Kafkas Sätze (66)

Das drohende Gericht

Von Arnd Rühle
 - 16:14

Ich habe immerfort eine Anrufung im Ohr: „Kämest du, unsichtbares Gericht!“

„Meine Lust am Hervorbringen war grenzenlos“: Kafka schreibt den euphorischen Goethe-Satz am 8. Februar 1912 als Memento auf, weil ihm ganz und gar anders zumute ist. Ein andermal spricht er von Verzweiflung im Bett und auf dem Kanapee, von Ungeduld und Trauer wegen seiner Mattigkeit, die sich nährt durch die niemals aus den Augen gelassene Aussicht in die Zukunft, und er fährt im Tagebuch fort: „Ich bin nervöser, schwächer geworden und habe einen großen Teil der Ruhe, auf die ich vor Jahren stolz war, verloren.“ Immer wieder versucht er sich aufzurichten an Goethe, um dann, wie am 5. Februar 1912, müde das Lesen von „Dichtung und Wahrheit“ aufzugeben.

Liest man Kafkas Tagebucheinträge vom 19. und 20. Dezember 1910, kann man das drohende Gericht niemandem sonst als der Weimarer Exzellenz zuordnen. Andauernde Lektüre der Goethe-Tagebücher provoziert Kafka zu dem Vermerk im eigenen Diarium, dass die zeitliche Ferne dieses Dichterleben zwar beruhigt festhält; doch „diese Tagebücher legen Feuer daran“. Die Klarheit aller Vorgänge mache sie geheimnisvoll, so wie ein Parkgitter dem Auge die Ruhe gibt bei Betrachtung weiter Rasenflächen und uns doch in unebenbürtigen Respekt versetzt. Am folgenden Tag soll, was vierundzwanzig Stunden zuvor niedergeschrieben wurde, nicht mehr gültig sein.

Die Fußspuren seiner einsamen Gänge durchs Land

„Womit entschuldige ich die gestrige Bemerkung über Goethe (die fast so unwahr ist wie das von mir beschriebene Gefühl, denn das wirkliche ist von meiner Schwester vertrieben worden)? Mit nichts. Womit entschuldige ich, daß ich heute noch nichts geschrieben habe? Mit nichts. Zumal meine Verfassung nicht die schlechteste ist.“ Unheimlich tönt die Anrufung an das literarische Gewissen aus der Tiefe der Zeit. „Kämest du, unsichtbares Gericht!“ Was dann? Keine Rettung. Der Unerreichbare macht die Schreibnot erst groß: „Ich glaube, diese Woche ganz und gar von Goethe beeinflußt gewesen zu sein, die Kraft dieses Einflusses eben erschöpft zu haben und daher nutzlos geworden zu sein.“

Schon dem Studenten war Goethe eine höhere Macht. „Weißt Du aber“, so will er den „bösen Kritikus“ Oskar Pollak zurechtweisen, der das Goethe-Nationalmuseum verlästert, „was das Allerheiligste ist, das wir überhaupt von Goethe haben können, als Andenken – die Fußspuren seiner einsamen Gänge durch das Land.“ Auf diesen Spuren zu wandeln, treibt es den Pilger im Juli 1912 mit der Eisenbahn von Prag nach Weimar. Dort erhofft er sich klassischen Familienanschluss. Schon die Nähe des Hauses am Frauenplan, dann das Anrühren der Mauer vermitteln die „fühlbare Beteiligung unseres ganzen Vorlebens an dem augenblicklichen Eindruck“. Schreibzimmer und Schlafraum? Ein trauriger, an tote Großväter erinnernder Anblick. Die Szene geht ans Herz. Und in der Fürstengruft leuchtet ihm über Goethes Sarg, welch sinnvoller Abschluss der Reise, ein goldener Lorbeerkranz, gestiftet von den deutschen Frauen Prags 1882, fünfzig Jahre nach Goethes Tod, im Jahr vor Kafkas Geburt.

Quelle: F.A.Z.
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