Lukas Bärfuss’ Roman „Hagard“

Auf den Spuren der Füße einer Frau ohne Gesicht

Von Jürg Altwegg
 - 22:30
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Auf Seite 43 hat er ihr Gesicht „weiterhin nicht erkennen“ können. Dabei ist er ihr seit dem Anfang des Romans auf den Fersen. Zwanzig Seiten später hat er „ihr Gesicht noch immer nicht gesehen, aber er weiß, wo sie wohnt“. Seite 104: „Er vorne, die Frau, deren Gesicht er noch nicht gesehen hat, hinter ihm.“

Die Präzisierungen sind unnötig, ja ärgerlich. Denn es ist die Frage, die den Leser auf dieser atemraubenden Verfolgung in Atem hält. Dass Philipp, Ende vierzig, das Gesicht der Frau verborgen bleibt, geht jeweils aus den genauen Beschreibungen hervor - und wo es Zweifel geben könnte, sollte man sie nicht ausräumen. Seit fünfzehn Stunden folgt er schon ihrer Fährte. Manchmal hat er „sie“ aus den Augen, nie aber ihre Spur verloren. Auf Seite 104 „kommt er ihr näher und näher, weicht nach links aus, will sie mit gewissem Abstand überholen, es ist vollbracht, ein Schatten, der an ihm vorbeizieht, ein Geruch, Maiglöckchen vielleicht“. Philipp steht jetzt vor den Rolltreppen und weiß nicht, welche „sie“ nehmen wird: nach oben, nach unten?

Lange hat man auf den neuen Roman des Schweizer Schriftstellers und Dramatikers Lukas Bärfuss, der mit einem Stück über „Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ bekannt geworden war, warten müssen. Sein Erscheinen wurde verschoben. Jetzt ist er da: „Hagard“. Hagard?

Das ist weder der Name des Ich-Erzählers noch der Hauptfigur Philipp, neben denen der Verfasser drei Frauen auftreten lässt. Da ist Belinda, Tagesmutter von Philipps Kind und illegal im Land, von der man lange glaubt, sie wäre die Gattin des auf Abwege gekommenen Immobilienmaklers. Er hat ein kleines Büro mit einer pflichtbewussten, nicht mehr ganz jungen Sekretärin namens Vera. Und schließlich „sie“, die wie der Ich-Erzähler keinen Namen hat. Als Engel, Königin, Göttin, „Priesterin des Zerebralen“ wird sie bezeichnet. Ihr Auftritt ist ein „Diamantblitz“ oder ein „erster Strahl“ der aufgehenden Sonne, ihr „Licht weiß und golden“. Kitschig oder deplaziert wirkt dieses Vokabular erstaunlicherweise gar nicht. „Umdrehen“ will sich Philipp, nachdem er sie überholt hat: „umdrehen und sich erlösen“ - im Anblick ihres Gesichts, das er aber auch diesmal nicht zu sehen bekommt.

Eine Falle schnappt zu

„Am Anfang dieser Geschichte steht ein Paar Damenschuhe“, rekapituliert der Ich-Erzähler, der sie im Nachhinein verstehen will. Sie beginnt mit einer verpassten Verabredung in Zürich: Ein Pleitier, der Philipp ein Grundstück verkaufen möchte, erscheint nicht. Philipp dreht eine Runde und beobachtet voller Verachtung Menschen, die aus einem Kaufhaus kommen und in ihre Siedlungen am Stadtrand gelangen wollen. Darunter Jugendliche - „sie wussten nicht, dass sie längst in der Falle saßen, längst geknechtet von den Kreditverträgen“.

Über Philipp wird sie gleich zuschnappen - oder aufgehen? Er nimmt „ein Paar pflaumenblaue Ballerinas“ wahr. Das Geschäft, das er abschließen wollte, wird völlig uninteressant. Er folgt den Schuhen durch das Gewühl der Menge. Hat ihm die Frau ohne Gesicht, zu der die Füße gehören, nicht ein Zeichen gemacht? Sie betritt ein Geschäft und kommt mit einem Pelz heraus. Bei der Börse nehmen sie die Straßenbahn. Dann geht es im Vorortzug in irgendeine Schlafgemeinde. Philipp hat keine Ahnung, wo er sich befindet. „Sie“ verschwindet in einem Haus. Vergeblich versucht er, durch alle möglichen Öffnungen hineinzugelangen. Ein Taxifahrer muss ihm den Wagen, der im Parkhaus in Zürich steht, holen. Er lässt sich eine Pizza zum Auto liefern, in dem er die Nacht verbringt.

Am Morgen danach: die gleiche Strecke zurück. Auf der Flucht vor den Kontrolleuren verliert Philipp einen Schuh. „Gestern noch hätte er die Sache zügig geregelt, die Strafe bezahlt und Schluss. Jetzt hat er nicht mal Papiere.“ Aber für das Aschenputtel Philipp interessiert sich seine Prinzessin nicht. Hat sie überhaupt etwas von den Nachstellungen mitbekommen? Philipp ist zum Schwarzfahrer geworden, binnen 24 Stunden verwandelt er sich in einen Penner. Er klaut Essensreste, die ihn anekeln, und wartet vor einem Haus mit Fenstern wie „Froschaugen“. An der Technischen Hochschule „sieht er sie, aber er kann nicht erkennen, womit sie beschäftigt ist“.

Keine vollständige Zähmung

Im Affentempo wird in „Hagard“ stundenlang gewartet. Sehen und Riechen bestimmen die Wahrnehmung der Welt in diesem Roman, in dem Philipp nur seinem Instinkt folgt und der Ich-Erzähler von seinen intellektuellen Fähigkeiten im Stich gelassen wird: „Ich weiß alles, und ich verstehe nichts.“ Dass Philipps Uhr stehenbleibt, ist eines der schwächeren Symbole. Doch fortan wird das „kluge Telefon“ zum Zeitmesser. Der Countdown läuft, „Akkustand noch vier Prozent“. Das Ladekabel, mit dem er im Auto die Nutzungsdauer des Geräts hätte verlängern können, hatte er bereits für eine anstehende Reise verpackt, die er nie antreten wird.

Das Erlöschen des Displays wird zum Weltuntergang. Nach langem Suchen findet Philipp einen Apparat „aus dem letzten Jahrtausend“, der aber keine Münzen schluckt. Philip muss um eine Karte betteln. Mit dem Smartphone, das „Kopf und Namen“ zeigte, hat er seinen Speicher verloren: Er kennt die Nummer, die er anrufen will, nicht auswendig. Und im Büro meldet sich der Anrufbeantworter mit seiner eigenen Stimme. Für einmal hat Vera, die Philipp zu diesem Zeitpunkt noch hätte retten können, ihren Arbeitsplatz vorzeitig verlassen. Sie ist im Bett mit Max, der ihr sagt, dass sie ein bisschen wie Barbara Sukowa aussehe.

Das ist, Irrtum vorbehalten, die einzige Sexszene in „Hagard“. Aus dem Französischen kann man den Buchtitel, der im Roman als Name oder Begriff nicht vorkommt, mit „ausgezehrt“, „verstört“ oder „verschüchtert“ übersetzen. Als Synonyme verweisen die Wörterbücher auf „Delirium“, „Demenz“, „Horror“ - auch „Vision“. Lukas Bärfuss hat in einem Interview präzisiert, dass „Hagard“ ein Fachwort aus der Jägersprache sei. Mit ihm würden gefangene und abgerichtete Falken bezeichnet, die sich nie vollständig zähmen lassen.

Eine Welt, die sich in der Globalisierung auflöst

Gegen Schluss mehren sich die nicht mehr ausschließlich individuellen Katastrophen. Manchmal scheint Bärfuss die Dramaturgie zu entgleiten, dabei steigert er nur das Tempo und den Anspruch an die Leser, die er in diese Geschichte hineinzieht und letztlich so ratlos zurücklässt wie den Ich-Erzähler. In Zürich und dessen Vorstadt inszeniert Lukas Bärfuss eine Welt, die sich in der Globalisierung auflöst. Ihr Kolorit und ihre Kulisse erschließt er mit beiläufigen Beobachtungen und Bemerkungen; auch Hitler, die Vogelgrippe und Putin kommen vor. Flug MHA 370 der Malaysia Airlines, deren Boeing 777 sich spurlos im Nichts verlor, zieht vom Anfang bis zum Ende seine unaufdringliche Symbolspur durch diesen himmlischen Roman über „den Untergang der Welt, wie wir sie kannten“.

Am Schluss weiß selbst der Ich-Erzähler nicht genau, „wie Philipp in jener Nacht, als Vera bei Max lag, auf den Balkon gelangen konnte“. Im Auto hatte er vor dem Haus die Nacht verbracht. Nach einer abenteuerlichen Odyssee mit einem schwarzen Chauffeur, dem er ein paar hundert Franken versprach, aber noch immer ohne Schuh, war Philipp hierher zurückgekehrt. Seinen BMW hatte die Polizei abgeschleppt. Er sieht den Pelz, „auch die Schuhe sind da“. Der Kreis schließt sich: „Hier ist sie. Hier ist meine Nachricht an das Universum. Eine Nachricht an meinen Schöpfer. Ich sterbe, aber ich verschwinde nicht. Dies ist das Ende, und hier will ich beginnen.“ An dieser Stelle allerdings hätte man gerne erfahren, was wirklich passierte, nachdem Philipp die Scheiben eingeschlagen hatte. Und vor allem: wie er „sie“ gesehen hat.

Lukas Bärfuss: „Hagard“. Roman. Wallstein Verlag, Göttingen 2017. 178 Seiten. 19,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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Jürg Altwegg
Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.
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