Navid Kermanis neuer Roman

Ein Buch wie eine Mehrzweckhalle

Von Jan Wiele
 - 10:28

Wie man eine gute Geschichte über einen Schriftsteller erzählt, der nach einer Lesung einer früheren Geliebten begegnet, das hat John Updike in dem Meisterstückchen „Sein Œuvre“ gezeigt. Wie man es nicht macht, zeigt Navid Kermani in seinem neuen Roman „Sozusagen Paris“.

Bei Updike geht es natürlich viel um Sex. Bei Kermani geht es angeblich um Liebe – aber man hat immer eher das Gefühl, einer Soziologievorlesung über die moderne Partnerschaft beizuwohnen als einen Liebesroman zu lesen. Wenn man Updikes Geschichte in ein Wort fassen sollte, wäre es: Schlafwagensex. Bei Kermanis Roman wäre es: Mehrzweckhalle.

Große Liebe ohne Höhepunkt

In einer solchen nämlich findet die besagte Lesung des in Ich-Form erzählenden Schriftstellers statt, und ungefähr so erotisch wie das Wort Mehrzweckhalle sind die fast dreihundert folgenden Seiten Umstandskrämerei. Der erotische Höhepunkt besteht bei diesem Roman in einem einseitigen Wikipedia-Zitat zum Stichwort „Tantra“.

Aber auch strukturell passt der Begriff Mehrzweckhalle zum Buch, denn Kermani will einfach zu viel: nämlich einen literaturgeschichtlichen Essay über die Bildnisthematik beim Sichverlieben schreiben, angereichert um ellenlange Zitate und Interpretationen von Proust, Balzac, Maupassant und anderen, die bestimmt ein Drittel des Texts ausmachen. Er will eine Metafiktion schreiben mit einem Dichter-Erzähler, der dauernd den Leser anspricht, beim Schreiben schon die Reaktion seines Lektors antizipiert oder von dieser berichtet. Er will zusätzliche Intertextualität erreichen, indem er den Roman als Fortsetzung seines Romans „Große Liebe“ (2014) anlegt oder besser gesagt als Nachklapp dazu. Denn das Buch, aus dem der Ich-Erzähler hier vorliest, muss „Große Liebe“ sein, Kermanis Roman über die erste Begegnung mit jener Frau, die nun bei der Lesung auftaucht und nach der sich der Erzähler des vorliegenden Buches, wie er sagt, dreißig Jahre lang gesehnt hat. Kermani spielt vielfach mit Andeutungen, die ihn selbst mit diesem Erzähler gleichsetzen, zieht die Sache aber auch wieder in Zweifel.

Am Anfang denkt man noch ganz kurz, das könnte ja spannend werden: Diese Stimmung nach der Lesung, in der der Erzähler schon vollkommen fixiert ist auf die wiedergesehene Frau, seine Schulhofliebe, sich aber erst noch mit zahlreichen anderen Leuten abgeben muss, klingt witzig und verheißungsvoll: Er polstert sich „die Wirklichkeit mit weichem Plüsch aus, während der Kulturdezernent die Fahrtkosten in das Abrechnungsformular einträgt“, und malt sich bereits eine Nacht im Hotelzimmer oder ihrer Wohnung aus, nach der er in ihrem Arm aufwacht.

Sexualisierung der Gesellschaft

Doch es kommt anders. Er und die Frau, die er Jutta nennt, landen zwar in ihrer Wohnung, doch der Ehemann ist zu Hause, und es gibt Streit über Chipstüten und Kindererziehung. Des Gatten Rückzug ermöglicht es dem Erzähler immerhin zu bleiben, doch aus dem plüschigen Traum wird ein platonisches Sofagespräch, das die ganze Nacht dauert und in dem – wie er leider selbst früh verrät! – „nichts Spektakuläres“ passieren wird.

Nun muss es ja in Romanen nicht zwingend zu Techtelmechteln kommen, die Ereignislosigkeit ist bei manchen literarisches Programm, und auch aus dieser Situation hätte man bestimmt noch eine interessante Geschichte machen können – aber der Erzähler schafft es einfach zu keiner Zeit, auch nur einen Anflug von Anmut oder reizvoller Interaktion zwischen zwei Menschen zu vermitteln. Stattdessen gibt er in einer Art Gesprächsprotokoll Juttas Ehegeschichte wieder und erzählt seine eigene noch dazu, beides aber wie auf dem Katasteramt. Somit „kehre ich zum Biographischen zurück, das für den Leser wenigstens kursorisch abgehandelt werden muss“, sagt er einmal – das ist eigentlich eher das, was man von einem Klappentext erwartet.

Die weibliche Hauptfigur, die eine Entwicklung von einer überzeugten Hippie-Linken zur Realo-Politikerin durchgemacht hat, von der idealistischen Helferin in Südamerika zur Bürgermeisterin eines deutschen Städtchens, und die es nun mit Mülltrennung zu tun hat, wird bei dieser Art der Beschreibung für den Leser nicht im mindesten attraktiv. Was hängenbleibt, sind eher mühsam in die Fiktion gezwängte Meinungsäußerungen über die Sexualisierung der Gesellschaft.

Was sagt Proust dazu?

Kurios ist, dass der Erzähler an dieser Jutta ständig ihre Sprache kritisiert, ihren „Politikerton“ – selbst dann aber auch keinen anderen findet: Es bleibt rätselhaft, was ein Satz wie „Im Übrigen spricht sie ihr Geschlechtsleben auf Bundesebene ebenfalls ganz offen an“ eigentlich bedeuten soll, warum ein derart unliterarischer Satz in einem Roman stehen kann und ob man angesichts dessen lachen oder weinen soll.

Die meisten Berührungen in diesem Roman bleiben hypothetisch und münden in Hirnzergliederung oder literaturgeschichtliche Exkurse. Leider traut der Erzähler sich selbst offenbar nicht genug zu – denn wenn er mal eine gute Beobachtung macht, folgt doch am Ende unweigerlich die Frage, was Proust dazu gesagt hätte.

Mehr Bewunderung als eigener Ton

Die Liebesarmut des Textes wird durch die besagten Exkurse, die manchmal auch ins Politische ausgreifen, nicht wettgemacht. Man stelle sich „Tristram Shandy“ ohne Humor vor oder einen Roman von Thomas Mann ohne Ironie. „Poeta doctus“ ist noch arg untertrieben für diesen professoralen Märchenopi von einem Erzähler, der im Gespräch mit seiner Angebeteten einmal feststellt: „Leider verfängt der Bildungsprotz bei ihr nicht.“ Beim Leser leider auch nicht.

Wenn die Nacht der Erzählung sich ihrem Ende zuneigt, ist man zu müde, um sich auch noch anzuhören, was der Bildungsprotz über Neil Young denkt. Man weiß einiges mehr über französische Romane, aber bleibt doch angesichts des folgenden Satzes einigermaßen leidenschaftslos: „Nicht zu fassen: Malaria, Depression, Krebs, alles in zwanzig Jahren, und wie schnell man die Krankheiten auch wieder vergisst.“ Glücklich immerhin, wer so reden kann.

Es mag fast ein bisschen banal sein, hilft aber nichts: Dieser Roman ist wirklich nur „sozusagen Paris“, er verharrt in der Bewunderung großer literarischer Vorbilder, anstatt seinen eigenen Ton zu finden. Dieses Buch ist eine lange Tantra-Übung ohne jegliche Erfüllung, bei der einfach nur sehr, sehr viel geatmet wird.

Navid Kermani: „Sozusagen Paris“. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2016. 288 S., geb., 22,– €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
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