Kafkas Sätze (68)

Großaufnahmen von Gesten

Von Jürgen Kaube
 - 11:02

Nichts hätte uns aufhalten können; wir waren so im Laufe, daß wir selbst beim Überholen die Arme verschränken und ruhig uns umsehen konnten.

Der Satz steht in „Kinder auf der Landstraße“, einem der ganz frühen Prosastücke Franz Kafkas, gedruckt 1913 im Band „Betrachtung“. Tatsächlich dürfte es - sofern „Kind“ mehr bedeutet als „hat Eltern“ - kaum Kinder geben, die solche Wendungen hervorbringen könnten: „Wir durchstießen die Nacht mit dem Kopf“ oder „Wir sangen viel rascher als der Zug fuhr“ oder auch „Wenn man seine Stimme unter andere mischt, ist man wie mit einem Angelhaken gefangen“.

Es stehen bei Kafka unzählige solcher Sätze, die dem Leser eine ungewöhnliche Körperhaltung oder Sinneswahrnehmung beschreiben, Großaufnahmen von Gesten. Einer klopft einem anderen, den er durchschaut hat, leicht auf die Schulter, ein anderer „rief ohne Klang“, wieder ein anderer drückt, eine Übelkeit verbeißend, seinen Mund an die Schulter des Schutzmannes, der ihn „leichtfüßig“ als Mörder abführt.

Malerei oder Stummfilm

Wie das Bild von den abwärts einen Hügel Hinabgaloppierenden, die beim Überholen mit verschränkten Armen aneinander vorbeilaufen, möchte man solche Motive im Rückblick sowohl expressionistischer Malerei wie dem Stummfilm zuordnen. Ein unheimlicher Übermut, der Arme und Beine in Bewegung setzt, wenn die Stimme nicht ausreicht, eine Mischung mal aus Glück und Fatalismus, mal aus Demonstrierlaune und Müdigkeit oder aus Pathos und Komik liegt in ihnen.

Nimmt man die vielen Tiere, die vielen Verwundungen an Kafkas Figuren und auch all jene Artisten hinzu, deren Virtuosität sich auf Randbezirke der Körperbeherrschung wie Pfeifen, Peitschen, Reiten oder Hungern bezieht, dann liegt hier eine ganz eigene Erkundung der kreatürlichen Schwerkraft und ihrer indirekten Mitteilungsformen vor. Philosophen haben behauptet, Kunst diene in erster Linie dazu, Gefühle nicht so sehr wiederzugeben oder auszudrücken, als sie vielmehr voneinander abzugrenzen, mit Gesten zu verbinden und so allererst fasslich zu machen. Diese These wird von Kafka wie von keinem anderen deutschen Schriftsteller vor oder nach ihm genährt. Es gibt Gefühle und Gesten, von denen man meinen könnte, man kennte sie erst, seit man ihn las.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
Jürgen Kaube
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