Kafkas Sätze (67)

Von harmloser Animalität

Von Edo Reents
 - 16:55

Robinson war noch nicht ganz wach und griff schon nach dem Bier.

Karl Roßmann, vom Onkel an die Luft gesetzt, macht sich auf die Socken und kommt in einem heruntergekommenen Wirtshaus für eine Nacht unter, wo er sich das Zimmer allerdings mit zwei wenig vertrauenerweckenden Burschen teilen muss. Robinson und Delamarche werden die Demütigungen, denen Karl vom Anfang bis zum ungewissen Ende ausgesetzt ist und die jeden redlich denkenden Leser empören müssen, nahtlos fortsetzen. Man schließt sich zusammen und läuft los nach Butterford, nach dem Märchenmotto, wonach man etwas Besseres als den Tod überall finden kann. Es steigert aber gerade die Anteilnahme beim Lesen bis zum Schmerz, dass man nicht recht weiß, ob nicht der Tod etwas gnädiger zu Karl Roßmann gewesen wäre als das, was ihm in „Amerika“, so der von Max Brod verfügte, längst aber „Der Verschollene“ lautende Titel dieses Romans, den Eckhard Henscheid als einen der rührendsten der Weltliteratur bezeichnet hat, widerfährt.

Nicht zu besiegende Bosheit

Am Abend nach dem ersten gemeinsamen Tag mit Robinson und Delamarche offenbart sich deren Hinterlist. Karl wird losgeschickt, um etwas zum Essen und Trinken zu besorgen, und lässt seinen Koffer, das einzige, was er hat, bei den üblen Gefährten zurück. Nach Einbruch der Dunkelheit findet er, eingedeckt mit Speck, Brot und Bier, die beiden unter freiem Himmel schlafend vor und sieht, dass sein Koffer aufgebrochen wurde und dessen halber Inhalt in der Gegend herumliegt: „,Steht auf!', rief er. ,Ihr schlaft, und inzwischen waren Diebe da.' ,Fehlt denn etwas?', fragte Delamarche.“ In dieser Gegenfrage liegt die ganze, für einen Sechzehnjährigen nicht zu besiegende Bosheit Delamarches, der selber am besten wissen muss, ob etwas fehlt, denn er war es, der mit Robinson Karls Koffer aufgebrochen hat.

Und dann folgt der Satz, den ich immer besonders mochte - nicht, weil er zu wunder wie tiefsinnigen Deutungen einlädt, sondern, weil er eine Wesensart ausdrückt, die die Befriedigung der nächstliegenden Bedürfnisse schlau im Auge hat, sich aber nicht so tückisch äußert wie bei Delamarche und von eher harmloser, kalkulierbarer Animalität ist: „Robinson war noch nicht ganz wach und griff schon nach dem Bier.“ Ich gebe zu, dass mir dieser Satz hauptsächlich deswegen so gut gefällt, weil ich in einer solchen Situation wohl genauso handeln würde wie Robinson, wobei ich allerdings Karls Koffer auch bei allergrößtem Durst nicht angerührt hätte, um darin nach Bier zu suchen. Bleibt nur zu hoffen, dass dieser Satz so überhaupt stimmt: Wer weiß, wie er in einer dieser historisch-kritischen Ausgaben lautet? Mein Exemplar ist von 1963 und riecht so muffig wie vermutlich Karls Klamotten im Koffer. Andererseits: Was soll sich an so einem schönen Satz groß geändert haben?

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reents, Edo (edo.)
Edo Reents
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