Michael Lentz: Textleben

Bergbesteigung ohne Seil und Eispickel

Von Friedmar Apel
 - 21:32

Michael Lentz, 1964 in Düren, also im Rheinland geboren, wie man unschwer hört, Anhänger des 1. FC Köln, ehemaliger deutscher Meister im Poetry Slam und Bachmann-Preisträger, ist ein Sprachbegeisterter, dem allzeit der Mund übergeht, ein hinreißender Redner und Vorleser, ein Abraham a Santa Clara des Medienzeitalters, ein Bußprediger wider die Faulheit und Trägheit des oberflächlichen Dahinlesens. Anders als der Enthusiast aus Krenheinstetten schaut er aber nicht nur dem Volk, sondern vor allem der Sprache auf das Maul, auf dass wir hören sollen das Wort mit allem was wir haben, Geist, Seele und Sinnlichkeit, und teilhaftig werden „des irdischen Vergnügens“ der Lust am Text.

Schon jede einzelne Ansprache des Dichters und Literaturprofessors ist geladen mit Ansprüchen und Anforderungen. Die gesammelten Reden und Aufsätze zur Poetik, die Besichtigungen des eigenen Werks und die Essays zur Literatur, von Rühm, Riedl, Pastior, Herta Müller, Friederike Mayröcker, Helga M. Novak oder Kling über Robert Walser, Thomas Mann, Rilke und Benn zu Beckett, formieren sich zu einem Textmassiv, vor dem sich sogar der Herausgeber Hubert Winkels, selbst ein ausgewiesener Vor- und Lustleser und brillanter Essayist, etwas erschrocken zu haben scheint. So macht er gleich mehrere Vorschläge, wie es der Leser durchwandern soll, warnt aber auch davor, sich im Unwegsamen zu versteigen: Augen offen halten, Textbewegungen nachvollziehen, aber sich nicht zu tief hineinziehen lassen in die Selbstbezugnahme und das Gipfelstürmerische dieses Extremsportlers der Literatur.

„Lesen heißt sich ernähren. Sich anspornen“

Der Leser solle doch einmal mit Michael Lentz ein Fußballspiel ansehen, da würde ihm ein Licht aufgehen. Das klingt fast gefährlich. Gegen wen mag sich das „hate-speech-crescendo der heiteren Art“ wohl gerichtet haben, als Jogi Löws blutjunge, ballacklose Truppe bei der WM 2010 Argentinien mit einer taktischen Meisterleistung 4:0 zerlegte? Vermutlich gegen kleines, dickes Maradona, der als genialster Spieler und dilettantischster Trainer Südamerikas in die Geschichte eingehen wird. Michael Lentz hat anlässlich des Bachmann-Preises 2001 eingeräumt, dass seine „Fußballbegeisterung schon fast was Asoziales“ hat. Beim historischen Sieg der Schriftsteller über den ORF in Klagenfurt hat der kampfstarke Mittelfeldspieler aber alles für die Mannschaft gegeben.

Offenbar soll der Leser die Anforderungen des schwergewichtigen Buchs sportlich nehmen. Sportlichkeit empfiehlt der boxende Literaturlehrer auch den angehenden Schriftstellern in Leipzig. Leibesübung gibt Kondition am Computer und sorgt dafür, dass man in der „Erprobungssituation“, wie dem Wettlesen in Klagenfurt, nicht plötzlich ermüdet. Mit dem Rauchen aufhören. Mit dem Lesen nicht aufhören, „Lesen heißt sich ernähren. Sich anspornen.“ Unordnung ins Leben bringen, das macht flexibel. Reisen mobilisiert Schreiben und Denken. Nicht versuchen, sich in den Leser einzufühlen, das entfremdet vom Vorhaben.

Die notorische Lust am Dazwischenhauen

In der „Tateinheit von Schreiben und Lesen“ läuft die säkulare Lentzsche Gebetsmühle auf vollen Touren, der Dilettantismus vorgeblicher Unmittelbarkeit ist ihm zuwider. Wer ein Lyriker sein will, nicht nur ein selbsternannter, „muss mehr als tausend Gedichte quer durch alle Zeiten gelesen haben, wer keinen Ezra Pound gelesen hat, kann kein Dichter sein, wer noch nie Reinhard Priessnitz gelesen hat, kann kein Dichter sein, wer über Stefan George lacht, kann kein Dichter sein, wer bei August Stramm glaubt, sich verhört zu haben, ist für die Poesie verloren, an wem Arthur Rimbaud und Charles Baudelaire spurlos vorbeigegangen sind, an dem ist alles vorbeigegangen“. Tradition ist nämlich, „wenn man trotzdem weitermacht“. Tradition und Experiment sind gerade in der Lyrik aufeinander angewiesen. In ihrer Schnittstelle erst wird es interessant. Je mehr ein Autor liest, desto weniger Einflussangst wird er haben, umso besser wird er wissen, was er tut, wenn er Ich sagt. Ein Ich ohne den Horizont der Tradition ist „schalltoter Raum“. Der Großteil der zeitgenössischen Lyrik, schimpft der Dichter, schert „sich nicht um Vorgängiges, sondern geht frisch daran, die Welt der Poesie neu zu erfinden“. Kein Wunder, dass die meisten zeitgenössischen Autoren „so enttäuschend hohle Nüsse“ sind, dass sie nicht einmal Vorwürfe provozieren.

Aber auch das eigene Textleben hat seine Höhen und Tiefen. Mal lässt der Dichter kraftmeierisch wissen, dass er der Beste ist, dass er „richtig was auf dem Poetenkasten hat“, dann wieder zagt er ebenso radikal: „Ich habe bislang nichts geleistet, überhaupt nichts, ich stehe erst am Anfang.“ Seine notorische Lust am Dazwischenhauen kann die Schwachköpfe der Gegenwartslyrik treffen, sich aber unvermittelt auch gegen ihn selbst richten. Hart geht er mit seinen Werken ins Gericht. „Liebeserklärung“ (2005) sei ein Rausch gewesen, „eine Bergbesteigung ohne Seil und Eispickel“, nun sei das Buch ihm peinlich, weil zu linear angesichts des Lebens. „Pazifik Exil“ (2007) sei „auch kein gutes Buch“, bis auf „einige kürzere Passagen“.

„Lesen Sie Oskar Pastior“

Aber nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Nach Anwandlungen von Selbstzweifeln wird das Training wiederaufgenommen. Entsprechend soll auch der Leser immer wieder den Pass in die Schnittstelle von Text und Welt trainieren, denn „unsere lesenden Augen sind aus der Übung gekommen“. Selbst mit einem germanistischen Doktortitel versehene Kritikerinnen halten ja heute intellektuelle Anstrengung beim Lesen von Literatur für eine Zumutung. Die zur Schau getragene Verachtung für Literaturwissenschaft gehört für Lentz im Übrigen zu den gängigen Vorurteilen, die den Blick auf die Tradition ermüden lassen.

Der Autor aber ist auch als Leser einer, der sich dem Wunsch nach Verstehen systematisch und listig entzieht. Die vieldeutige Literatur lässt sich nicht auf begriffliche Aussagen reduzieren. „Literatur ist ein Vortäuschungsmanöver“, ein komplexes System von Finten. Das Verstehen von literarischen Texten ist angesichts dessen ein „schillerndes Kontinuum“, und manchmal geht Verstehen umso mehr in die Irre, je tiefer es zu greifen sucht. „Und oft genug ist bei Thomas Kling das Vergessene, Abgedrängte, Unbekannte dominant, das sich durch die poetische Textur wieder an die Oberfläche bahnt. An dieser Oberfläche kann es der Leser abholen.“ So geht es gar nicht in erster Linie um Sinnverstehen, „vermeintlich ganz und gar verstehen kann eine große Enttäuschung bereiten“. Denn Literatur nimmt Sinn und gibt Sinn, während sie Sinn nimmt und dabei Sinn gibt. Alles klar? Sich einlassen auf die Schnittstelle und nicht nachlassen ist lohnender und lebendiger als falsche Klarheit. Daher: „Sie verstehen Ihre Welt ringsum nicht? Lesen Sie Oskar Pastior. Sie verstehen sich selbst nicht? Lesen Sie Oskar Pastior. Sie verstehen Oskar Pastior nicht? Lesen Sie Oskar Pastior.“

Ein Radikalinski der Literatur

„Das Großmaul“ Michael Lentz kann andere wunderbar loben, selbstlos und manchmal in rührender Schlichtheit. „Es ist erschütternd.“ Das ist vielleicht die Dankbarkeit dessen, der sich als Schüler das Alphabet nicht merken konnte. Beharrlich und treu auch tritt er für die Lautpoesie ein, die ihm einst ein Initialerlebnis bescherte. Sie ist ihm nach wie vor in gesteigertem Maß existentiell, indem sie zeigt, „wie wir aus unserem Munde hervorgehen“, wie Sprache jenseits des Erzählens, der Referenz und auch des Stimmungshaften lebt. Das ist die Grundlage der Bedeutungen, die das Buch an Metapher und Begriff des Textlebens entfaltet.

Der Einwand, Lautpoesie sei schnell veraltete Avantgarde mit Nachwuchsproblemen, zählt für Michael Lentz schon deshalb nicht, weil er erfahren hat, dass in der Literaturgeschichte gar nichts ein für alle Mal veraltet. Auch die ältesten Texte können im „Überfall des Gewesenen auf die Gegenwart“ je und jäh Aktualität erlangen, in die Wahrnehmung der Welt einbrechen und den Blick auf die Dinge verändern. Dieser Radikalinski der Literatur ist erstaunlich frei von ideologischen Vorbehalten. „Lesen Sie mal Stefan George! Das ist der Hammer.“ Mit Benn werde man „einfach nicht fertig“ und Rilke zu lesen könne tatsächlich „das Leben verändern“.

Sie verstehen das nicht? Lesen Sie Michael Lentz, und lesen Sie, was und wie er lobt. Lesen in Tateinheit mit Schreiben, lehrt er und lebt es vor, ist etwas eminent Sinnliches und Sportliches. Literatur ist Leibesübung als „Nichtsterbenwollen“, Glück und Anstrengung, Hingabe und Selbsterhaltung zugleich und als „Tätigkeit der Wollust“ das beste Mittel gegen die Langeweile. Intensiver kann die innige Beziehung von Lesen und Leben nicht gepriesen werden als in diesem Hammer von einem Buch.

Michael Lentz: „Textleben“. Über Literatur, woraus sie gemacht ist, was ihr vorausgeht und was aus ihr folgt. Hrsg. von Hubert Winkels. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011. 576 S., geb., 24,95 €.

Quelle: F.A.Z.
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