Kafkas Sätze (64)

Amtssprache als Brennspiegel

Von Dieter Bartetzko
 - 13:35

Die Anstalt ersucht ferner Unternehmer wie Arbeiter um Mitteilung besonderer guter oder schlechter Erfahrungen mit Schutzvorrichtungen.

Was sich liest wie eine öffentliche Anordnung, ist ein Satz aus dem „Jahresbericht 1910“ der „Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen“, der vorwiegend in der Institution selbst und weiteren betroffenen Behörden kursierte. Verfasst hat ihn der „Konzipist“ Doktor Franz Kafka, promovierter Jurist, der im selben Jahr nach dem Besuch mehrerer Vorlesungen über „Mechanische Technologie“ an Prags Technischer Universität vom „Aushilfsbeamten“ zu besagtem Konzipisten aufgestiegen war, um drei Jahre später zum Vizesekretär, 1920 zum Sekretär und 1922 zum Obersekretär befördert zu werden.

Fingerübungen eines genialen Schriftstellers

Eine Beamtenlaufbahn, ein „Brotberuf“, wie Kafka verächtlich schrieb, so gradlinig, tretmühlenhaft und umständlich wie der Name des Unternehmens. In krassem Gegensatz dazu steht der umstandslose Duktus des zitierten Ersuchens. Doch Kafka wäre von seinen Arbeitgebern nicht als „vorzügliche Konzeptkraft“ und „Versicherungsschriftsteller“ anerkannt worden, hätte er nicht auch jene Schreibweise beherrscht, die wir „Amtsdeutsch“ nennen. In seinen Bescheiden, Berichten, Vorschlägen und den Protokollen diverser Inspektionsreisen wimmelt es von – zuweilen einen ganzen Absatz bildenden – Bandwurmsätzen, die für behördliches Schriftgut charakteristisch sind.

Doch ebendiese Endlosschleifen zeigen Kafka als Schriftsteller nicht einer, sondern in einer Versicherung. Elegant, zwanglos leicht reiht sich Nebensatz an Nebensatz, und selbst nach dem dritten Einschub verlieren weder der Autor noch der Leser den Faden. „Mein Dienst ist lächerlich und kläglich leicht . . . ich weiß nicht, wofür ich das Geld bekomme“, schrieb er an Milena Jesenská. Amtsblätter, schriftliches Taxieren von Gefahrenklassen als Fingerübungen eines genialen Schriftstellers? Die Konvolute des Konzipisten Kafka enthalten mehr. In ihnen verarbeitete er die haarsträubenden Erfahrungen seiner Inspektionsreisen, die katastrophalen Bedingungen für Arbeiter in Steinbrüchen oder Fabriken, die Finten der Unternehmer, mit denen sie Geld für Schutzvorrichtungen einsparten, die Tricks, mit denen berechtigte Ansprüche Geschädigter in angebliche Betrugsversuche umgewandelt wurden.

„Die Anstalt ersucht“

Glasklare Amtssprache als Brennspiegel, der die brutale Wirklichkeit zu justitiablen Formeln gleichermaßen verdichtet und verfremdet; Mimikry also, so umfassend wie in den Romanen. Wie der Schriftsteller war auch der Konzipist Kafka ein Gepeinigter, der die Schrecken der Welt nur enträtseln konnte, indem er ihren zwingenden Ablauf verrätselte. Böhmischer Beamter und „Landvermesser K.“ in einem, mischte Kafka sich, eine rote Nelke im Revers, bei Arbeiterdemonstrationen unter die zuschauende Menge am Straßenrand. Zu mehr sah sich der Insasse der „Strafkolonie“ namens Arbeiter-Unfalls-Versicherungs-Anstalt außerstande. Doch was er erlebte, ist in seinen amtlichen Papieren ebenso festgehalten wie in seinen Erzählungen. Nicht umsonst also erinnert das knappe „Die Anstalt ersucht“ an die kategorischen Forderungen anonymer Mächte in „Das Schloß“, „Der Prozess“ oder „Das Urteil“.

Quelle: F.A.Z.
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