Maxim Biller: Der gebrauchte Jude

Wir sind eine kleine Familie, vergiss das nicht

Von Viola Roggenkamp
 - 16:51

Als ich jetzt von Hamburg kommend auf dem Weg nach Konstanz durch Frankfurt im Zug über die Mainbrücke fuhr, sah ich auf Maxim Billers Pyramiden, und mir wurde klar, warum ich diese gläsern glitzernden Finger, wie sie gegen den Himmel aufzeigen, schon immer mochte. „Das war wie in Ägypten Pyramiden zu bauen, aber diesmal nicht, um den Pharao glücklich zu machen, sondern die eigenen Kinder. Es waren starke und harte jüdische Männer, die das neue Frankfurt errichtet hatten . . . Sie ließen die rechte deutsche Polizei anfahren und die linken deutschen Nazikinder an ihren langen Haaren aus den verfallenden Westendhäusern tragen, sie machten endgültig hundert Jahre deutscher Gemütlichkeit kaputt.“

So liest man es in Maxim Billers neuem Buch „Der gebrauchte Jude“, Untertitel: „Selbstporträt“. Der darin sich selbst porträtierende Autor provoziert seine Leserschaft ihrerseits zur Selbstbetrachtung. Und da die meisten Leser keine Juden sein werden, könnte ihnen entgehen, dass es dem Autor in der hier zitierten Passage keineswegs bloß darum zu tun ist, die Häuserkämpfer von einst zu reizen und aufzubringen.

Rachebedürfnis, gewendet in eine Art humane Arroganz

Auch war es keineswegs so, dass sich alle jüdischen Kinder an den Frankfurter Pyramiden ihrer Väter erfreuten. Und schon gar nicht hätte ein Ignatz Bubis, mächtiger Immobilienmakler und Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, als Überlebender der Schoa ein durchaus legitimes Rachebedürfnis etwa bejaht. Stattdessen und viel lieber, wenn es trotz inneren Aufruhrs gelang, nach außen gewendet eine Art humane Arroganz.

Nicht einer deutschen Öffentlichkeit und auch nicht den eigenen Kindern gegenüber konnte jemals die Rede sein von der unstillbaren Sehnsucht nach Rache und dem Schmerz über ihre Vergeblichkeit. Die antisemitische Projektion vom endlos rachsüchtigen Juden mussten und müssen Juden zu allen Zeiten einkalkulieren. Wieso ausgerechnet nach der Schoa nicht mehr? Sogar im Blick der eigenen Töchter und Söhne, die so schön Deutsch sprechen wie richtige Deutsche, fürchten die Überlebenden, sich als Kaufmann Shylock wiederfinden zu müssen, Shakespeares ewiger Jude, der auch nicht mehr verlangte, als was rechtens war und ihm der Christ zu tun übrigließ: Filetstücke aus dem Weichteil der Stadt sich schneiden.

Ein Buch übers Judesein

Worum geht es in Maxim Billers Buch? Es geht ums Judesein, und zwar ums Judesein der Nachgeborenen vor den Augen der jüdischen Elterngeneration in der deutschen Öffentlichkeit. Es geht um die Selbstbehauptung des nachgeborenen Juden gegenüber den Vergasten, den Davongekommenen und den Überlebenden. Herauszutreten aus diesem Schlagschatten. Dem Traumatischen der Eltern eigene Formulierungen anzutun und was geschehen ist, in die eigene Sprache zu nehmen. Nicht mehr nur zu memorieren, was einem vom Leben und Sterben der Verlorenen eingetrichtert wurde. Nicht den heimlichen Rächer machen. Auch nicht länger den linken Nazikindern jeden Monat in hundert Zeilen den Hass-Juden spendieren. Wie aber das eigene Judesein befreien von solchem Gift? Darüber gibt Maxim Biller in diesem Buch Auskunft.

„Judesein ist ein seltsames Wort“, sagt Marcel Reich-Ranicki auf Seite 167. Es ist Maxim Billers Wort. Seine Begegnungen mit Reich-Ranicki gehören zum Eindrucksvollsten in diesem Buch. Mag es bei allen von Biller namentlich Genannten letztlich unbedeutend sein, ob es sie so gibt oder gab, ob man sie kennt oder nicht, denn wirklich zählt allein doch nur, was der Autor durch sein Schreiben ver-mitteln kann und in den Lesern aufzurühren vermag. Hier nicht. Hier vollführt Realität in ihrer literarischen Verdichtung vor unseren Augen einen atemraubenden Seiltanz. Man liest und staunt und ist bezaubert.

Die Vaterfigur Marcel Reich-Ranicki

Denn dieser Mann ist allen bekannt, die Literatur lesen und Literatur schreiben. Marcel Reich-Ranicki ist die vom Autor gesuchte Vaterfigur, und Biller ist keineswegs ein von diesem Literaturkritiker gelobter Schriftsteller. Vor ihm kommt der im Dreieck Hamburg, München, Frankfurt Hastende zur Ruhe, vor ihm wird jegliche rauschhaft ins Bodenlose stürzende Gigantomanie des jungen Juden unwichtig. Der Alte ist ganz bei sich, ist darin unbestechlich, und Maxim Biller gelingt es im Gegenüber zu Marcel Reich-Ranicki unerschrocken zu bleiben und zärtlich zu sein.

Es liest sich wie eine Eidesformel, wenn der Selbstporträtist auf den ersten Seiten schreibt: „Ich bin Jude und nichts als Jude, weil ich wie alle Juden nur an mich selbst glaube, und ich habe nicht einmal Gott, auf den ich wütend sein könnte. Ich bin Jude, weil fast alle in meiner Familie vor mir Juden waren. Ich bin Jude, weil ich kein Russe, Tscheche oder Deutscher sein will. Ich bin Jude, weil ich eines Tages merkte, wie sehr es mir gefällt, die anderen damit zu verwirren, daß ich Jude bin.“

Die Obszönität des Wortes Jude

Und nicht nur zu verwirren, sondern auch zu quälen. Diese Verwirrten sind deutsche Nichtjuden, und sie haben, bevor sie noch Probleme mit Maxim Biller bekommen, Schwierigkeiten mit dem Wort: Jude. Als sei Jude ein obszönes Wort. Dazu ist es geworden. Es hat in sich alle antisemitischen Zuschreibungen aufgenommen; sogar die Ausmordung der europäischen Judenheit.

„Dem obszönen Wort“, schrieb der jüdisch-ungarische Psychoanalytiker Sandor Ferenczi 1911, wohne „eine eigentümliche Macht inne“, die gleichsam dazu zwinge, „sich den darin benannten Gegenstand, in dinglicher Wirklichkeit vorzustellen“. Und auf einmal steht der Jude wieder vor einem. Muss er nicht voller Hass sein? Muss er nicht Rache nehmen wollen für alles, was ihm angetan wurde? Auf der Rückseite des Buchumschlags sieht man ihn, Maxim Biller: der gebrauchte Jude in seinen jungen Jahren. Er sieht so schön jüdisch aus, dass die älteren Herren der bundesdeutschen Journalistengesellschaft, die Maxim Biller bei sich hospitieren ließen und die er vor seinen Lesern auftreten lässt, ihn unmöglich für einen Südfranzosen haben halten dürfen.

Herrliche Porträts aus dem Literaturbetrieb

Biller liegt das Porträtieren. Kleine Kunstwerke durchziehen sein Buch, feine Skizzen bekannter Medienleute, die, auch wenn man sie nicht kennt, einem lebendig werden. Noch schöner, wenn man sie kennt. In hundert Jahren vielleicht werden Literaturwissenschaftler sich zergrübeln, welchem Rezensenten einer Hamburger Wochenzeitung Maxim Biller den Nachnamen Greiner verpasste. Hieß der Mann mit der Franz-Liszt-Frisur nicht eigentlich Jammer oder Klager? Denn Beschwerer wird er nicht geheißen haben, da er kein Jude war.

Das eben ist die Macht von bedruckten Buchseiten zwischen zwei in Leinen gebundenen Buchdeckeln. Ob die Leute tatsächlich ganz genauso sind oder waren, ist für den Wahrheitsgehalt dessen, was da schwarz auf weiß zu lesen ist, weder nachteilig noch von Vorteil. Wenn es stimmt im Sinne der literarischen Wahrhaftigkeit und der provozierenden Zuspitzung, liest man und lässt sich gern mitnehmen: zu Giovanni di Lorenzo, dem etwas am Herzen lag, „aber man erriet nicht, was“; zu der Mentholzigaretten rauchenden, damenhaften Frau Reich-Ranicki aufs schwarzlederne Sofa; zu Rachel Salamander, „sie war auf eine Art ironisch, die absolut unironisch war“. Oder man gerät mit dem Selbstprotagonisten an die Seite seines Vaters „unter das schwere, kalte, nasse Tuch“, dem beklemmenden „Hamburggefühl“, und lässt sich im schwedischen Volvo auf der deutschen Autobahn ermahnen: „Wir sind eine sehr kleine Familie. Vergiss das nicht.“

Der Schriftsteller als Agent provocateur

Alle werden sie zu literarischen Figuren. Sogar Henryk Broder mit seinem kleinen schwarzen Hund, der überhaupt nicht klein und schwarz war, wie man unlängst im „Spiegel“ vom Hundebesitzer höchst selbst reklamiert lesen konnte. Aber im „Gebrauchten Juden“ ist er nun einmal schwarz und klein. Und da es Maxim Billers Blick ist auf das an Broders Hosenbein hastig hochspringende Hündchen, könnte man es lesen, als den kleinen Biller mit seinem großen Broder.

„Der Schriftsteller“, so schrieb 1961 Marcel Reich-Ranicki, „braucht nicht unbedingt die Gesellschaft zu bekämpfen. Aber er muss sie provozieren.“ Maxim Biller wird bleiben als der Schriftsteller, der jeden, über den zu schreiben ihn umtreibt, kenntlich macht. Auch sich selbst. Keine Konsequenzen scheuend, nennt er seine Täter, aber auch seine Opfer, und so zeigt er sich als Opfer wie als Täter.

„Ich habe nicht alles erzählt“

Dieses beharrliche Kenntlichmachen wird in seinem Buch „Der gebrauchte Jude“ das Gegenbild zur Verleugnung schlechthin. Und die Verleugnung gehört zum Antisemitismus wie die Gaskammern und Verbrennungsöfen zu Auschwitz.

„Ich habe nicht alles erzählt“, schreibt der Autor am Ende, und man liest es mit Erleichterung. Schnell gibt er noch Ausblicke auf das, was zu erzählen bleibt. Denn es wird nie alles sein können.

Die Schriftstellerin Viola Roggenkamp, geboren 1948, veröffentlichte zuletzt den Essay „Erika Mann - eine jüdische Tochter“ sowie den Roman „Die Frau im Turm“.

Maxim Biller: „Der gebrauchte Jude“. Selbstporträt. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2009. 174 S., geb., 16,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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