Jonathan Littell: Notitzen aus Homs

Die Handys sind Museen des Schreckens geworden

Von Wolfgang Günter Lerch
 - 14:49

Anders als in Tunesien, Ägypten, ja selbst in Libyen findet die Arabellion in Syrien seit ihrem Ausbruch im März 2011 fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Daran hat auch die Beobachtermission der Vereinten Nationen nur wenig geändert, denn diese Beobachter waren von Beginn an in ihrem Aktionsradius eingeschränkt. Der französische Schriftsteller Jonathan Littell - mit seinem umstrittenen Monumentalroman „Die Wohlgesinnten“ zu einigem Ruhm gekommen - war einer der wenigen, die sich ein knappes Jahr nach Ausbruch des Aufstandes in die Hölle Baschar al Assads gewagt haben.

Im Auftrag der Tageszeitung „Le Monde“ ließ sich der Autor über den Libanon nach Homs einschleusen, zusammen mit einem Fotografen, der schon zuvor in Assads Reich gewesen war und in Littells Tagebuch unter dem Namen „Raed“ erscheint. Einem zweiten Gewährsmann gibt der Autor den Tarnnamen „Der Zorn“ (arabisch al Ghadab). Littell bewegte sich meistens im Schutz und Schatten der Freien Syrischen Armee (FSA); an Ort und Stelle teilte er Leben, Alltag und Entbehrungen der bewaffneten oppositionellen Aufständischen, aber auch der Zivilisten, die schon in jenen Tagen oft am meisten zu leiden hatten.

Ein Zentrum des Widerstandes

Sein Aufenthalt war relativ kurz: vom 16. Januar bis zum 2. Februar 2012. Mehr als eine historische Momentaufnahme in diesem nun schon fast anderthalb Jahre währenden Drama können deshalb Littells „Notizen aus Homs“ nicht sein. Am Ende seiner Aufzeichnungen ist dem Autor bewusst, dass alles, was er in den zwei Wochen erlebt hatte - und dies war schlimm genug -, noch harmlos gewesen war im Vergleich zu dem, was dann folgte: Am 3. Februar, einen Tag nachdem er Homs in Richtung Libanon wieder verlassen hatte, begann die syrische Armee mit systematischen Bombardierungen insbesondere des Viertels Baba Amr; dort blieb kein Haus heil, von den Toten und Verwundeten gar nicht zu reden. Im Nachwort gedenkt Littell jener Begleiter, die bei der Reinschrift und Drucklegung seiner beiden „carnets“ schon nicht mehr am Leben waren.

Doch warum gerade Homs? Zusammen mit der ebenfalls am Nahr al Asi, dem antiken Fluss Orontes, gelegenen Schwesterstadt Hama ist Homs seit langem ein traditionelles Zentrum des Widerstandes gegen das Assad-Regime. Schon vor dreißig Jahren hatten in jener mittelsyrischen Region, die ziemlich genau zwischen der Hauptstadt Damaskus und dem heute heftig umkämpften Aleppo liegt, die Muslimbrüder einen Aufstand gegen Baschars Vater Hafiz al Assad angezettelt, den dieser brutal niederschlagen ließ. Doch dieses Mal gerät der Chronist in einen wirklichen Volksaufstand: „Das Volk will den Sturz Assads“, zitiert er einen der Protagonisten. Vom Armenviertel Baba Amr aus wird Littell zum Zeugen der verstörenden Ereignisse. Seine Begegnung mit den zivilen Kämpfern (“Aktivisten“), mit Ärzten, welche die Verwundeten und vom Regime Gefolterten und Verstümmelten in improvisierten Krankenstationen, Hospitälern und Unterständen versorgen, mit ehemaligen Armeeangehörigen, die nicht länger auf das Volk schießen wollen und zur FSA desertierten, zeichnet das Bild einer Schreckenskammer, zu der ganz Syrien geworden ist und in diesen Tagen noch viel mehr wird.

Sympathie für die Aufständischen

Man fühlt sich bei der Lektüre an das geteilte Beirut der siebziger und achtziger Jahre erinnert: Nur unter Lebensgefahr konnten Littell, der schon aus Kongo, aus Afghanistan, Tschetschenien und Bosnien berichtet hatte, und sein Gefährte Raed andere umkämpfte Stadtviertel wie Khaldije, Bajada oder die Altstadt (“Hier leben viele Christen“) aufsuchen: Die direkt auf die alte Zitadelle führende Straße wurde von der Bevölkerung in Scharia al maut (Straße des Todes) umbenannt. Littell notiert die Verbrechen der Armee und der schabbiha, jener alawitischen ursprünglichen Gangster-Miliz, die für zahlreiche Massaker an Zivilisten verantwortlich gemacht wird, detailliert und anhand einzelner, durch ihn nun exakt dokumentierter Fälle. Vor allem die Scharfschützen des Regimes, die nicht davor zurückschrecken, selbst Kinder und Behinderte zu töten, sorgten dafür, dass die Bewohner „seines“ Viertels bald zu den Eingeschlossenen von Baba Amr wurden. Auch dies erinnert an das Beirut des Bürgerkrieges; gelegentliche Ausbrüche der Oppositionellen forderten blutigen Tribut.

Die Aufständischen, mit denen der Autor sympathisiert, kommen besser weg, obwohl er auch deren Schattenseiten und gelegentliche Verbrechen nicht verschweigt. Außerhalb von Homs rächen sich etwa die Beduinen an den Alawiten - ihren noch immer virulenten Regeln der Blutrache folgend. „Die Handys sind Museen des Horrors“, schreibt Littell, doch er zitiert auch einen Satz von Raed: „Ihr bekämpft Baschar, nur um ihn durch denselben Autoritarismus zu ersetzen ...“ Da diskutiert sein Freund und Begleiter mit einem der militärisch Verantwortlichen unter den Rebellen.

Kein Aufruf zum Dschihad

Der islamischen Religion kommt eine disziplinierende Kraft zu (“Hier wird der kollektive Wille gefestigt“), so dass Beten und Kämpfen den Rhythmus des Alltags bestimmen. Dies hat eine lange Geschichte im Islam. Gerade während der Begräbnisse der von Snipern Getöteten oder der Folteropfer der Geheimdienste (mukhabarat) eskaliert der Ingrimm gegen das Regime in besonderer Weise, schreckten Assads Schergen doch nicht davor zurück, in die Gemeinden der Trauernden zu feuern.

Littell und sein Begleiter nehmen teil an den Diskussionen über den Fortgang und die Ziele des Aufstands. Soll der Dschihad gegen den „ungläubigen“ Alawiten Assad ausgerufen werden? „Sie wollen keinen Aufruf zum Dschihad. Das würde die Krise nur vergrößern. Es würde sie internationalisieren, Saudi-Arabien, Iran etc. mit reinziehen. Lauter ausländische Gruppen würden herkommen und sich bekämpfen“, schreibt Littell. Dies ist jedoch inzwischen eingetreten: Saudi-Arabien und andere Länder mischen massiv mit in Syrien, längst ist der Aufstand auch ein Stellvertreterkrieg zwischen Sunniten und Schiiten geworden. Selbst die dschihadistische, terroristische Al Qaida versucht, durch ihr Engagement auf Seiten der Aufständischen wieder Fuß zu fassen innerhalb der Arabellion, bei deren Ausbruch sie zunächst ins Abseits geraten war. „Sie wollen eine Intervention der Nato“, fasst der Autor das Nahziel der Rebellen zusammen; doch die wird wohl nicht kommen.

Mit schwer erträglicher Realismus

Viele Bemerkungen, die Littell zitiert, machen deutlich, auf welch schwachen Füßen alle Anstrengungen der Vereinten Nationen, den Konflikt zu befrieden, das heißt, den Präsidenten Baschar al Assad irgendwie in eine „politische Lösung“ der politischen Reform und des gesellschaftlichen Ausgleichs einzuspannen, zu diesem Zeitpunkt schon standen. So resümierte Abu Omar, einer der Aktivisten aus dem geschundenen Baba Amr, die Meinung der Rebellen, als er Littell gewissermaßen in den Block diktierte: „Baschar al Assad hat uns keine andere Option als den bewaffneten Konflikt gelassen. Die Demonstrationen, der Dialog, die Kongresse, nichts hat funktioniert. Sie haben immer nur mit Kugeln geantwortet. Sie lassen uns keine Wahl.“

Wie weit Littell seine beiden Tagebücher im Nachhinein doch literarisch „bearbeitet“ hat, ist schwer zu sagen. Das meiste wirkt in seiner Nüchternheit und seinem oft schwer erträglichen Realismus völlig authentisch. Von einer „Heroisierung“ der Aufständischen, die manche dem Autor vorhalten, konnte der Rezensent nichts entdecken. Nur die Notizen über seine - gelegentlich bizarren - Träume wirken ein wenig wie Fremdkörper.

Das Viertel ist Geschichte

Manchmal kann er der Versuchung des Schriftstellers, die Ereignisse poetisch zu überhöhen, nicht ganz widerstehen: „Die Sonne geht hinter dem Dschebel unter, die Pfützen im Schlamm glitzern wie blassgelbe Spiegel, der Himmel wird fahler, alles ist blau, braun und grün.“ Und am Abendhimmel funkeln „der Orion und die Plejaden“. Doch eine solche Poetisierung mag als seelisches Antidot zu dem erlebten Grauen menschlich nur allzu verständlich sein.

Als Jonathan Littell mit Hilfe des „Zorns“ (Raed blieb noch eine Weile) in die Sicherheit des Libanons zurückkehrte, waren die blutigen Ereignisse der vergangenen zwei Wochen schon Geschichte. Die Armee griff an und legte bis zum März dieses Jahres Baba Amr in Schutt und Asche. Doch die Eskalation des Aufstandes gegen Assads „verdorbenes, sklerotisches und letztendlich zum Sturz verurteiltes Regime“, so lautet Littells Fazit, hat dies nicht verhindern können.

Jonathan Littell: „Notizen aus Homs“. Aus dem Französischen von Dorit Gesa Engelhardt. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2012. 240 S., geb., 18,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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