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Karen Duve über Droste

In die Schulbücher eingehen, das hätte sie nicht gewollt

Von Andrea Diener
 - 16:44
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Dieses Freifräulein Annette ist ein seltsames Wesen: Stickt nicht, strickt nicht, stattdessen schreibt sie Gedichte, und zwar viel zu abgründige, um sie der Großmutter zum Geburtstag zu schenken. Morgens verschwindet sie mit dem Hammer in den Wald, um Mineralien zu sammeln, und wenn die Männer reden, weiß sie es oft besser und fällt ihnen ungefragt ins Wort. Annette kämpft den ewigen Kampf der klugen Frau, die auf den ihr angeblich zustehenden Platz verwiesen wird, und das meistens von Männern, die deutlich weniger brillant sind als sie. Dieses in den Augen ihrer Zeitgenossen vorlaute Fräulein Nette wird später als Annette von Droste-Hülshoff mit ihrer „Judenbuche“ in den Kanon schulbuchgeeigneter Novellen eingehen, mit der Generationen junger Menschen traktiert und nicht selten gelangweilt werden.

Das hätte sie wohl nicht gewollt. Jedenfalls nicht jene Annette, die in Karen Duves Roman als „Fräulein Nette“ durch drei Sommer hindurch begleitet wird. Es sind entscheidende Jahre in ihrem Leben. Durch ihren Onkel August von Haxthausen, wie die ganze Sippe aus altem westfälischen Adel stammend und mit Landgut, Besitz und schwindenden Einkünften mehr befrachtet als gesegnet, kommt Annette mit einem Rudel Göttinger Studenten in Kontakt und mit denen, die da noch so dranhängen – vor allem den Grimms, den malenden wie den märchensammelnden.

Sie geht ihnen einfach gegen den Strich

Und mit dem bitterarmen, unansehnlichen Studenten Heinrich Straube, zu allem Überfluss auch noch ein Protestant, der von Onkel August alimentiert wird, weil er ihn für ein Genie hält. Ebenso unseligerweise mit dem schönen August von Arnswald, der vor allem sich selbst für ein Genie hält. Zwischen Annette und Straube herrscht ein stilles harmonisches Einverständnis, das beide recht bald für Liebe halten. Und Arnswald, so viel ist verbürgt, wird mit einer Intrige dazwischenfahren, die Annette vor den Augen der gesamten Verwandtschaft unmöglich macht. Das ist, in einer Zeit, in der nichts so sehr zählt wie der äußere Anschein von Anstand, so mit das Schlimmste, was einer jungen Frau zustoßen kann.

Dreiundzwanzig Jahre alt ist Annette von Droste-Hülshoff, als ihr dieses Trauma widerfährt. In den Jahren, die darauf folgen, hört man wenig von ihr. Beschämt zieht sie sich zurück, heiraten wird sie nie. Es ist vor allem ihre Mutter, die sie fördert und ein umfangreiches Werkverzeichnis schon von Annettes Kindheit an führt. Doch Anerkennung in den literarischen Zirkeln der Zeit, etwa dem Bökendorfer Kreis um ihre Onkel Werner und August von Haxthausen, erfährt sie, die später Bedeutendste von allen, nie. Sie geht ihnen allen einfach gegen den Strich.

Dann entpuppt sich doch niemand als Genie

Wie wichtig man sich in diesen verschworenen Kreisen nahm, wie ambitioniert und voller Sendungsbewusstsein die jungen Studenten waren, das erzählt Karen Duve in diesem Buch auch, und es sind mit die unterhaltsamsten Kapitel in diesem durchweg sehr munteren Roman. Dann wieder begleiten wir Annette bei ewigen Routinebesuchen ihrer weitverzweigten Verwandtschaft, sind dabei, wie sie und die Schwester Jenny im Jahr ohne Sommer in der Kutsche durch Schlamm und Schnürlregen fahren, um irgendwann in einer zugigen Burg anzukommen, wo gichtige, schlechtgelaunte Patriarchen am Feuer sitzen und auf die modernen Zeiten schimpfen. Und mit der Großmutter geht es ins ehrenwerte Bad Driburg zur Kur, Wässerchen trinken, Bäder absolvieren und aufdringliche Tischgesellschaften ertragen. Es ist ein durchritualisiertes Dasein, das einem als junge Frau abverlangt wird, mit nur wenigen Freiheiten, und man fragt sich allmählich, wann Annette überhaupt je zum Schreiben gekommen ist.

Und das ist vielleicht das Einzige, was man an Karen Duves gelungenem Zeit- und Gesellschaftsporträt überhaupt vermissen kann. Alles, vom Mesmerismus bis zur Geschichte der Göttinger Universitätsbauten, hat sie genauestens recherchiert, wie man beim Lesen ahnt und durch das umfangreiche Literaturverzeichnis im Anhang auch bestätigt bekommt. Die Details fallen zwischendurch und beiläufig, geben der Sache Farbe und Gestalt und wirken niemals bildungshubernd.

Was aber hat die Droste gelesen, was hat sie geschrieben? Wie sahen die Textwelten aus, in denen sie sich gewandter bewegte als in den Damenkränzchen ihrer Gegenwart? Das bleibt allzu oft merkwürdig blass, gerade im Gegensatz zu den ausgefeilten Gedankengebäuden der Göttinger Studentenpoeten, die alle bald zusammenfielen, als aus den meisten der wilden jungen Herren ordentliche Juristen und Beamte wurden und sich dann doch niemand als Genie entpuppte, schon gar nicht als eines, das größer war als Goethe, dem damals offiziell geltenden Maßstab für Genialität. Im Gegensatz zur oft belächelten Nichte Annette, aber da hätte man doch gerne etwas mehr erfahren. Denn ans Herz wachsen kann einem dieses seltsame westfälische Freifräulein bei der Lektüre durchaus.

Quelle: F.A.Z.
Andrea Diener
Redakteurin im Feuilleton.
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