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Liebesqualen

 - 12:00

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Don Juan verliebt sich. Er gibt seinen amourösen Lebenswandel auf, um die Frau zu umwerben, mit der alles anders werden soll. Doch diese ziert sich, und so erlebt er all die Liebesqualen an sich, die er bisher höchstens anderen bereitet hat. Als es überraschend doch noch zur Liebesvereinigung kommt, verläuft diese nicht nach Plan: Statt um Liebe geht es seiner Angebeteten offensichtlich nur um Sex, und er, für den früher stets nur das Körperliche im Vordergrund gestanden hat, fühlt sich zum bloßen Objekt degradiert. Dem gekränkten Narziss bleiben nur die sofortige Trennung und die Flucht ins Ausland.

So ließe sich der Roman "Clara" von Éric Laurrent zusammenfassen, ohne dass damit schon Entscheidendes über das Buch gesagt wäre. Der Ich-Erzähler ist ein wehleidig-hypochondrischer Don Juan, den die Erkenntnis, dass sich bei seinen Vereinigungen "die Herzen zumeist darauf beschränken, Selbstgespräche zu führen", entweder in die Liebe oder aber in die Keuschheit treiben muss.

Als er Clara Stern begegnet, sind die Würfel zugunsten der Liebe gefallen. Dieser Mischung aus Cameron Diaz und Uma Thurman, verbunden mit der Morbidität der weiblichen Figuren Rossettis und Stucks und einer Gesamterscheinung wie Fouquets Jungfrau mit Kind kann der Kunstliebhaber nicht widerstehen. Clara gibt sich indes spröde. Während er glaubt, dass, "absolut betrachtet, alle Frauen verfügbar" sind, pocht sie auf eheliche Treue.

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Es ist nicht das geringste Problem des Romans, dass die Titelfigur letztlich zu wenig Eigenleben gewinnt, um glaubhaft zu sein, und zu wenige schillernde Züge an sich trägt, die sie wirklich zu einem faszinierenden Rätselwesen gerinnen ließen. Und auch die Einlassungen des Ich-Erzählers bleiben sind recht konventionell. Er registriert die Zeichen seiner Verliebtheit wie ein Pubertierender und versucht seinen Kummer mit Alkohol und exzessiven Ausschweifungen zu verdrängen. Seine dick aufgetragene Larmoyanz wirkt angesichts des kurzen Zeitraums - ganze acht Wochen lang war er ein vergeblich Liebender - geradezu lächerlich, ohne dass man indes den Eindruck hat, dies sei auch so beabsichtigt. Am Ende nimmt der Dreiunddreißigjährige, auch dies glaubt man so schon oft gelesen zu haben, die ersten unauslöschlichen Züge des Alters an sich wahr.

Letztlich konnte sich der 1966 geborene Laurrent in seinem dritten Roman nicht recht für einen Ton entscheiden. Nimmt er nun seine Geschichte und seinen Helden ernst, oder ironisiert er sie, ist sein Ich-Erzähler ernsthaft angeschlagen, oder hat er lediglich eine narzisstische Kränkung erfahren? Auch der Sinn der bis zum Extrem getriebenen Satzschachtelungen - die mehrfach in sich gestaffelten Unterbrechungen reichen von Einlassungen in Gedankenstrichen, runden und eckigen bis zu geschweiften Klammern - ist nicht ganz ersichtlich; denn so komplex sind die Gedankengänge und Reflexionen des Protagonisten nun wirklich nicht. Der Eindruck des Manierierten drängt sich hier ebenso auf wie bei der Vorliebe Laurrents für Aufzählungen und der zahllosen kunsthistorischen Zitationen, die recht oberflächlich bleiben. Dass der offensichtlich solvente, aber keinem Beruf nachgehende Kunstkenner und Renaissanceliebhaber am Ende nach Florenz flüchtet, das er natürlich noch nie gesehen hat, fügt sich ins Bild.

Schade, denn in einigen komischen Passagen wie in manch schwungvollen Dialogen blitzt auf, dass Laurrent mehr kann, als er in diesem allzu gefälligen Roman nachweist.

THOMAS MEISSNER

Éric Laurrent: "Clara". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Frank Wegner. Rowohlt Verlag, Reinbek 2006. 190 S., geb., 16,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.08.2007, Nr. 202 / Seite 34
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