Kafkas Sätze (17)

„Eine Nuß aufknacken ist wahrhaftig keine Kunst“

Von Oliver Jungen
 - 11:41

Keine harte Nuss, dieser Satz aus „Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse“, sollte man meinen – und meinte falsch. Es schrillt bereits der Alarm, wenn bei Kafka das Wort „wahrhaftig“ auftaucht. Mit einem „wahrhaftig erlösenden Stoß“ des Vaters wird Krabbelkäfer Gregor „heftig blutend“ aus der Welt und in die Isolation befördert. Wahre Erlösung ist das wohl kaum, wahrhaftige vielleicht doch, denn mit diesem einen Epitheton wird ein Redewechsel angezeigt, der Umstieg auf eine neue Autoritätsebene, auf der alles wahrhaftig ist, eben weil es als solches definiert wird: Es ist der hegemoniale Diskurs, der hier hineinspricht, das monströse, anmaßende Außen; abgefedert nur durch die Gegenanmaßung des Erzählers, in seinem Namen zu sprechen.

Auch in unserem Satz spricht diese Instanz mit, die sich gern als gesunder Menschenverstand legitimiert. Wo führt das hin? Weit zurück. Den gesündesten Menschenverstand besaß wahrhaftig Aristoteles. Mit ihm kam Ordnung in die Dinge, wurde Platons kryptoreligiöse Schwärmerei auf mathematisch-bürokratisches Normalmaß geschrumpft. Götter brauchen uns, an sie muss oder darf man glauben. Die Logik ist eigenmächtig. So wird die aristotelische Deduktion zum Prototyp des unwidersprechbaren Gesetzes, tausendfach unerbittlicher als der Wille des Tyrannen. Unser Satz scheint nun formal nichts anderes zu sein als ein erzählter aristotelischer Schluss: Obersatz (Publikumsunterhaltung erfordert Kunst), Untersatz (Nüsseknacken ist keine Kunst) und Konklusion: Also wird niemand Nüsse vor Publikum zu knacken wagen.

Gegen das Gesetz

Doch alles an diesem Syllogismus läuft aus dem Ruder. Beide Prämissen hängen in der Luft, die Schlussfolgerung ist so schief wie rund, denn es müsste doch heißen: Nüsseknacken ist keine Publikumsunterhaltung. Das Wagnis aber kann sehr wohl jemand eingehen. Gegen das Gesetz kann man anrennen, und sei es in dicken, nie zu vollendenden Büchern. Und es geht jemand das Wagnis ein, schon in der nächsten Zeile – auf dass wir die Luft anhalten: „Tut er es dennoch und gelingt seine Absicht“, dann ist wohl die Regel widerlegt? Noch einmal kann sich die Scheinlogik behaupten: „dann kann es sich nicht nur um bloßes Nüsseknacken handeln.“

Doch hat der Revolutionär im Erzähler Blut geleckt, denn schließlich geht es hier um das Arkanum, um den Bereich der Kunst. Er setzt fest: „Oder es handelt sich um Nüsseknacken“. Zurückgedrängt sind die Häscher des Logos, irritiert, geschwächt. Jetzt gibt der Autor ihnen den Rest: „aber es stellt sich heraus, daß wir über diese Kunst hinweggesehen haben, weil wir sie glatt beherrschten“. In dieser fulminanten Korrektur der Wahrhaftigkeit verbirgt sich ein neues Kunstverständnis, die Abkehr vom Virtuosentum.

Korrektur nach unten

Perfektion wird zum Makel, weil sie schlicht absolute Gesetzeserfüllung ist. Der Autor holt zu einer letzten, entscheidenden Volte aus: Für die Wirkung nämlich könnte es nützlich sein, heißt es, wenn dieser Künstler „etwas weniger tüchtig im Nüsseknacken ist als die Mehrzahl von uns“. Abweichung von der Norm nach unten also: Delinquenz. Die zitierte Passage stellt die Verdichtung der gesamten „Josefine“-Erzählung dar, die ihrerseits – kurz vor Kafkas Tod abgeschlossen – eine letzte Verdichtung seines Gesamtwerks ist. Man geht kaum fehl, wenn man annimmt, Kafka habe in der Literatur „dieser neue Nußknacker“ sein wollen, der uns „erst ihr eigentliches Wesen zeigt“. Da hilft die ins Artifizielle tendierende Regelpoetik wenig: Nach unten, zum Leben hin musste sie abgebogen werden.

Unvermutet kehrt einige Seiten weiter das Wahrhaftige wieder. Es geht hier um Josefine, deren Gesang recht eigentlich ein Pfeifen ist, aber gemäß der Nussknacker-Parabel gerade deshalb Kunst. Das Volk (der Mäuse), obwohl angetan von Josefines Gesang, spielt sich „in der Art eines Vaters“ als Beschützer auf. Josefine, souverän, will davon nichts wissen. Dann spricht plötzlich das Außen, spricht im Namen des Volkes: Es sei nämlich „wahrhaftig keine Widerlegung, wenn sie rebelliert, vielmehr ist das durchaus Kindesart und Kindesdankbarkeit, und Art des Vaters ist es, sich nicht daran zu kehren“.

Weil nun aber das Wahrhaftige hier das Gegenteil des Wahren ist, weil das große aristotelische Geschichtsprojekt im Namen der Wahrscheinlichkeit an sein Ende gekommen ist, können wir getrost (oder getröstet) annehmen: Es handelt sich um Widerlegung. Daher ist es auch weniger vermessen, als es scheint, wenn Josefine umgekehrt glaubt, „Retter dieses Volkes“ zu sein, es in politischer und wirtschaftlicher Not zu beschützen. Wovor? Vor sich selbst. Womit? Mit wahrer Kunst.

Eine Nuß aufknacken ist wahrhaftig keine Kunst, deshalb wird es auch niemand wagen, ein Publikum zusammenzurufen und vor ihm, um es zu unterhalten, Nüsse knacken.

Quelle: F.A.Z.
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