Kafkas Sätze (51)

Scham bedeutet Hoffnung

Von Joachim Kalka
 - 14:10

Es war, als sollte die Scham ihn überleben.

Das ist der Schluss des „Prozeß“-Romans. Vollständig lautet der Satz: „,Wie ein Hund!' sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.“ Die Anordnung der einzelnen Textfaszikel des Romanfragments mag in manchen Punkten strittig sein, doch dies ist das Ende.

Ist in dem Satz eine Hoffnung beschlossen? Nicht alles geht unter, etwas mag überleben. Die Scham. Das schiene ein Unsterblichkeitsversprechen eigener Art, aber müsste man annehmen, dass es rein sardonisch konstruiert ist? Sieht man die Varianten des Manuskripts nach, so stand zuerst: „,Wie ein Hund!' sagte er, sein letztes Lebensgefühl war Scham“, dann: „,Wie ein Hund!', sagte er, bis ins letzte Sterben blieb ihm die Scham nicht erspart.“ Auch hier wurde der zweite Halbsatz durchgestrichen, und jetzt lautet der Schluss wie oben zitiert. Die Scham bleibt Konstante, doch nach Kafkas Korrekturen steht nun der Satz so am Ende, dass man auf den Gedanken kommen könnte, hier sei mit einem Male durch den messerklingenschmalen Spalt des Hinrichtungsauftritts die Utopie eingetreten. Naturgemäß eine kafkaeske: gnomisch, klar (aber paradox) und gnadenlos. Das „letzte Lebensgefühl“ und das „letzte Sterben“ sind getilgt, es ist an ihre Stelle das „Überleben“ getreten. Das Überleben ist das Letzte.

Seiner Rolle nicht gewachsen

Das „sollte“ ist schwebend ambivalent, es enthält quasi die Synonyma für „würde“ und für „müßte“ (im Sinne von „als hätte die Scham ihn zu überleben“). Ist dies die Hoffnung: Die Scham könne so groß sein, dass sie überdauert? Und vielleicht den Menschen mitnimmt (denn irgendjemand muss ja die Scham empfinden)? Hoffnung und Drohung treten hier vielleicht in ein Verhältnis wie das Gewinnen und Verlieren in der schwindelerregenden kleinen Text-Höllenmaschine „Von den Gleichnissen“ (die ebenfalls vom Drüben, vom Hinüber handelt).

Scham worüber? Das Arrangierte, Einverständige und gleichzeitig Unbeholfene der grausamen Szene mit ihren „widerlichen Höflichkeiten“ ist ein ungeheuerliches Theater, dessen den ganzen Roman zusammenfassende Monstrosität gesteigert wird durch die Stille der Natur: „Überall lag der Mondschein mit seiner Natürlichkeit und Ruhe, die keinem andern Licht gegeben ist.“ Die Scham ist eine Empfindung des in dieses Theater Verwickelten und seiner Rolle nicht Gewachsenen. Das ist uns vertraut. Sie erreicht eine solche Intensität, dass man einen Augenblick lang lesend denken könnte, dass sie unsterblich macht.

Joachim Kalka, geboren 1948, lebt als Übersetzer, Essayist und Literaturkritiker in Stuttgart.

Quelle: F.A.Z.
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