Kafkas Sätze (25)

Kreisel unter der Peitsche

Von Ruth Klüger
 - 11:22

„Und immer wenn die Vorbereitungen zum Drehen des Kreisels gemacht wurden, hatte er Hoffnung, nun werde es gelingen, und drehte sich der Kreisel, wurde ihm im atemlosen Laufen nach ihm die Hoffnung zur Gewißheit, hielt er aber dann das dumme Holzstück in der Hand, wurde ihm übel, und das Geschrei der Kinder, das er bisher nicht gehört hatte und das ihm jetzt plötzlich in die Ohren fuhr, jagte ihn fort, er taumelte wie ein Kreisel unter einer ungeschickten Peitsche.“


In diesem letzten Satz der Anekdote „Der Kreisel“ scheitert ein Philosoph an der Aufgabe, die Bewegung eines Kreisels zu fangen. Das Festgehaltene wird zum „dummen Holzstück“ in seinen Händen, weil Bewegung und Festhalten unvereinbar sind. Ein berühmter Vers des irischen Dichters W. B. Yeats zelebriert die Einheit von Tänzerin und Tanz („how can we know the dancer from the dance?“) in neoromantischer Feier der Untrennbarkeit von Energie und Körper. Kafkas Kreisel ist die negative Kehrseite dieses Tanzes.

Geistige Enttäuschung

Das allein jedoch, so humorvoll die Pointe ausgeführt sein mag, gibt dem Satz noch nicht seine Unheimlichkeit. Das eigentlich Kafkaeske liegt in dem Zustand des Mannes, nachdem sein Experiment fehlgeschlagen ist. Plötzlich ist die empirische Welt, die er in der Hoffnung auf abstrakte Gewissheit ausgeklammert hatte, wieder da, und sie zerfällt: Der Kreisel gehört Kindern, deren Spiel er unterbrochen und die er mühelos ignoriert hatte und deren unausstehlichem Lärm er nun ausgeliefert ist. Dazu lässt ihn sein Körper durch Übelkeit die geistige Enttäuschung fühlen.

Ein altmodischer Kreisel wird mit einer Peitsche getrieben, was einige Geschicklichkeit erfordert. Der Höhepunkt, der unverkennbar die Signatur unseres Autors trägt, ist im letzten Sinnbild enthalten. Da wird der Mann selbst zum Kreisel, wenn auch nicht als ein Verwandelter wie Gregor Samsa, sondern nur im Vergleich. Wer oder was immer den Gejagten treibt, ob er selbst oder eine höhere Gewalt, ist kein Könner, denn der Kreisel-Mensch taumelt. Im letzten Wort sind wir Leser unvermutet mit der Zweideutigkeit des Instruments, das einen Kreisel in Gang hält, und dem gleichnamigen Folterinstrument für lebende Wesen konfrontiert. Am Anfang des Satzes ging es um ein Kinderspiel, in das sich, mit einem Hauch von Komik, ein Erwachsener mischte, am Ende blitzt mit der ambivalenten „Peitsche“ die ungeschminkte menschliche Qual auf. Ein Übergang, wie er sich schneller und vollendeter nicht denken lässt.

Von Ruth Klüger, die 1931 in Wien geboren wurde, erscheint im August der zweite Teil ihrer Lebenserinnerungen, „unterwegs verloren“.

Quelle: F.A.Z.
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