Kafkas Sätze (49)

Die Gerechtigkeit muss ruhen

Von Wulf Segebrecht
 - 12:02

„Das ist keine gute Verbindung!“, sagte K. lächelnd, „die Gerechtigkeit muß ruhen, sonst schwankt die Waage und es ist kein gerechtes Urteil möglich.“

Warum lächelt K.? Er hat doch nichts zu lachen! Vergeblich sucht er in Kafkas Roman „Der Prozess“ Gerechtigkeit, seit er ohne ersichtlichen Grund verhaftet wurde. Er findet sie nicht. Da, beim Maler Titorelli, begegnet ihm unerwartet auf einem Gemälde die Allegorie der Justitia. Er erkennt sie an ihren Attributen: „hier ist die Binde um die Augen und hier die Waage“. Allerdings hat sie der Maler nicht, wie das sonst in der Bildenden Kunst üblich ist, ruhig sitzend oder stehend dargestellt, sondern „im Lauf“. Sie ist, wie der Künstler erläutert, zugleich die Göttin des Sieges und sieht schließlich, als das Gemälde fertig ist, „vollkommen wie die Göttin der Jagd aus“.

Eine Justiz, die darauf aus ist, die von ihr Verfolgten zu besiegen und zur Strecke zu bringen - „das ist keine gute Verbindung“, sagt Josef K. Noch lächelt er. Er denkt an einen korrigierbaren Kunstfehler: „die Gerechtigkeit muß ruhen, sonst schwankt die Waage und es ist kein gerechtes Urteil möglich“. Doch in Wahrheit handelt es sich um einen schweren Fehler im System des Rechtswesens, dessen Opfer Josef K. wird.

Eine verbrecherische Willkürinstanz

Justitia ist offensichtlich defekt und defizitär: Die „Binde um die Augen“ macht sie blind. Sie ist unfähig, genau zu beobachten, zu wessen Gunsten die Schalen der Waage ausschlagen, zumal sie sich „im Lauf“ befindet. Ihre Augenbinde bezeugt die Pervertierbarkeit der Grundsätze der Rechtsprechung.

Das Schwert der Justitia schließlich kommt gar nicht erst in Betracht, obwohl es in den künstlerischen Darstellungen der Allegorie zu ihren unabdingbaren Attributen gehört und die Legitimität des Gerichts, den Sühnegedanken der Strafjustiz sowie die strenge Entscheidungskraft der Justitia symbolisiert. Alles das fehlt hier. In Verbindung mit der funktionsuntüchtig gewordenen Waage und der problematischen Augenbinde - „Das ist keine gute Verbindung“ - zeigt das fehlende Schwert, dass der Verlauf des Prozesses und das böse Ende, das Josef K. nimmt, nicht unter dem Aspekt einer gerechten Folgerichtigkeit von Schuld und Sühne gesehen werden können. An die Stelle des Schwertes tritt „ein langes, dünnes, beiderseitig geschärftes Fleischermesser“, das ein Mörder dem Josef K. „tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte“. Die Justiz ist endgültig zu einer verbrecherischen Willkürinstanz geworden.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite