Kafkas Sätze (54)

Der Fluch des Vertrauens

Von Rose-Maria Gropp
 - 09:00

Vertrauen aber kann ich nur mir und dem Bau.

Es reißt draußen Beute mit scharfen Zähnen, zerrt mit seinen Krallen Fleisch ins Labyrinth unter der Erde. Das Tier, das „Ich“ ist, ist stark. Es könnte sorglose Zeit draußen, vor seinem Bau, verbringen, in dem Wissen, „dass ich nicht endlos hier jagen muss, sondern dass mich gewissermaßen, wenn ich will und des Lebens hier müde bin, jemand zu sich rufen wird, dessen Einladung ich nicht werde widerstehen können“. Welch „unsagbare Freude“ hat es dem Tier schon bereitet, den Eingang seines Baus zu belauern. „Mir ist dann, als stehe ich nicht vor meinem Haus, sondern vor mir selbst, während ich schlafe, und hätte das Glück, gleichzeitig tief zu schlafen und dabei mich scharf bewachen zu können.“

Aber welch unsagbarer Schmerz liegt in diesen rauschhaft-paradoxen Gedanken, vermutet das Tier doch über seinen Bau, dass „der Fehler dort oben am Eingang unausrottbar“ besteht. Denn das Tier und sein Bau sind eine Einheit, und an das Kreuz dieser Einheit ist das Tier geschlagen.

Tötendes Zeichen des Stillstands

Wann immer ich Kafkas Erzählung „Der Bau“ wiederlese, stellt sich eine nachgerade kindliche Hoffnung ein: Diesmal, nur dieses eine Mal, soll es gut ausgehen. In „Der Bau“ hat Kafka das vielleicht kraftvollste Tier aus allen seinen Tiergeschichten erfunden, hat sich der zum Tode Kranke ein wehrhaftes Wesen phantasiert, mit wohligen Momenten der Selbstvergewisserung gar, am und im eigenen Werk. Die sollen doch für ein Mal zählen dürfen; das ständig denkende, wünschende Tier könnte doch einem anderen begegnen. Und „dieses Geräusch“, von dem das Ich-Tier dann so ganz vereinnahmt wird, könnte doch zum Mittel- und Höhepunkt einer veritablen Novelle werden. Die Gegensätze in diesem verrückten Leben, in dessen Tektonik mit unerhörter Konsequenz stets der folgende Satz den ihm vorangegangenen negiert, könnten sich aufheben, in einer Begegnung mit einem anderen, einem ebenbürtigen, „einem einzigen großen“ Tier, dessen Einladung eben unwiderstehlich wäre. Aber der Tier-Bau-Körper kann sich nicht schließen, und er darf sich nicht öffnen für einen anderen, nie und nimmermehr.

Es ist Teil des Geheimnisses dieser spätesten Erzählung im Nachlass aus Kafkas letztem Lebensjahr 1923/24, dass sie vollendet gewesen sein soll – und dass ihr Schluss verlorengegangen sei. So bleibt ein Gedankenstrich vor dem letzten erhaltenen Satz – alle Hoffnung tötendes Zeichen des Stillstands: „– Aber alles blieb unverändert.“ Das ist das Kreuz der narzisstischen Selbstabdichtung; die kurzen trügerischen Wonnen des Selbstgenusses machen es nur schwerer wiegen. Die Einheit vom Ich-Tier und seinem Bau ist der Fluch eines Vertrauens, das Leben vereitelt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria (rmg)
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenFranz KafkaRose