Kafkas Sätze (37)

Kafka = Literatur

Von Paul Ingendaay
 - 10:18

Ich habe kein literarisches Interesse, sondern bestehe aus Literatur, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein.

Dass einer angeblich nicht hat, sondern ist, fällt an diesem Satz als erstes auf: Kafka = Literatur! Doch schon das flüchtigste Blättern in den Seiten, denen der Satz entstammt, nämlich die Briefe an Felice Bauer – ein unter der Hand entstandenes Werk und das beharrlichste, umfangreichste von allen –, lässt die Worte vor den Blicken des Lesers zerfallen. Nehmen wir an, der hier zitierte Satz wäre wahr, was er nicht ist – wie hätten wir uns den Menschen Kafka, der nur aus Literatur besteht, denn vorzustellen? Wörter haben keinen Körper. Wäre dieses aus Sätzen und Gedanken bestehende Wesen sichtbar? Könnte man es anfassen, umarmen, herumschleifen? Mit der Idealvorstellung eines hundertprozentigen Schriftstellers, der ebendies aber nur stundenweise sein konnte, nahm Kafka sich einen weiteren Schutzschild zur Hand, um die Ansprüche der Frau abzuwehren, die ihn so greifbar bei sich haben wollte, wie Paare es nun einmal wollen. Siebenhundert dichtbedruckte Seiten lang zieht er Felice an sich heran wie ein Ertrinkender das Floß. Und stößt sie in derselben Bewegung und mit dem allergrößten Bedauern wieder von sich.

Zwei, die miteinander kämpfen

Es sind schöne und gelehrte Kommentare darüber geschrieben worden, in welchem Sinn Kafkas Schreiben einerseits seine Befreiung, andererseits sein Todesurteil war; dieses Paradox gehörte zu seinen innersten Lebensfasern. Was seinen Umgang mit Menschen betrifft, gibt es kein intimeres, ergreifenderes und verstörenderes Zeugnis als die obsessiven Beschwörungs- und Selbstrechtfertigungsblätter, die er zwischen Herbst 1912 und Herbst 1917, oft im Tagesrhythmus, an Felice Bauer schickte. „Es waren und sind in mir zwei, die miteinander kämpfen“, erklärt er ihr in einem späten Brief, einem der vielen, die den oben zitierten Satz beiseitefegen. Und dann beschreibt er diese beiden, wie sie den, der ihnen in seinem Inneren Wohnung geben muss, zwischen dem Leben und der Literatur hin und her zerren und einander doch auch wieder brauchen, so dass sich jeder Dritte, der dem Kampf zu nahe käme, sehr in Acht nehmen müsste. „Und doch könnten beide Dir gehören“, schreibt Kafka. Aber wie denn? Wie sollte das gehen? Bevor die Sentenz niedersaust wie ein Beil: „nur ändern kann man nichts an ihnen, außer man zerschlägt beide.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ingendaay Paul
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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