht ans Ziel. Die Abenteuer und die Kälte töten den Kutscher, den Helden beinahe. Sein frostparalysiertes Ich, das mit seiner französischen Freundin und der Liebe zu Schubert auch das europäische Kulturgepäck versinnbildlicht, fällt der neuen Kolonialmacht in die Hände: Ein Trupp bestens ausgerüsteter Chinesen, der ihn findet und auf einen Riesenschlitten lädt, wird seine verbliebenen Ressourcen offensichtlich noch für andere Zwecke nutzen.

Jens Mühling: „Mein russisches Abenteuer“. Dumont Verlag, Köln 2012. 300 S., geb., 19,99 Euro.

Vladimir Sorokin: „Der Schneesturm“. Roman. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012. 207 S., geb., 17,99 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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