Neuer Roman von Ralf Rothmann

Letzte Schlacht, kaltes Büfett

Von Jan Wiele
 - 22:39
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Ralf Rothmann kann zweifellos sehr plastisch und anschaulich erzählen. Ob es um die schwere Geburt eines Kalbs geht oder um SS-Männer und Soldaten, die bei einer dekadenten Party in den letzten Kriegstagen auf ekelhafte Weise Austern essen, ottodixhaft überspitzt: Manchmal knackt und spritzt seine Erzählung förmlich.

Doch so grotesk das Feiern kurz vor dem Untergang anmutet, so konventionell wirkt die Geschichte, in die Rothmann es einbettet: „Der Gott jenes Sommers“ ist nach „Im Frühling sterben“ (2015) bereits sein zweiter Roman über das nationalsozialistische Deutschland in seinen letzten Zügen, und er kann, bei allem Schrecken des Themas, dessen durch immergleiche Bildverdichtungen eingetretenen Abnutzungseffekt nicht verhindern.

Da blitzt in den Augen der letzten führertreuen Deutschen „kalte Verachtung“, lüsterne Männer lassen ihre Zunge „über die untere Zahnreihe gleiten“, die Untergangsritter tanzen zu Marika Rökk, nehmen sich dabei einen Hühnerschenkel vom Büfett und rufen: „Kinder, genießt diesen Krieg, der Frieden wird furchtbar werden!“

Am Ende tritt eine russische Putzfrau auf und fragt Luisa, das deutsche Mädchen im Zentrum des Romans: „Was ist, Dewotschka?“, ihm dabei die Wangen befühlend: „Du krank? Itler kaputt?“

Bevor Hitler ganz kaputt ist, muss noch viel Leid geschehen, und Rothmann zeigt einen kleinen Teil davon im ländlichen Schleswig-Holstein, einer scheinbaren Idylle, in der ein bäuerliches Gut mit Milchviehbetrieb bislang noch von Bomben verschont geblieben ist, während im Hintergrund schon das brennende Kiel zu sehen ist.

Plattdeutsch und platte Sprüche

In dieser Gegend entwirft der Autor ein Tableau von mehr oder weniger schlicht gestrickten Personen, die sich zum NS-Regime verhalten müssen: sich damit trotz schlechten Gewissens arrangieren, sich ihm willfährig andienen oder es sogar auf bestialische (und allzu plakativ dargestellte) Weise verkörpern – und mittendrin als Reflektorfigur eben die bald dreizehnjährige Luisa, die als aus der Stadt Geflüchtete mit Schwester und Mutter auf dem Hof Zuflucht findet, ja sogar Hoffnung und einen Anflug von erster Liebe, als sie einem tüchtigen Melker begegnet. Aber obwohl Luisa anfangs noch ein unschuldiges Wesen ist, wird sie am Ende trotz ihres zarten Alters sagen müssen: „Ich habe schon alles erlebt.“

Dazu gibt Rothmann ordentlich Lokalkolorit in Form von Plattdeutsch und platten Sprüchen. Über Dithmarschen erfährt man, dass es „Kackland“ bedeute, und auch einige etwas elaboriertere Beschreibungen der Landschaft, in der unter den Reetdächern nur „schimmelschwarze Mauern“ und Rattennester sich verbergen, deuten wie ein Hinweisschild auf den großen Verfall hin.

Die drastisch-dümmliche Figurenrede steht im Kontrast zu einem bisweilen edlen Erzählton, da sitzen „zwei Soldaten im Fond“, und „auf dem Pflaster waren Pneus zu hören“. Vielleicht soll der französische Einfluss dieses Erzählers aber auch eine Abgrenzung von einem im Roman auftretenden Volksschullehrer markieren, der französische Fremdwörter in den Aufsätzen und im Sprachgebrauch seiner Schüler unter Strafe stellt.

Im Kern ist Rothmanns Roman ein Jugendbuch. Die Jugendlichen, die darin auftauchen, haben zum Teil schon auf grausame Weise die Ideologie des Unmenschen verinnerlicht, posaunen und leben sie auch aus. Dafür bleiben die, die noch halbe Kinder sind, von Unmenschlichkeit denn auch nicht verschont – weder ein englischer Bomberpilot, der den Deutschen in die Hände fällt, noch die besagte Luisa. Nur kommt entgegen ihrer furchtbaren Erwartung die Gewalt schließlich nicht „vom Russen“, sondern bittererweise aus dem eigenen Familienkreis.

In der Hoffnungslosigkeit eine Kirche bauen

Um die Romanhandlung zu überhöhen, zieht Rothmann noch eine zweite Erzählebene ein: Darin spricht, in einem nicht ganz treffsicher anverwandelten Barockton, ein fiktiver Chronist namens Bredelin von Merxheim über die Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges und beschließt, inmitten der Hoffnungslosigkeit eine Kirche zu bauen.

An wenigen Stellen schimmert in diesem Buch der nationalsozialistische Völkermord durch, etwa wenn aus ungeklärter Herkunft große Mengen Menschenhaar zur Verfügung stehen, aus dem Perücken für Kriegsversehrte gemacht werden. An anderen Stellen hat man dagegen das Gefühl, dass dem Erzähler das Leid der Tiere näher geht als jenes der Menschen.

So wirkt der Roman letztlich disparat. Interessant ist er allenfalls für Leser, die noch nie Geschichten über den Zweiten Weltkrieg und sein Ende gehört haben. Aber selbst die hätten in der Literatur so viele Alternativen. Zugespitzt gefragt: Warum zu diesem Buch greifen, wenn man auch Arno Schmidt lesen könnte?

Rein wirtschaftlich betrachtet, darf man vielleicht vermuten, dass Ralf Rothmann einfach begriffen hat, mit welchen Themen und welcher Schreibweise man am ehesten erfolgreich ist im Literaturbetrieb. Man könnte das, nach dem Modell Klaus Modicks mit seinen Jugendstil-Geschenkbüchern, als Modick-Effekt bezeichnen. Den Erfolg gönnt man jedem Autor gern, aber der literarische Ertrag ist gering.

Ralf Rothmann: „Der Gott jenes Sommers“. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 254 S., geb., 22,– Euro.

Quelle: F.A.Z.
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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