Kafkas Sätze (71)

Ganz neue Welten

Von Harald Bost
 - 14:47

Lasst mich zum Teufel.

„Lasst mich zum Teufel“, schreit Josef K. seine beiden Wächter im ersten Kapitel des „Prozeß“-Romans an. Der Teufel, zu dem er will, ist der Aufseher, „ein Lümmel sondergleichen“. Dass aber Josef K. zum Teufel will, konnte der Kafkaleser bis 1990, dem Erscheinungsjahr der Kritischen Kafka-Ausgabe, nicht wissen, denn Kafkas literarischer Nachlassverwalter Max Brod hat in seiner „Prozeß“-Ausgabe versucht, „Zeichensetzung, Schreibart und syntaktische Konstruktion dem allgemeinen deutschen Gebrauch anzugleichen“ und demzufolge ein Komma vor „zum Teufel“ gesetzt. „Zum Teufel“ verstand Brod als Fluch und nicht als Adverbiale. Auch Malcolm Pasley, der Herausgeber der Kritischen Kafka-Ausgabe, kann sich – zum Teufel noch mal – nicht vorstellen, dass Josef K. zum Teufel will, und behält Brods Korrektur bei. Auch Pasley hält das fehlende Komma im Apparatband der Kritischen Kafka-Ausgabe für eines der „offensichtlichen Versehen“ Kafkas und zwar Versehen „in Orthographie und Interpunktion, die sinnstörend wirken oder die Lesbarkeit des Textes deutlich erschweren würden“.

Ganz neue Welten - Unterwelten!

Den Satz, so wie ihn Kafka geschrieben hat, sieht der Leser aber erst seit 1997 in der Faksimileausgabe des Stroemfeld Verlages. Seitdem könnte man an anderes denken als an eine Nachlässigkeit. Wenn nämlich K. zum Teufel möchte, muss er tot sein. Und nur, wenn er tot ist, ergibt seine Überlegung über die Unmöglichkeit eines Selbstmordes Sinn: „Es wäre so sinnlos gewesen sich umzubringen, dass er, selbst wenn er es hätte tun wollen, infolge der Sinnlosigkeit dessen dazu nicht imstande gewesen wäre.“ Auch die wehmütig lächelnd vorgebrachte Beteuerung seiner Vermieterin Frau Grubach, dass so etwas wie an diesem Morgen „nicht wieder vorkommen“ könne, ist sinnvoll nach der Einsicht, dass man nur einmal sterben kann und Josef K. tot ist. Wenn man aber den toten Josef K. zum Teufel lässt, eröffnen sich für das Verständnis Kafkas ganz neue Welten – Unterwelten!

Ob Kafka dieses verräterische „Lasst mich zum Teufel“ in der Endfassung geändert hätte oder den Satz ohne Komma gar nicht als verräterisch empfunden hätte, wissen wir nicht. Ganz gedankenlos kann er ihn nicht stehengelassen haben, hat er doch nachgewiesenermaßen das erste Kapitel im Freundeskreis vorgelesen und möglicherweise just von dem Blatt, auf dem das in Rede stehende Komma nicht steht. Auch ist nicht überliefert, ob er beim Vorlesen zwischen „Lasst mich“ und „zum Teufel“ eine Pause gemacht, wohl aber, dass er laut Brod, so unbändig gelacht habe, „daß er weilchenweise nicht weiterlesen konnte“. Seit Cicero erregt man „Gelächter, indem man Erwartungen täuscht“.

Harald Bost lehrt Komparatistik an der Universität Saarbrücken.

Quelle: F.A.Z.
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