Kafkas Sätze (63)

Kulturnation ohne Kultur

Von Kerstin Holm
 - 15:47

Das dünne Pfeifen Josefinens mitten in den schweren Entscheidungen ist fast wie die armselige Existenz unseres Volkes mitten im Tumult der feindlichen Welt.

Der Satz und die ganze Geschichte vom Volk der Mäuse und ihrer Sängerin beschreibt das Rätsel der Kunst, deren Unterschied zu der sie umgebenden Welt aus Nicht-Kunst eigentlich nicht beschreibbar, für den Liebhaber aber doch so offensichtlich ist, als existiere nur sie wirklich. Die Kunst der ebenso legendären wie unverstandenen Sängerin Josefine ist dem Leben ihres hoffnungslos unmusikalischen Volkes entnommen. Sie klingt wie ein Pfeifen, sogar eher wie ein schwaches, dessen Hervorbringung aber außerordentliche Anstrengungen erfordert. Tatsächlich wirkt ja Kunst besonders stark, wenn sie Schwaches – Pfeiftöne, nackte Körper, zerfallende Blumen – zum Glühen bringt.

Die Massengesellschaft der Mäuse sucht die Selbstvergewisserung durch Kunst wie die Pirouetten drehende Tänzerin ihren Blickfixpunkt, obwohl die eigene Geschäftigkeit sie beinahe blind dafür macht – oder gerade deswegen. Wenn Josefine Gesangsbereitschaft signalisiert, ist das ein Ereignis und lässt das Publikum eilig zusammenströmen. Jeder Konsument resorbiert bestimmte Frequenzen. Wir hören aus Barockopern Pressekonferenzgefühle und finden die Cranach-Venus glamourös. Für die Maus ist die Koloraturarie eine Art Pfeifen.

Mehr Aufmerksamkeit für weniger Darbietung

Für die wimmelnden Mäuse ist die Kunst ein beinahe leeres Ritual. Wenn sie aber im Konzert die eigenen Ausdrucksformen frei von Alltagszwecken erleben, genießen sie es und fühlen sich für kurze Zeit frei und gestärkt. Auch wenn sie Koloraturen nicht hören können, finanzieren sie dennoch Josefine eine Vollzeit-Künstlerexistenz und sitzen bei ihren Darbietungen mäuschenstill wie stumpfe, aber dafür aufnahmewillige Provinzler. Das macht sie zur Kulturnation.

Die nicht beschreibbare Kunst ist nur negativ spürbar, als unsichtbare Trennlinie zwischen der Sängerin und ihrem Publikum. Die Parteien tolerieren und protegieren einander, obwohl die Künstlerin glaubt, sie sei der Schutzengel der Nichtkünstler, während die sich für Josefines Beschützer halten und ihre Egozentrik belächeln. Doch während das sorgenvolle Leben immer weitergeht, hat der Künstler ein Haltbarkeitsdatum. Josefine verlangt mehr Aufmerksamkeit für weniger Darbietung und verstummt. Danach hat das offenbar ewige Volk der Mäuse, zu weise, um zu trauern, seine kulturelle Jungfräulichkeit wieder.

Quelle: F.A.Z.
Kerstin Holm - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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