Anzeige

Rafael Chirbes: Am Ufer

Jede Wirtschaft schafft sich ihre Abfallgrube

Von Paul Ingendaay
 - 16:54
Rezension: Rafael Chirbes’ „Am Ufer“ Bild: Kunstmann Verlag, F.A.Z.

Es ist ziemlich klar, was mit diesem Buch von Rafael Chirbes geschehen wird: Man wird „Am Ufer“, gut vierhundert dichtgepackte Seiten über ein darniederliegendes Dorf am Mittelmeer, als den Roman zur spanischen Krise lesen. Der Baukrise, Schuldenkrise, Wirtschaftskrise. Der Familienkrise. Der Institutionenkrise. Der Sinnkrise allgemein. Und es wäre noch nicht einmal falsch. Nur eben, dass Schriftsteller nicht in Talkshow-Begriffen denken. So wenig, wie Chirbes seinen hochgelobten Vorgängerroman „Krematorium“, der 2008 auf Deutsch erschien, als Beitrag zum entfesselten spanischen Immobilienboom verstanden wissen wollte, so wenig empfindet er „Am Ufer“ als Buch über „die Krise“. Sein Roman handele vielmehr „von der menschlichen Seele am Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts“, und das dürfen wir getrost verallgemeinern und auf die westlichen Industriegesellschaften beziehen. Wenn man sich von ernsthaften Romanen die Demontage kollektiver Täuschungen erwartet, dann schwingt Rafael Chirbes, Jahrgang 1949, hier die große Abrissbirne und lässt von unseren Wohlstands- und Modernisierungsmärchen nicht viel übrig.

Anzeige

Als Haupterzähler des Romans tritt der siebzigjährige Tischler Esteban auf, der sich bei einem windigen Immobilienprojekt seines Freundes Pedrós verzockt hat, die Familienschreinerei dichtmachen und fünf Angestellte entlassen muss. Die Zwangsvollstreckung steht bevor. Der Großteil von Chirbes’ Roman spielt an einem einzigen Wintertag. Estebans Reflexionen und die Einwürfe anderer Figuren enthüllen die Miniatursoziologie in Olba und Misent (fiktive Namen, die an Orte wie Beniarbeig und Dénia in der Provinz Alicante erinnern, wo der Autor seit rund zehn Jahren wohnt) und zeichnen ein Panorama der mediterranen Trostlosigkeit. Die Baumaschinen ruhen, Investitionsruinen sprenkeln die geplünderte Landschaft, osteuropäische Nutten suchen selbst in den Sümpfen nach Freiern. Profiteure wie Pedrós haben sich derweil aus dem Staub gemacht und die Ärmeren ihrem Elend überlassen.

Schonungsloser Blick

Allerdings, schon lange vor der Pfändung des Betriebs ist Esteban innerlich gestorben. Viele Jahre zuvor hat ihn seine große Liebe Leonor fallengelassen, um seinen erfolgreichen Freund Francisco zu heiraten, dem Muff der Provinz zu entfliehen und in der Gastro-Schickeria von Madrid zu triumphieren; nun ruht sie, vom Krebs besiegt, auf dem Friedhof von Olba, und die beiden ehemaligen amourösen Konkurrenten entrichten der Toten auf je eigene Weise Tribut. Um die Tristesse vollständig zu machen, muss Esteban auch noch seinen hochbetagten dementen Vater pflegen. Wer Philip Roths grandiose Generationengeschichte „Mein Leben als Sohn“ vor Augen hat, könnte sich hier auch Momente der Nähe und Szenen schriller Komik vorstellen. Rafael Chirbes gewährt solche Erleichterung durch Lachen nicht. Hart und schonungslos beschreibt er den welken, sich verfärbenden Körper des mehr als Neunzigjährigen, der sein Leben als verbitterter Franco-Gegner vertat, schildert die Dusch- und Reinigungsprozedur, die der längst ins Rentenalter eingetretene Sohn an seinem Vater vollzieht, als makaberes Schauspiel unserer geriatrischen Zukunft. Vielleicht meinte der spanische Dichter Luis García Montero solche Szenen, als er in einer Würdigung des Romans in der Zeitung „El País“ leicht besorgt von Chirbes’ „totalitärem Nihilismus“ sprach. Aber man kann es auch anders empfinden. Chirbes’ unbarmherziger Blick und völliger Mangel an Rührung führen zu einer furiosen Beschreibungsgenauigkeit, die ihresgleichen sucht: kalte Arien über den Verfall, die eine eigene Form von Anteilnahme darstellen und von Dagmar Ploetz mit beeindruckendem Repertoire ins Deutsche übersetzt wurden.

Chirbes-Romane haben im eigentlichen Sinn keine Handlung, sondern sind vielstimmiges Seelentheater von hoher Rhetorik, angefeuert von manischem Redezwang. Einen Geistesbruder des Autors darf man in dem Portugiesen António Lobo Antunes vermuten. Man sollte auch deutlich sagen, was dieser Roman nicht ist: keine locker geschlagene Prosa im mittelguten Bereich, kein nettes Buch, keine Häppchenliteratur. Stattdessen eine erbarmungslose Analyse, insgesamt wohl ein paar Seiten zu lang, aber immer wieder von atemnehmender Klarsicht und Brillanz. Die Hauptfigur spricht, und zwischendurch fluten weitere Stimmen herein, die das Erzählte ergänzen, berichtigen oder ironisieren. Hier und da: Naturschilderungen von einer Schönheit, wie man sie selten liest. Es ist, als erhöbe die Sprache selbst Einspruch gegen die Zerstörung, die sie beschreibt. Ein Mittel der klassischen Moderne, die Kursivschrift, die den inneren Monolog anzeigt, kommt auch wieder zu Ehren. Da ist Liliana, die kolumbianische Pflegerin, die nicht mehr bezahlt werden kann und deshalb geht; der Abschied entlarvt Estebans väterliche Patronsattitüde als erotische Anbiederung. Da sind Joaquín, Julio und Ahmed, der Marokkaner, alles ehemalige Arbeitskräfte, für die der pleitegegangene Staat nichts mehr tun wird.

Anzeige

Sittenbild

Und da sind - Chirbes’ Spezialität seit Romanen wie „Der lange Marsch“ und „Alte Freunde“ - Estebans Weggefährten, deren Lebensläufe auf Brüche oder Systemkonformität untersucht werden. In der Bar von Olba treffen sie sich zum Kartenspiel, darunter Francisco, Sohn aus gutem Hause mit blendender Karriere in Gourmet- und Lifestylekreisen, und Justino, der eine wohlwollend akzeptierte Form des Menschenhandels für die Bauindustrie betrieb, ferner der Direktor der örtlichen Sparkasse, denn solche Leute sind immer wichtig. Chirbes stellt seine Figuren nicht bloß, das lässt er sie selbst besorgen, indem er ihre Reden über Ennui und Konsum, Koks und gekauften Sex aufzeichnet, ungeschönte Selbstporträts an der Grenze zur Anklageschrift.

Nur: Wer wird hier angeklagt, die Menschen? Die Gemeinde? Der Staat? Bevor der Bankrott sich im Geschäftlichen vollzieht, hat er längst im Bewusstsein stattgefunden, und alle stecken mit drin. Spanische Familienwerte, heute zum Sozialkitt einer ins Prekariat absinkenden Gesellschaft verklärt, erscheinen dabei eher als unabdingbares Fundament des frühesten iberischen Kapitalismus, mit entsprechender Berechnung und versuchter Leichenfledderei, sobald es etwas zu erben gibt. Lateinamerika als Gemeinschaft von Brudervölkern? Auch hier regiert eher der Klassenkampf, und wer nichts zu melden hat, fliegt als Erster. Spanische Landschaft, die Strände, das Licht? Ein Gut, das clevere Maurer, die zu Unternehmern aufstiegen, meistbietend an Spekulanten verhökert haben. Das alles läuft also doch auf ein Sittenbild des modernen Spanien hinaus, eine imaginäre Fortschreibung der „Nationalen Episoden“ von Benito Pérez Galdós (1843 bis 1920), einem Balzac der spanischen Literatur, den Chirbes zu seinen Lehrmeistern zählt.

Schlussakt der Wirtschaftskrise?

Der Autor macht sich dabei nicht zur moralischen Instanz, er hat nur den Finger am Aufnahmegerät. „Ist euch nicht aufgefallen, dass seit der Krise selbst der Fuhrpark hier langsam mehr dem marokkanischen als dem schwedischen oder deutschen ähnelt?“ So fragt Francisco, der seinerseits keine Zahlungsschwierigkeiten kennt, weil er und seine Familie immer auf Seiten der Sieger standen. Auch für die private Lebensführung hat er ein cleveres Motto zur Hand: „Damit eine Ehe hält, muss man sich nicht ewige Liebe schwören. Statt dem Prasseln der Leidenschaft ein gemessenes egoistisches Köcheln bei mittlerer Hitze.“

Chirbes’ Personal lässt sich nicht als Truppe von Knallchargen abtun. Seine Beschreibung gehorcht der Erkenntnis, dass es parallel zur offiziösen spanischen Erfolgslegende (Übergang zur Demokratie, Eintritt in die EU, Wohlstand für alle) eine Gegengeschichte gibt, die von Kriegs- und Krisengewinnlern geschrieben wurde. Und für diesen gesellschaftlichen Befund ist das große Sumpfgebiet El Marjal, das außerhalb des Ortes liegt, die schlagende Metapher. Waren Meer und Strand das Verkaufsargument für jegliche Immobilienspekulation, wie sie im früheren Roman „Krematorium“ geschildert wird, bildet der Sumpf in unmittelbarer Küstennähe gewissermaßen den verschwiegenen Hinterhof, in dem sich die unsichtbaren Sedimente der spanischen Geschichte ablagern: Hier versinken die versprengten Gegner des Franco-Regimes ebenso spurlos wie der erste Industriemüll eines Landes, das sich das Recht auf ein bisschen Wohlstand genehmigt, hier landen die entsorgten Nutztiere der Landwirte ebenso wie die Liquidierten, die heißen Autos und nichtregistrierten Waffen der modernen Mafia.

Jede Wirtschaft schafft sich ihre Abfallgrube. Und hier, wo sonst, vollzieht Esteban den letzten Akt - er, der seinem Freund Francisco die Seele abspricht und dann sich selbst in das Verdikt einschließen muss. Nein, sagt er, auch er habe keine Seele, „wir können nicht das haben, was nicht existiert, es gibt, was es gibt, und es dauert, solange es dauert“. Und Schluss.

Rafael Chirbes: „Am Ufer“. Roman. Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz. Antje Kunstmann Verlag, München 2014. 430 S., geb., 24,95 €

Quelle: F.A.Z.
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenPhilip RothMadridMittelmeerSpanienRezensionSchuldenkrise

Anzeige