Kafkas Sätze (70)

Der Humor des Melancholikers

Von Henning Ritter
 - 16:51

Ich habe natürlich gar keine Pläne, gar keine Aussichten, in die Zukunft gehen kann ich nicht, in die Zukunft stürzen, in die Zukunft mich wälzen, in die Zukunft stolpern, das kann ich, und am besten kann ich liegen bleiben.

Diesen Satz hat Kafka Ende Februar 1913 an Felice Bauer geschrieben, die ihn nach seinen Plänen befragt hatte. Das „natürlich“ lässt sich aber auch als Sarkasmus des Sohnes hören, der sich einen Vorwurf des Vaters aneignet: Du hast ja gar keine Pläne, keine Aussichten! Natürlich hat er keine Pläne. Kann man mit mehr Nachdruck behaupten, dass man keine Pläne und Aussichten hat? Er hat sie nicht aufgrund einer Verfehlung oder einer Schwäche, sondern weil Gegenwart und Zukunft so sind, dass sie Pläne und Aussichten nicht zulassen: „Aber Pläne und Aussichten habe ich wahrhaftig keine, geht es mir gut, bin ich ganz von der Gegenwart erfüllt, geht es mir schlecht, verfluche ich schon die Gegenwart, wie erst die Zukunft.“ Das ist der erklärende Satz, der sich an den zitierten anschließt, der die Sache rundet zu einem ewigen Dekret, einem Verhängnis.

Durch kleine Abänderungen an alltäglichen, oft gehörten Sätzen etwas nie Gehörtes zu gewinnen ist eine versteckte Operation Kafkas. Der berühmte Schluss der Erzählung „Vor dem Gesetz“, der mit der Enthüllung aufwartet, dass die Tür, an der der Türhüter wachte, die ganze Zeit über geöffnet gewesen war, ist das Echo von Alltagssätzen. Kafka schildert in dem Tagebuchfragment des Romans „Der Verschollene“, wie Karl Roßmann, rastlos durch das Schiff irrend, in seinem Herumirren, ohne zu überlegen, an eine beliebige kleine Tür zu schlagen anfing: „,Es ist ja offen‘, rief es von innen, und Karl öffnete mit ehrlichem Aufatmen die Tür.“ Das ungezählte Male gehörte „Es ist ja offen“ liegt dem mysteriösen Schluss von „Das Urteil“ ebenso zugrunde wie die Ermahnungen der Eltern den Sätzen, mit denen Kafka seine Gegenwart beschreibt. Aus Ermahnung wird Verzweiflung.

Die Zukunft wird entzaubert

Das Wörtchen „natürlich“ in dem Satz, ebenso wie das „wahrhaftig“ im folgenden, lassen ähnliche, aber ganz anders intonierte Sätze hören. Wir hören die Stimme des Vaters, die ständig sagt: Du hast ja überhaupt keine Pläne, du hast ja keinerlei Aussichten. Aus dieser Vaterwelt wird einmal der Seufzer hörbar: „Bitte Vater laß doch die Zukunft noch schlafen, wie sie es verdient. Wenn man sie nämlich vorzeitig weckt, bekommt man dann eine verschlafene Gegenwart“ („Die städtische Welt“, 1911).

In einer längeren Tagebucheintragung 1912 wird diese Welt der Ungeduld gegenüber der Zukunft beschworen, die Klage über die Unentschlossenheit, die Lethargie des Sohnes. Er aber wehrt sich nicht gegen diese Vorwürfe, sondern bestätigt sie, eignet sie sich an und vertieft sie aus den Beobachtungen seines Lebens. Sie bedeuteten viel mehr, als der Vater meinte. Die gutgemeinten Ermahnungen der Eltern verwandelten sich für den Sohn in ein Verhängnis, dem er sich beugte. Sagten sie, er solle gerade gehen, nicht „mit gebeugtem Rücken, schiefen Schultern, verlegenen Armen und Händen“, so versuchte er nicht etwa, diese Haltung zu ändern, sondern behielt sie bei, voller Angst vor dem eigenen Anblick, fürchtete sich vor Spiegeln, „weil sie mich in einer meiner Meinung nach unvermeidlichen Häßlichkeit zeigten, die überdies nicht ganz wahrheitsgemäß abgespiegelt sein konnte, denn hätte ich wirklich so ausgesehen, hätte ich noch größeres Aufsehen erregen müssen“. Auf Sonntagsspaziergängen die sanften Stöße der Mutter in den Rücken, die Ermahnungen erschienen wie Prophezeiungen, „die ich mit meinen damaligen gegenwärtigen Sorgen in keine Beziehung bringen konnte“.

Sie mochten sich abstrakt auf eine Zukunft beziehen, zu welcher der Sohn keinen Zugang hatte: „Überhaupt fehlte es mir hauptsächlich an der Fähigkeit, für die tatsächliche Zukunft auch nur im Geringsten vorzusorgen.“ Wieder sind es drei Wörter, die aus dem Satz einen fremden machen: „überhaupt“, „hauptsächlich“, „tatsächlich“. Diese Wörter sind das Echo der geläufigen Reden über die Zukunft. Denn in seiner konkreten Welt ist nichts „überhaupt“ oder „tatsächlich“. Der geläufige Zukunftszauber wird zerstreut, die Zukunft wird entzaubert. Dieser Zukunft beraubt, wird alles zu einer grandiosen Enttäuschung, zu einem Universum der Traurigkeit, wie es die Notiz von 1912 ausspricht: „Ich blieb mit meinem Denken bei den gegenwärtigen Dingen und ihren gegenwärtigen Zuständen nicht aus Gründlichkeit oder zu sehr festgehaltenem Interesse, sondern, soweit es nicht Schwäche des Denkens verursachte, aus Traurigkeit, denn weil mir die Gegenwart so traurig war, glaubte ich sie nicht verlassen zu dürfen, ehe sie sich in Glück auflöste, aus Furcht.“

Das pedantische Verhalten in einem Universum des Falschen

Man kann Kafkas Erleben der Zukunft als Angst vor ihr bezeichnen, wie sie dann zu einer Grundbefindlichkeit der Epoche wird, nachdem die frohen Versprechen verbraucht sind. In der Welt von Kafkas Eltern und der eigenen Gymnasialzeit dagegen war die Zukunft eine große Sache. Wie Kafkas Satz klarmacht, glaubte man aufrecht in die Zukunft zu gehen, wie man sich im Paradies sich auch nur aufrecht vorstellen konnte. Man konnte sich ins Paradies ja nicht hineinstehlen, wie man sich vielleicht aus der Gegenwart fortstehlen mochte.

Die Unmöglichkeit des aufrechten Gangs durch die Zeit eröffnete dem Verlangen Kafkas nach Selbstherabsetzung ein Gegenbild für den Weg in die Zukunft, das in die völlige Immobilität mündet: „... in die Zukunft stürzen, in die Zukunft mich wälzen, in die Zukunft stolpern, das kann ich, und am besten kann ich liegen bleiben.“

Kafka selbst hat seine Verwandtschaft mit Kierkegaard entdeckt, und Jorge Luis Borges hat in dieser Verwandtschaft den Beleg für einen sonderbaren Humor sehen wollen. Er führt als Nachweis für diesen Humor Kierkegaards Geschichte eines Fälschers an, der unter ständiger Überwachung die von der Bank von England ausgegebenen Banknoten überprüfe: Mit dem gleichen Misstrauen wache Gott über Kierkegaard. Die Idee der Fälschung hat auch Kafka gefesselt, das pedantische Verhalten in einem Universum des Falschen. Die „große männliche Zukunft“, sagt Kafka, sei ihm „auch meistens so unmöglich vorgekommen“, dass ihm „jedes kleine Fortschreiten wie eine Fälschung erschien und das Nächste unerreichbar. Wunder gab ich leichter zu als wirklichen Fortschritt, war aber zu kühl, um nicht die Wunder in ihrer Sphäre zu lassen und den wirklichen Fortschritt in der seinen.“ Daher die komischen Gesten und Bewegungen, mit denen er sich in die Zukunft wälzt: „in die Zukunft stürzen, in die Zukunft mich wälzen, in die Zukunft stolpern, das kann ich ...“ Unter Verrenkungen allenfalls, nicht aber aufrecht in die Zukunft.

Der Humor des Melancholikers

Die Entdeckung der Fälschung im Fortschritt als der einzigen Möglichkeit, einen Schritt nach vorn zu tun, gehört zu den subtilen Einsichten Kafkas: Es gibt keinen Fortschritt in die Zukunft, sondern nur eine gefälschte Vorspiegelung des Fortschritts. Das Nächste ist unerreichbar – dieses Dekret gehört zu den großen Feststellungen, mit denen Kafka den Raum seines Schreibens abgegrenzt hat. Diese Vorstellung ist ja nicht „kafkaesk“, keine Ironie, allenfalls ein merkwürdiger Humor. Einen Vorläufer dieses Kafkaschen Humors hat Borges, zunächst befremdend, im Paradox Zenons gegen die Bewegung sehen und die Grundfigur des Romans „Das Schloss“ darin wiedererkennen wollen: „Ein bewegter Gegenstand, der sich in A befindet, wird (so erklärt Aristoteles) den Punkt B nicht erreichen, weil er zuvor die Hälfte des Weges zwischen beiden zurücklegen muß, davor aber die Hälfte des Weges und so bis ins Unendliche.“ Das Nächste ist unerreichbar, weil man dazu aus dem Vorigen herauskommen, die Gegenwart verlassen musste, um in der Zukunft anzukommen. Wenn darin ein Humor sich ausdrückt, dann ist es ein Humor, von dem wir selten, wenn nicht nie gehört haben: der Humor des Melancholikers.

Vielleicht liegt ein humoristischer Zug in Kafkas Verhalten zur Zukunft, wenn man bemerkt, dass die abgespaltene Zukunft eine gegensätzliche Deutung zulässt: das Erleben der Verschlossenheit der Zukunft als Ermöglichung einer reinen Gegenwart. An der Schwelle des Wahnsinns, am 23. Mai 1888, jubelt Nietzsche über das Verschwinden der Zukunft: „Ein Zufall, eine Frage erinnerte mich dieser Tage daran, daß in mir ein Hauptbegriff des Lebens geradezu ausgelöscht ist, der Begriff ‚Zukunft‘. Kein Wunsch, kein Wölkchen Wunsch vor mir! Eine glatte Fläche. Warum sollte ein Tag aus meinem siebzigsten Lebensjahr nicht genau meinem Tage von heute gleichen?“ Wie sehr dies zutraf, konnte er nicht ahnen. Wenig später begannen sich seine Tage so vollkommen zu gleichen, dass Lebenszeit nicht mehr wahrgenommen werden konnte. Und das Gleichmaß des Gegenwartserlebens Franz Kafkas brachte eine Literatur hervor, die von der glatten Fläche abgelesen war.

Quelle: F.A.Z.
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