Kafkas Sätze (43)

Die Ursprungslandschaft des Kafkaschen Schreibens

Von Ernst Osterkamp
 - 16:58

Fern, fern geht die Weltgeschichte vor sich, die Weltgeschichte Deiner Seele.
Diesen Satz hat Franz Kafka im Herbst 1922 geschrieben; er steht in einem Wachstuchheft unmittelbar vor der ersten Niederschrift der Erzählung „Das Ehepaar“. Jahre zuvor hatte Kafka den Satz notiert: „Der Weg zum Nebenmenschen ist für mich sehr lang.“ Dieser Satz nun zeigt, dass der Weg zur eigenen Seele für ihn nicht kürzer war, im Gegenteil. Aber ist hier überhaupt von Kafkas Seele die Rede? Immerhin wird die Anrede „Deiner“ wie in einem Brief mit einem großen D geschrieben. Aber bei Kafka kann dies auch Ausdruck der Diskretion, ja Höflichkeit gegenüber der eigenen Seele sein, von der er wusste, wie fern sich ihre Geschichte von dem vollzieht, was gemeinhin Weltgeschichte heißt.

Nimmermehr, nimmermehr

Jeder andere Autor hätte die Unausmesslichkeit der Distanz, die die Geschichte dieser Seele vom Alltag der Geschichte trennt, mit Wendungen wie „unendlich fern“ oder „unbegreiflich fern“ zu erfassen versucht und damit trivialisiert. Kafka aber wählt die rührend schlichte Verdoppelung „fern, fern“ und verleiht so zugleich der Feststellung der Ferne durch die Wiederholung den Gestus der Klage – wie er nur wenige Seiten später im selben Heft die Gemination nutzt, um das Bewusstsein der Unwiederbringlichkeit so zu formulieren, dass der Leser eine Totenglocke zu hören vermeint: „Nimmermehr, nimmermehr, kehrst Du wieder in die Städte, nimmermehr, nimmermehr tönt die große Glocke über Dir.“ Und doch bildet die Klage über die Distanz des schreibenden Ich zum Weltgetriebe nur die eine Dimension dieses Satzes. Die andere ist das selbstbewusste Staunen darüber, dass die eigentliche Weltgeschichte sich in der eigenen Seele entfaltet: in jenem fernen Kosmos, der die Ursprungslandschaft des Kafkaschen Schreibens bildet. Weil sie ihm so fern ist, deshalb muss Franz Kafka die Weltgeschichte seiner Seele erzählen. Warum mir dieser Satz Kafkas so wichtig ist? Weil er unaussprechlich viel über die Geschichte seiner und jeder Seele weiß und weil deshalb jeder Kommentar an ihm versagt.

Ernst Osterkamp, Jahrgang 1950, unterrichtet Neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität Berlin.

Quelle: F.A.Z.
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