Kafkas Sätze (28)

Der Messias der Schakale

Von Roland Reuß
 - 11:40

„Ein Araber, hoch und weiß, kam an mir vorüber; er hatte die Kamele versorgt und ging zum Schlafplatz.“

Es sind häufig ganz unscheinbare Abweichungen von der Standardsprache, die Kafkas Sätzen ihre erhellende Kraft verleihen. Vorstehender Satz begegnet zu Beginn von Kafkas Erzählung „Schakale und Araber“. Gedruckt zuerst im Oktoberheft 1917 der von Martin Buber herausgegebenen Zeitschrift „Der Jude“, wurde sie nach dem Ersten Weltkrieg 1919 in die Sammlung „Ein Landarzt“ aufgenommen. Der einzige handschriftliche Zeuge des Entstehungsprozesses findet sich im Oxforder Oktavheft 2.

Dass die Geschichte in Bubers Zeitschrift erschien, kann, wenn man die dort gerade damals besonders heftig geführte Diskussion der Palästinafrage in zionistischer Hinsicht betrachtet, überraschen. Kafkas Text analogisiert so offensichtlich die Erlösungssehnsucht der Schakale mit der messianischen Hoffnung der Juden, dass diese Parallelisierung schon wegen des abfälligen Tiervergleichs als radikale Kritik allen Judentums gelesen werden kann.

Die Schakale denken die Rolle ihres Messias dem Ich-Erzähler zu („Herr, du sollst den Streit beenden, der die Welt entzweit. So wie du bist, haben unsere Alten den beschrieben, der es tun wird“), und die Erlösung besteht für sie des Näheren darin, jemanden zu finden, der den Arabern mit einer rostigen Schere „die Hälse durchschneidet“.

Kafkas Darstellung zeigt nun von Anfang an, dass der Ich-Erzähler alles tut, sich diesen Anspruch nicht zu eigen machen zu müssen. Und hier kommt jetzt unserem Satz eine besondere Bedeutung zu.

Schon lange bevor ich die Gelegenheit hatte, die in Oxford liegende Handschrift einzusehen, nahm ich einen leichten Widerstand bei seiner Lektüre wahr. Dieser Widerstand ließ sich bei näherer Betrachtung auf die Kombination der beiden Wörter „kommen“ und „vorüber“ zurückführen - eine Kombination, die in der deutschen Sprache ungewöhnlich, wenn nicht agrammatisch ist. Denn „kommen“ heißt: „direkt auf mich zukommen“ und ist mit der Rede vom „vorüber“ unvereinbar.

Kafkas Satz mischt die beiden Vorstellungen des Vorübergehens und Auf-mich-Zukommens so, dass an der befremdlichen Konstellation gleich eingangs die allgemeine Tendenz des Ich sichtbar wird, was immer an es herantritt (es direkt und frontal betrifft), gleichsam seitwärts an sich vorbei abzulenken. „Ich will gar nicht gemeint sein“ - das springt als Fußpunkt einer kritischen Darstellung nicht übernommener Verantwortung aus dem Satz hervor. Kafka zeigt mittels der unterschwellig wirkenden Katachrese von Anfang an: Von dem Ich der Erzählung zu erwarten, es könne einer messianischen Erlösungshoffnung, sei's auch nur der der Schakale, gerecht werden, ist illusorisch.

Als ich die betreffende Stelle in der Handschrift des Oktavhefts 2 schließlich erstmals anschauen konnte, hatte ich den positiven Beleg dafür vor Augen, wie schlecht man im Falle Kafkas beraten wäre, wollte man dergleichen Auffälligkeiten unter die Rubrik „Unachtsamkeit“ fassen (vulgo: sie verdrängen). Tatsächlich lautete die erste Niederschrift noch, dem sprachlichen comment entsprechend: „ging an mir vorüber“. Das „kam“ setzte Kafka erst nach Streichung des „ging“ über die Zeile. Der semantische Eklat war ins Werk gerichtet. So kommen Kafkas Sätze auf uns zu.

Roland Reuß lehrt in Heidelberg und gibt zusammen mit Peter Staengle die Historisch-Kritische Kafka-Ausgabe sämtlicher Handschriften, Drucke und Typoskripte heraus.

Quelle: F.A.Z.
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