Kafkas Sätze (36)

Ernsthaft, aber zu langsam

Von Henner Löffler
 - 13:06

... eine Kassiererin aus einem Hutgeschäft, um die er sich ernsthaft, aber zu langsam beworben hatte ...

Es ist die Tragik seines Lebens wie seiner Kunst, die er hier, als Gregor Samsa, anspricht. Ernsthaft, aber zu langsam. Und das Besondere bei Kafka ist, er weiß es genau. Kein Künstler hat sich so wenig Illusionen über sich selbst gemacht wie dieser früh Reife, der auch sein Zögern, seine mangelnde Entschlussfähigkeit, seine Krankheit wie seine Unfähigkeit, längere Texte zum Abschluss zu bringen, stets mit kritischen Augen betrachtete, dabei völlig frei von Selbstmitleid. Noch nicht einmal der Brief an den Vater, der ihm schneller aus der Feder floss als anderes, das Zentrum seines Werkes wie Lebens, gelangte an seinen Bestimmungsort.

Und doch erscheint der Dichter, der mehr Fragmente hinterlassen hat als Fertiges, uns heute als vollkommen. Und der Mensch, dessen ganzes Leben ein Aufschub war, als faszinierend und unendlich liebenswert. Auch weil seine Nähe zum Leid, sein Grübeln, seine langsame Arbeit am Text sich in einer Sprache niedergeschlagen haben, die für immer einzigartig sein wird, die keiner anderen ähnelt.

Mit Kafka wird man nie fertig

Niemand hat die Groteske, welche unser Leben ist, so wie er auf den Punkt gebracht. Die Groteske des Straflagers, in dem Vergehen in den Leib geschrieben werden, der pfeifenden Mäusesängerin, des im fernen Land sich verlierenden Reisenden, des Angeklagten, der seine Schuld nicht erfährt, des Hungerkünstlers, den niemand mehr hungern sehen will, des Landvermessers, der keiner ist und der mitsamt seinem Auftrag von den Mühlen einer hohen Bürokratie zermahlen wird, und des Handelsreisenden, der zum Käfer mutiert. Und in dieser konzentriertesten Groteske von allen, „Die Verwandlung“, die mit einem pathetischen Tod endet und damit endgültig hoffnungslos, gibt es viele Stellen von einzigartiger Komik. Die drei ernsten, vollbärtigen, in allen Handlungen synchronen Zimmerherren sind ein Beispiel dafür. Oder die Bedienerin, die Gregor gerne als „alten Mistkäfer“ anredet. Oder die Frage des Umzugs in eine kleinere Wohnung, die an Gregors Zustand scheitert, was er nicht einsieht, „denn ihn hätte man doch in einer passenden Kiste mit ein paar Luftlöchern leicht transportieren können“.

Kafkas Werk ist überhaupt ein Konzentrat. Nicht an Schreibhemmungen scheiterte die Vollendung, sondern an unendlicher Sorgfalt. Er hat alles gewusst und nur einen kleinen Teil aufschreiben können. Nur eines war ihm nicht klar: sein eigener Rang. Was wir von ihm haben, sind mehr als Fragmente und Briefe und Tagebücher. Es eröffnet uns die Möglichkeit, ihn immer wieder zu lesen und doch nie mit ihm fertig zu werden.

Quelle: F.A.Z.
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