Anzeige

Peter Hacks I

Er denkt also, wie er will

Von Frank Schirrmacher
 - 17:30

Warum haben wir Peter Hacks nie kennengelernt? Weil er uns von Haus und Hof gejagt hätte. Schon bei Augenschein. Er hatte seine Vorkehrungen.

Anzeige

Warum kennen wir, fünf Jahre nach seinem Tod, Peter Hacks' Werk immer noch nicht? Weil uns abstößt, was er zu Stalin und zur Mauer, zu Dubcek und zu Biermann gesagt hat. In seinen Texten patrouillieren immer noch tollwütige Wachhunde und machen aus flüchtigen unweigerlich flüchtende Leser: Ulbricht-Lob und Mauerepiphanie („der Erdenwunder schönstes“), Terroristensympathie, vermutlich auch mit Bin Ladin - wohin man sich wendet, überall verbissenes Querulantentum.

Nach der Wende schließt er alles aus seiner Gegenwart aus außer Sahra Wagenknecht. Sein Freund André Müller sen. soll nicht nur herausfinden, welche Bücher sie liest, sondern auch, welche Männer sie mag. Hauptsache, nicht die falschen. Damit die DDR wiederauferstehen könne, müsse „Gysi als der Mann entlarvt“ werden, „der im Auftrag der Russen die DDR gestürzt hat“. So endet es - was nicht ohne Witz ist, bei einem großen Dramatiker - mit der konsequenten Verwechslung von Anfang, Mitte und Ende.

Warum sollten wir jetzt seine Bekanntschaft machen? Dafür gibt es einen Grund, den man nicht erklären, aber zeigen kann:

Anzeige

Beeilt euch, ihr Stunden, die Liebste will kommen.
Was trödelt, was schleppt ihr, was tut ihr euch schwer?
Herunter da, Sonne, und Abschied genommen.
Verstehst du nicht, Tag, man verlangt dich nicht mehr.
Mit seinen Droschken und Schwalben und Hunden
Wird mir das ganze Leben zum Joch.
Schluß mit Geschäften. Beeilt euch, ihr Stunden.
Und wärt ihr Sekunden, ich haßte euch noch.
Ich kann nicht erwarten, den staunenden Schimmer
In ihrem zärtlichen Auge zu sehn.
Verschwindet, ihr Stunden, am besten für immer.
Die Liebste will kommen, die Welt soll vergehn.

Die Frage ist, ob diese paar Zeilen eine halbe Bibliothek von politischen Gemeinheiten aufwiegen. Die Antwort lautet, dass neunzig Worte in der richtigen Reihenfolge mehr wert sind als zehntausend Worte in der falschen. Das Letztere ist Gesellschaft, das Erstere ist Kunst. Es braucht viel Rechenkapazität, um aus neunzig einfachen Worten ein solches Gebilde zu machen. In der deutschen Literatur dauerte es von den Merseburger Zaubersprüchen bis zu dem Tag, da Hacks dieses Gedicht schrieb. Es ist, nach Maßgabe strengster Kriterien: vollendet. Es vermag in zwölf Zeilen die Ungeduld des Liebenden in eine Ungeduld des Gedichts zu verwandeln, ein Text, der beim Lesen selbst immer schneller zu fließen scheint und dabei das Wunder zustande bringt, Liebesausbruch und Wutausbruch in eine einzige Form zu bringen.

Liebender und Liebeslyriker

Hacks war ein Liebender und ein großer Liebeslyriker, bewegte sich also unter reinen Konkurrenzgesichtspunkten in umkämpftem, bis heute trotz partieller Verdrängung immer noch von Brecht und Goethe gehaltenem Terrain. Sein genialer Einfall war, als Brecht-Liebes-Kenner (denn was man einmal gelesen hat, kann man nicht mehr verleugnen) Goethe das Liebesthema streitig zu machen. „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“, das meistgespielte Stück der siebziger Jahre, ist nichts anderes als die Demontage von Liebeslyrik mithilfe der Liebe. Wo Liebe ist, kann keine Lyrik sein. Also der umgekehrte Versuch: das, was vollendet wurde, durch Liebe kaputtzumachen, damit es wieder anfange.

Frau von Stein, die ihren Goethe liebt, wird selbst lyrisch nur, indem sie seine Liebeslyrik zerpflückt wie einen welken Rosenstrauß, und wenn es jemals einen Ingenieur der Seele gab, dann Hacks hier, bei diesem Stück. In seinen „Rechtfertigungen gegenüber Belinden“, einem der wichtigsten Aufsätze über Liebesliteratur überhaupt, schreibt er: „Leidende Liebe ist der elendste Poet, sterbende Liebe der vollkommenste . . . Fürchten Sie den Tag, Belinde, wo meine Sonette auf Sie so untadelhaft sein werden, wie die des Petrarca. Sobald ich die Wirkungen meiner Kunst voll zur Hand haben werde, sind die der Ihrigen vermutlich eben am Ende.“

Von hinreißender Intelligenz

Hacks hatte nicht nur die Wirkungen seiner Kunst voll zur Hand, sondern, und wenn einen Halb-Satz, so möge man ausgerechnet diesen folgenden nicht überlesen: auch die seines Kopfes. Das klingt banal, ist es aber schon nicht mehr, wenn man an seine politische Exzentrik denkt. Hacks, den wir gerne als Wirrkopf hätten, ist in seinen ästhetischen, künstlerischen und philologischen Schriften von hinreißender Intelligenz. Einen Vergleich, der ihm standhielte, finden wir in den letzten Jahrzehnten weder bei älteren noch auch bei jüngeren Autoren. Was er über Dramen und Gedichte, über Goethe und Napoleon, über die Romantiker, über das Theater, über Realismus und Magie, über Liebe und Tod schrieb, ist nicht nur sehr interessant, neu und faszinierend, es macht, mit Verlaub, beim Lesen unendlich gute Laune.

Was Heine von sich sagte (und mehr erhoffte als glaubte), dass er „der freieste Deutsche seit Goethe“ gewesen sei, das galt für den sehr gut und sehr gerne in der DDR lebenden Peter Hacks in viel triftigerer Weise. Wer Goethe verstehen will, der lese Hacks' Essays. Wer einen Thriller aus Weimar wünscht, der lese seinen Aufsatz „Lenzens Eseley“, wer lachen will, der lese „Der Sarah-Sound“, wer denken will, der lese „Über das Revidieren von Klassikern“, und wer gute Laune haben will, der schalte das Internet ab und lese alles zusammen.

Sarah Kirschs Veilchenschönheit

Wer das liest, liest nicht Traktate, er liest Texte, in denen der Gedanke verschenkt wird, so kurzweilig und schnell, wie das Gefühl beim Lesen von Gedichten entsteht. Sätze wie: „Man sollte Bäume wie Theaterstücke nur in kahlem Zustand bewerten.“ Über Sarah Kirsch: „Der Widerspruch zwischen Verschämtheit und Tüchtigkeit, glaube ich, macht die Schönheit des Sarah-Einfalls. Es ist eine Veilchenschönheit, freilich nicht eben eine treuherzige.“ Oder: „Kunst handelt vom Vollkommenen, indem sie vom Vorhandenen aufs Vollkommene hochrechnet.“ Oder: „Luxus ist die Grundlagenforschung der Lebenskunst.“ Zuletzt, womit wir wieder beim Peter Hacks vom Anfang ankommen: „Kommunismus ist die Zeit, wo Shakespeare verstanden wird.“

Es wäre zu viel verlangt, wenn man dazu auffordern würde, Hacks' sozialistische Bannerwerbung beim Lesen auszublenden. Sie ist nun mal da. Aber im Grunde wird die Hacks-Lektüre dadurch erst interessant: wer ihn als ästhetischen Denker, als künstlerisches Obergenie verehrt, muss im Zweifelsfall damit leben, dass der, den er verehrt, ihn selbst, um es milde auszudrücken, verworfen hätte. Lebt man denn, wenn andere leben?, lautet der berühmte Satz dichterischer Konkurrenzeifersucht. Liebt man denn, wenn man gehasst wird - das ist etwas Neues, das ist Hacks und eine Lektion für jene Kritik, die immer noch das Werk des Autors an seinen Überzeugungen misst. Schon werden seine Freunde aufschreien, man könne den einen Hacks nicht ohne den anderen haben, und er wäre der Erste, der mitgeschrien hätte. Er war aber auch der Erste und Letzte, der an der deutschen Klassik demonstriert hat, dass man das eine haben kann, ohne das andere mitnehmen zu müssen. Also sprechen wir ruhig an gegen das Geschrei: er ist unser.

Auf einschüchternde Weise brillant

Hacks, 1928 in Breslau geboren, lebte von 1951 bis 1955 in München, ehe er freiwillig und dauerhaft in die DDR übersiedelte. Für einen, der wie Peter Hacks sich immer wieder mit dem plötzlichen flächendeckenden Auftauchen und ebenso flächendeckenden Verschwinden genialer oder genialischer Kohorten in der Literaturgeschichte beschäftigte, ist das Datum - immerhin keine sechs Jahre nach Kriegsende - interessant. Es tauchten auf, mehr oder minder gleichzeitig, die Schriftsteller, von denen die beiden deutschen Teile bis heute leben, von Christa Wolf bis Peter Rühmkorf.

In Bayern hätte man den, allen Zeugnissen zufolge, auf einschüchternde Weise brillanten Peter Hacks treffen können und eine Art Alter Ego, den fast gleich alten Hans Magnus Enzensberger. Eine spätere Literaturgeschichtsschreibung wird auf diese Anfänge eines Tages so zurückblicken wie wir auf den Sturm und Drang oder die Geburt des deutschen Idealismus. Nicht nur als Lyriker und Essayisten sind die beiden ebenbürtig, auch als Entdecker und als Kinderbuchautoren. (Hacks' „Der Bär auf dem Försterball“, ein Buch, in dem sich der Bär in schlechter Gesellschaft herumtreibt, halten Kenner für eines der schönsten Kinderbücher überhaupt.)

Die Welt durch Literatur verstehen

Rainer Kirsch hat in einer schönen Briefauswahl die Korrespondenz der beiden veröffentlicht. Hacks über Enzensbergers ersten Gedichtband: „Ich kann mich da irren, aber ich halte sie für die besten Gedichte, die in Westdeutschland gemacht worden sind. Es ist aber leider, was Sie schreiben, dummes Zeug (ich werfe Ihnen Unkenntnis vor). Und es verhält sich ja nicht so, daß Artistik Unkenntnis entschuldigt; sie macht dieselbe vollends unentschuldbar.“ Aber interessant ist gar nicht so sehr, was sie untereinander geschrieben haben, sondern was die bloßen Fakten der Biographie hergeben: beide noch unbekannt, Anfang der fünfziger Jahre, entschlossen, die Welt durch Literatur zu verstehen.

Noch ist alles beieinander, obwohl das Land schon geteilt ist, dann geographische und staatliche Trennung, Hacks zieht nach Ost-Berlin, und seine politisch (wenn auch keineswegs persönlich) schönste Zeit wird die Ulbricht-Zeit, dann Mauerbau, dann vierzigjährige Trennung, dann Aufhebung der Trennung 1989. Jetzt erst, wo auch von der alten Bundesrepublik kaum mehr was geblieben ist, beginnt die Phase ihrer Wirkung. Die Leser sind es, die das, was kaputt ist, jetzt wieder zusammenfügen werden. Dichter, so Hacks, haben nicht nur eine Philosophie, sie sind eine. Sie wartet nur noch darauf, erzählt zu werden.

1971 wurde Ulbricht durch Honecker entmachtet. Hacks hat das stets als den Anfang vom Ende der DDR begriffen. 1983 schrieb er ein Gedicht, in dem Ulbricht Honecker wie folgt verflucht:

Kein Begriff erhelle deine Welten
Keine Gutschrift soll, kein Eid soll gelten
Und berichtet sein in ungelesnen
Zeitungen von Dingen, nie gewesnen
Keine Straße soll dein Land verbinden,
Keine Post soll den Empfänger finden,
Und nichts soll in deinen Telefonen
Als ein Brausen und ein Grausen wohnen
Rost wird ganze Industrieanlagen,
Weil ein Zahnrad mangelt, niedernagen,
Während ab die Blätter, die entfärbten,
Von den Bäumen gehen,
den schmutzverderbten.
Gräßlich hören in den Meiereien
Wird das Volk das Vieh nach Futter schreien
Oder, unterm Dung verborgen, kleine
Ferkel finden, kleine tote Schweine.

Kein Fluch auf die DDR war gewaltiger als dieser Fluch ihres einzigen Bewahrers. Der große Dogmatiker war keiner. „Er denkt also, wie er will?“, fragt er mit Blick auf Heiner Müller. „Zugestanden, aber haben Sie jemals einen getroffen, der gedacht hätte, wie er nicht wollte?“ In wenigen Tagen wäre Peter Hacks achtzig Jahre alt geworden. Gerne hätten wir ihm gratuliert. Jetzt können wir nur Blumen am Grab dieses letzten Klassikers ablegen. Sind wir die Feinde? Ist er der Gegenspieler? Es geht nicht um die Guten und Bösen. Das wirklich große Gefecht, so hat er selbst vermerkt, geht immer zwischen zwei Engeln vor sich.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.03.2008, Nr. 10 / Seite 25
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenFrank SchirrmacherGregor GysiSahra WagenknechtDDR

Anzeige