Markus Gasser: Das Königreich im Meer. Daniel Kehlmanns Geheimnis

Böse Schutzengel, doppelte Welten

Von Heinrich Detering
 - 12:54

Die Rezeptionsgeschichte Daniel Kehlmanns ist gepflastert von Besprechungen, die anhand der Werke die Person des Autors und seinen Erfolg rezensieren. Entweder waren seine Werke infolge weltweiter Bestsellerehren von vornherein verdächtig, oder sie blieben im kleinen Kreis der frühen Fans und schienen deshalb kaum eines zweiten Blickes wert.

Unter den scharfsinnigsten Lesern Kehlmanns war von Anfang an der österreichische Literaturwissenschaftler und Essayist Markus Gasser. Um „Daniel Kehlmanns Geheimnis“ geht es, dem Untertitel zufolge, in seinem neuen Buch. Dass freilich das Werk dieses gerade einmal Fünfunddreißigjährigen ein grundlegendes Geheimnis enthalten könnte, wird manchen seiner Kritiker so unwahrscheinlich und übertrieben vorkommen wie der ganze Rummel um diesen Schriftsteller und schon gar wie die Idee, ihm eine komplette Monographie zu widmen.

Früh gereifter Autor

Dabei ergeben schon die bisherigen Bücher dieses früh gereiften Autors ein Werk im vollen Sinne des Wortes. Die bislang sieben Romane und Erzählbände, begleitet von Essays und Reden, entfalten ein subtiles Netz von Beziehungen, die um erzählte Weltentwürfe kreisen – in Genrespielen zwischen Reisebericht und Thriller, Biographie und Parabel, grotesker Literatursatire und komischer Horrorgeschichte. Mit der Beobachtung, dass jedesmal „eine zweite, eigentliche Geschichte in die halbdurchsichtige Handlungsoberfläche hineinverwoben“ sei, beginnt Gassers Spurensuche, die in einer an Michael Maar erinnernden Detektivarbeit tatsächlich Kehlmanns Geheimnis offenlegt. Sie führt, unter Verwendung auch unveröffentlichter Materialien, vom frühen Erzählungsband „Unter der Sonne“ bis zum 2009 erschienenen Roman „Ruhm“.

Wie wäre es, so rekonstruiert Gasser eine von Kehlmanns Leitfragen, wenn die traditionelle Vorstellung vom Jenseits als einem Schattenreich auf einem Vorurteil beruhte und die Schattenwelt eben diejenige wäre, in der wir jetzt leben, begleitet und mitleidig betrachtet von den schon Gestorbenen, die wir – mit den Worten von Kehlmanns Humboldt – wiedersehen werden „im Licht“? Angewandt auf die erzählten Welten, heißt das: Fiktion und Wirklichkeit tauschen die Plätze. Wenn Gauß in der „Vermessung der Welt“ erwacht, dann stellt er fest, dass er von Gauß geträumt hat; und mit einem Mal ist er von der eigenen Existenz nicht mehr sehr fest überzeugt: „Am frühen Morgen weckte ihn ein quälender Traum. Er sah sich selbst auf der Pritsche liegen und davon träumen, dass er auf der Pritsche lag und davon träumte, auf der Pritsche zu liegen und zu träumen. Beklommen setzte er sich auf und wusste sofort, dass das Erwachen noch vor ihm lag.“ Tatsächlich wird nicht entschieden, ob Gauß am Ende wirklich wieder in derselben Welt landet, die er einschlafend verlassen hat: „Als er schließlich erschöpft auf dem Bettrand saß und in den sonnigen Morgenhimmel sah, konnte er das Gefühl nicht loswerden, dass er jene Wirklichkeit, in die er gehörte, um einen Schritt verfehlt hatte.“ Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt – es ist niemals gutzumachen.

Gasser dechiffriert das Bauprinzip


Immer wieder gibt es solche Szenen in Kehlmanns Erzählungen, und Gasser dechiffriert ihr Bauprinzip. Da ist zuerst die gnostische Häresie des Erzketzers Markion, wonach der Schöpfer der uns sichtbaren Welt zu unterscheiden sei vom guten Gott: ein arglistiger und überdies schlampig arbeitender Demiurg, der uns, unterstützt von den Archonten, den – wie es in einem Roman Kehlmanns ganz nebenbei heißt – „bösen Schutzengeln“, fortwährend in die Irre führe. Wer sterbend diese Welt verlässt, der entkommt ihr. Gauß erweist sich als einer der heimlichen Gnostiker in Kehlmanns Welt. Schon als Kind trauert er darüber, dass „die Welt sich so enttäuschend ausnahm, sobald man erkannte, wie dünn ihr Gewebe war, wie grob gestrickt die Illusion, wie laienhaft vernäht ihre Rückseite“.

In Kehlmanns Erzählwelten verknüpft sich diese Traditionslinie mit einer zweiten: der Vorstellung des Zwischenortes, in dem die toten Seelen geläutert werden und in dem, den wiederum häretischen Spekulationen Swedenborgs zufolge, die Toten noch gar nicht recht wissen, dass sie schon tot sind – so wie es dem Helden in „Der fernste Ort“ widerfährt, dessen Ahnungslosigkeit über seinen Zustand nur von dem seiner Kritiker überboten wurde. Wann genau ist Julian in der Novelle tot, welche Welt ist das Ziel seiner Seelenfahrt? In dieser Geschichte bildet der beiläufige Satz, „dass ein Sterbender noch tagelang durch die allmählich unwirklicher werdende Welt seiner Einbildungen irren könne“, die Achse einer raffinierten Spiegel-Konstruktion. Gasser zeigt, wie der gesamte Text sich in präziser Symmetrie um diese Mitte bewegt.

Buch der Wunder und der Geister

Auch in der „Vermessung der Welt“, diesem, so Gasser, „Buch der Wunder und der Geister“, wird der Leser kalkuliert in die Irre geführt, wenn er Humboldts Halluzinationen als Symptome des Höhenschwindels erkennt. Unter den gewiss bloß eingebildeten Gestalten ist da auch Humboldts tote Mutter, mitten in einer spukhaften Höhle im Urwald, jene Mutter, von der in einer albernen Berliner Séance Jahre später ein einfältiges und nichtahnendes Medium einen Gruß ausrichten wird: Der wandernde Sohn habe sie einmal so schnöde ignoriert, als sei sie ein Gespenst. Erst die unkommentierte Beiläufigkeit, mit der solche Spannungen im Roman erzeugt werden – denn das Medium sagt noch vieles andere, und die Erinnerung ist schon halb verblasst –, öffnet die Anekdote ins Abgründige. „Die Welt wich um ihn zurück“, bemerkt der sterbende Held in der Erzählung „Schnee“, „er fühlte, wie der Augenblick sich dehnte und die Wirklichkeit sich in eine andere Wirklichkeit schob“. Dieses Gefühl wird in Kehlmanns Geschichten zur Leseerfahrung.

Die wesentlichen Grenzen, die seine abenteuerlichen Helden vom ersten bis zum jüngsten Buch durchqueren, sind nicht die der Länder und Kontinente, sondern diejenigen zwischen der Vorder- und der Rückseite der Wirklichkeit, zwischen Zeit und Ewigkeit. Was Gasser als Kehlmanns Geheimnis entdeckt, ist eine ins Erzählerische verschobene experimentelle Theologie. Immer wieder kreisen seine Geschichten darum um den Punkt, an dem Physik und Metaphysik, Fiktion und Metafiktion einander berühren. Immer wieder entwerfen sie, mit einem glücklichen Ausdruck des Literaturwissenschaftlers Matías Martínez, „doppelte Welten“. Wenn in „Ruhm“ eine Figur, die aussieht wie der reale Autor, seiner aufbegehrenden Figur versichert, im Unterschied zu ihr sei er selbst jedenfalls „real“, dann fragt sie zurück: „So?“ Um dieses kleine Wort dreht sich dieser Roman. Und nicht nur dieser.

Fataler Demiurg

Der Schriftsteller sei, so haben die klassischen Poetiken es gelehrt, als Schöpfer seiner Fiktionen ein „alter Deus“. Bei Kehlmann tritt er, von Erzählung zu Erzählung deutlicher, als fataler Demiurg seiner erzählten Welten hervor, weshalb seine Figuren sich seiner Gewalt entziehen müssen. In „Ruhm“ gelingt das in romantischer Ironie der todkranken Rosalie, die ihrem scheiternden Autor entkommt. Durch alle neuen Schraubendrehungen hindurch und jenseits aller gnostischen Spekulationen macht Gasser im Mittelpunkt von Kehlmanns Werk eindrucksvoll jenen „gottbegnadeten Moment“ sichtbar, in dem die Figuren aus ihrer Welt befreit werden, Sieger über ihren Autor und Vorgänger ihrer Leser. Auch der Tod ist sterblich – eine so schöne wie abgründige Pointe, nicht nur zur Osterzeit.

Weil diese Geschichten so ein Spiegelkabinett der Referenzen bilden, weil es wie bei Nabokov oder Thomas Mann auch hier keine leere Note gibt: deshalb deckt Gasser höchst unterhaltsam literarische Spuren auf. Den Zauberkünstler Adam von Librikov im Debütroman „Beerholms Vorstellung“ dechiffriert er mit ein wenig Schütteln als den Zaubermeister Vladimir Nabokov. In den vier Eingeborenen, die den unermüdlichen Humboldt über den Orinoko rudern und die Julio, Mario, Carlos und Gabriel heißen, erkennt er nebenbei die Herren Cortázar, Vargas Llosa, Fuentes und García Mrquez wieder, ohne die Kehlmann nicht durch diesen Roman hätte navigieren können. Aber wer Gassers Spuren folgt, begegnet auch Unamuno und Borges, Henry James und Thomas Mann, Stevenson, Highsmith und Joyce und, als Überraschungsgast, Bob Dylan. Und da Kehlmann ein Liebhaber der Theologie und der Mathematik ist, trifft er auch Thomas von Aquin, Kurt Gödel und, als Bruder im Geiste, Leo Perutz.

Gespür für Nebenmotive

Gassers Lesekunst aber bewährt sich erst in seinem Blick für die Erzählverfahren, die sich aus diesen Traditionen ergeben, und im Gespür für die Nebenmotive, die sprechenden Details. Entbehrlich sind nur ein paar polemische Seitenhiebe wie die Kontrastierung Kehlmanns mit dem Rest der Gegenwartsliteratur als einer angeblich „nah am Verstummen stotternden Tradition der Traditionslosigkeit“. Doch solche seltenen Ausrutscher trüben das Denk- und Lesevergnügen kaum. Denn Gasser kommt Kehlmanns Geheimnis auf die Schliche, ohne ihm auf den Leim zu gehen. Sein Essay bewegt sich, klug und mit beträchtlicher Eleganz, auf der Höhe seines Gegenstands. Er ist gescheit und geschmeidig, und er besitzt jene lightness of touch, die er Kehlmann mit Recht nachrühmt. Der habe schließlich die Leser daran erinnert, „dass ein Buch auch Spaß machen könnte“. Für Gassers Studie gilt das nicht minder.

Markus Gasser: „Das Königreich im Meer“. Daniel Kehlmanns Geheimnis. Wallstein Verlag, Göttingen 2010. 160 S., geb., 19,90 €.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenDaniel KehlmannErfindungKönigreichRezension