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Rezension: Belletristik

Blut würde auch nichts mehr ändern

 - 12:00

Eine Handlungskulisse aus dem halbstädtischen Einerlei von Autoparkplätzen, Supermärkten und Wohnsiedlungen. Ein Tagesablauf zwischen Arbeitsweg, Langeweile und Disco oder Fernsehabend. Figuren aus lauter Versagern, eine Welt zum sozialversicherten und ärztlich betreuten Verzweifeln. Das ist schon ein literarisches Genre geworden: das Genre der lakonisch deskriptiven No-future- und No-past-Literatur. Wo aber die synthetische Glattheit der reinen Gegenwart aufbricht und nicht verborgene Perspektiven, wohl aber Windungen und Hohlräume erkennen läßt, ist ein Autor geboren. Dies war der Fall, als Michel Houellebecq vor fünf Jahren seinen Erstlingsroman veröffentlichte. In Form von kleinen Tiererzählungen und anderem in die Handlung eingestreuten narrativen Beiwerk läuft da etwas mit, was über die Befindlichkeitsbeschreibung weit hinausgeht. Hier geht es um die Verarbeitung einer Epoche zu Literatur, der Epoche unseres auf Individualismus kürzbaren Gesellschaftsmodells und sozialdemokratisch erschließbaren Lebensglücks. In manchem nimmt dieser Roman schon den formal weniger gelungenen, thematisch aber ambitiöseren Folgeroman "Les particules élémentaires" vorweg, dessen Erscheinen im vergangenen Herbst in Frankreich das seit Jahren wichtigste literarische Ereignis darstellte.

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Die von der Hauptfigur des Romans erfundenen Tiererzählungen sind neben dem Kettenrauchen die einzige Lebensregung im karrieresicheren EDV-Programmiereralltag. Als narrative Fremdkörper setzen sie den Handlungsablauf in seltsame Kreisbewegung und lassen Tiefenwirbel vermuten. So ist gegen Schluß des Romans die Dienstreise des Computerfachmanns in die Außenstellen des Landwirtschaftsministeriums zu Ende, ist der Arbeitskollege auf dem Heimweg schon gegen einen Lastwagen gefahren und tot: Dem Romanhelden steht ein milder, etwas trister Sonntag bevor. In der Geschichte, die er zum Zeitvertreib niederkritzelt, wird der historische Zeitenfluß mit einem Spermatozoidenstrom verglichen. Es gibt Zellen, die zaudern, ein paar Sekunden lang gar stromaufwärts schwimmen und das Fest der genetischen Kombinatorik verpassen. So einer war Robespierre, phantasiert der Schreibende: Er wurde von der Bewegung der Geschichte fortgerissen. Als sein Kopf fiel, war die Revolution zu Ende. Vor dem Fallen des Beils schwenkte der Henker den vom zerschlagenen Kiefer gezerrten blutverschmierten Verband. Neben dem Schmerz muß der Todeskandidat dabei auch Genugtuung empfunden haben, getan zu haben, was zu tun war - "Maximilien Robespierre, je t'aime", schließt die kleine Geschichte, die von einem Schimpansen erzählt wird.

Ein "politisches Pamphlet von seltener Schärfe" nennt der Romanheld seinen Text. Solche Stellen sind nur eine leise Vorwegnahme der Provokationen, die Houellebecq in seinem zweiten Roman gegen unsere friedliebend aufgeklärte Sozialgesellschaft auf Lager hat. Die Literatengruppe "Perpendiculaire", der er angehörte, ist darüber zerbrochen. Erbitterte Debatten wurden in Frankreich geführt, ob ein Schriftsteller in seiner Abrechnung mit dem Programm der spätmodernen Totalemanzipation nach 68 von Stalin, von Papst Johannes Paul II. und vom medizinischen Eugenismus schwärmen kann.

Daß Houellebecq alles andere ist als ein Dandy des Skandals, läßt sich aus der Ursituation ersehen, die diesem Roman den bild- und klanglosen Titel verlieh. In direkter Anrede wendet der Autor sich an den Leser: Auch er sei einmal bestrebt gewesen, vom Gebiet der gesellschaftlichen Regelhaftigkeit - in der deutschen Übersetzung ist das zu eng als "Gebiet der Vorschriften" wiedergegeben - ins kalte Wasser zu springen und in die Kampfzone einzutauchen. "Jetzt sind Sie schon weit weg vom Ufer", fährt der Autor fort, an die Existenz eines anderen Ufers glaube kaum einer mehr, möge auch jeder tapfer weiter seinem Untergang entgegenschwimmen. Doch er gibt sich tröstlich: "Es ist nichts. Ich bin noch da. Ich lasse Sie nicht fallen. Lesen Sie weiter."

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Hier sind alle ideologischen und formalen Brücken abgerissen. Die Romanerzählung wird zur Paddelbewegung zwischen den durchnumerierten Kurzkapiteln im Meer der nivellierten Wertordnungen. Dabei erweist sich der Autor Houellebecq als ein Meister der syntaktisch kurzatmigen Beiordnung. Pascal präsentiert er im kurzen Doppelsatz wahlweise als Verfasser der "Pensées" und als Codename für Computerprogramme. Zum vertraulichen Kollegengespräch gehört es, daß der Getränkeautomat daneben steht. Ein Mann stirbt am Herzinfarkt zwischen den Regalen im Supermarkt, während der Romanheld zwischen Bier- und Weinflasche zögert. Das Verlassen der Nervenklinik erinnert diesen an das Datum, an dem er auf dem unechten pakistanischen Wohnzimmerteppich gezeugt wurde und die Eltern dann ein kaltes Hähnchen verzehrten - "damals gab es noch richtige Hähnchen".

Die Zeit, in der das erzählt wird, ist eine nahe, aber nicht datierbare Vergangenheit, die wie in einem Tagebuch mit den Ereignissen läuft und manchmal in die Gegenwart umschlägt. Dieses zeitliche Flimmern verleiht der Erzählwelt Houellebecqs ihre kunstvoll irritierende Unschärfe, die auch keine Raumtiefen kennt. Landschaft wird allenfalls aus dem Zugfenster wahrgenommen, wenn der Erzähler, von den Verführungsversuchen seines Begleiters peinlich berührt, wegsehen möchte. Überhöht wird dieser überbelichtete Erzählraum durch das Verfahren der Theoriekolportage, mit dem der Autor im Kopf seiner Figuren neue Thesenmuster strickt. Das reicht von der als "gnadenloser Schule des Egoismus" denunzierten Psychoanalyse über die in wachsender Beziehungslosigkeit totgesagte Gattung Roman bis zur These von der absoluten Pauperisierung der Menschen durch Wirtschaftsund Sexualliberalismus.

Daß Houellebecq dieses Netz der Fiktionen nicht einfach in der Kälte seines Zynismus flattern läßt, sondern die Momente von Lebenslüge achtet, ja verteidigt, macht ihn zu einem wahren Autor des zeitgenössischen Antiexistentialismus. Seine Figuren sind immun gegen jedes Gefühl von Selbstverwirklichung und Erlebnisintensität.

Sie kämpfen kommentarlos in reiner Vergeblichkeit, das ist ihre Größe. Diese ohne narrative Hilfsperspektiven durchgehaltene Spannung macht den Autor zu einem der anregendsten seiner Generation. Leopold Federmairs bündige, mitunter etwas unscharfe Übersetzung läßt das vor allem dort nachfühlen, wo die Syntax in sarkastischer Kürze bricht.

Michel Houellebecq: "Ausweitung der Kampfzone". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Leopold Federmair. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1999. 155 S., geb., 32,- DM.

Ausweitung der Kampfzone

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.07.1999, Nr. 151 / Seite V
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