Kafkas Sätze (23)

Weit entfernt von Not und Pein

Von Helmuth Kiesel
 - 14:22

„Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf.“

Als ich all die schweren und verqueren Sachen, die Kafka so anziehend und verstörend machen, das bizarre „Urteil“ und die haarsträubende „Strafkolonie“, den grotesken „Prozess“ und das sperrige „Schloss“, schon lange und mehrfach gelesen hatte, stieß ich endlich auf jenen kleinen, aus einem einzigen Satz bestehenden Text, mit dem Kafkas erstes Buch, die Betrachtungen von 1912/13 eröffnet wurden, den Wunsch (so die Überschrift) ein Indianer zu werden.

Welch ein zauberhafter Satz! Er verwandelt den Knaben-Männer-Traum, ein Indianer zu sein und jederzeit davonreiten zu können, in eine Wort- und Bilderfolge, die semantisch wie rhythmisch eine solche Dynamik entfaltet, dass man gedanklich kaum folgen kann, aber doch ganz hingerissen ist. Und welch ein heiterer Satz! Nichts deutet darauf hin, dass er von jenem Autor stammt, der acht Jahre später an seine Freundin Milena Jesenká schreiben sollte, er beschäftige sich „mit nichts anderem als mit Gefoltert-werden und Foltern“.

Ein ausgesprochener Kafka-Satz

Dennoch ist der Wunsch, ein Indianer zu werden, ein ausgesprochener Kafka-Satz. Die Phantasie, die so flugs aufsteigen und ungezügelt dahinschießen darf, wird alsbald mit Winkelzügen, wie sie für Kafka typisch sind, an die Realität zurückgebunden und gleichzeitig wieder über die Realität erhoben. Was anderes soll es heißen, dass Sporen und Zügel wegzuwerfen waren, obwohl es gar keine gab? Es ist ein Spiel (um nicht zu sagen: ein Kampf) zwischen Phantasie und Realität, was hier imaginiert wird, und man weiß nicht, was am Ende gelten soll: das Bewusstsein dessen, der sich als Indianer „schief in der Luft“ über den „zitternden Boden“ jagen fühlt, oder die Tatsache, dass er ganz ohne Pferd vor einer perfekt gemähten Wiese sitzt.

Ein ausgesprochener Kafka-Satz also, und doch wohl ein singulärer. Ich kenne jedenfalls keinen zweiten, der so unbekümmert wie dieser in die Welt hineinsprengt und so weit entfernt ist von den Nöten und der Pein der folgenden Jahre. Aber wann immer mir dieser jubelnde Satz begegnet, drängt sich auch gleich die Frage auf, wie es dazu kam, dass Kafka dem Wunsch, schreibend wie ein Indianer auszureiten, bestenfalls einmal folgen konnte, aber auch dies eine Mal nur als frierender Kübelreiter, um im brennstoffarmen Winter 1917 ein paar Stück Kohle für die Schreibstube in der Alchimistengasse zu erjagen.

Helmuth Kiesel, Jahrgang 1947, lehrt an der Universität Heidelberg Neuere deutsche Literaturgeschichte. Er wurde 1984 habilitiert mit einer viel beachteten Arbeit über Döblins Exil- und Spätwerk und veröffentlichte 2004 eine „Geschichte der literarischen Moderne“.

Quelle: F.A.Z.
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