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Rezension: Belletristik

Das Kratzen der Ärzte beim Essen der Bananen

 - 12:00

Lange bevor er mit seinem Roman "Die Elementarteilchen" ins Rampenlicht des Literaturbetriebs trat, hatte Michel Houellebecq Anerkennung als Lyriker gefunden: Schon im Januar 1992 veröffentlichte er im Verlag La Différence den längst vergriffenen Gedichtband "La poursuite du bonheur" und bekam sogleich den Tristan-Tzara-Preis dafür. Eine neue Ausgabe in der Reihe Librio bei Flammarion, zum Preis von zehn Francs fast geschenkt, ist 1997 erschienen - und erwähnt die Vorgängerin mit keinem Sterbenswörtchen. Auch die nun bei DuMont erschienene deutsche Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel läßt ihre Leser bei dem Glauben an eine "Originalausgabe" von 1997. Was die Leser damals zunächst am meisten überraschte, war die Form dieser Gedichte: Die meisten sind in Versen abgefaßt, in gereimten Alexandrinern, dem französischen Verstyp par excellence, der mit seinen gleich langen Halbversen und garantierten Reimen die Dichtung in der Zange hat.

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Alexandriner schreiben heißt rückwärts schauen. Das gilt auch für Michel Houellebecq. Trotzdem ist die Welt, die er in den "Elementarteilchen" verurteilt, auch in den Gedichten sein einziges Thema. Aber die mörderische Leere der scheinbar befreiten Gesellschaft ist ohne ein Schaufenster nicht ausstellbar. Verzweiflung und Schnoddrigkeit kommen erst im klassischen Rahmen, das heißt hier im Alexandriner, zu ihrer schrecklichen Wahrheit. Dies ist das ästhetische Houellebecq-Paradox. Er hat es nicht erfunden. Baudelaire war ein Meister - und sein Lehrmeister darin.

Für deutsche Ohren ist der zynische Ton von Gottfried Benn manchmal ganz nahe: "Ich mag Krankenhäuser, diese Horte des Leidens / Wo sich die vergessenen Alten in Organe verwandeln / Unter den spöttisch-gleichgültigen Blicken / Der Assistenzärzte, die sich kratzen und dabei Bananen essen." Aber da ist sofort auch die Grenze: Michel Houellebecq ist kein Zyniker. Er leidet erbärmlich unter der Erfahrung, die er ausdrückt. Es fehlt ihm alles Teuflische, ja sogar mephistophelischer Sarkasmus. Seine immer wieder wie Eiter abgesonderte Wehleidigkeit wäre abstoßend, hätte sie nicht so virtuosen Ausdruck gefunden.

Neuerdings trägt der Dichter seine Texte melodramatisch über einem Hintergrund einer sensiblen, sehr professionell klingenden Rockmusik vor. Was bei einem Gedichtvortrag heutzutage albern wirken würde, das ist hier erlaubt und gefordert: Zwischen den Versen dürfen, ja müssen Pausen gemacht werden, Sentimentalität, Blasiertheit, Wut und Bekenntnis dürfen, ja müssen allen Ernstes in den akustischen Raum geschickt werden. Der Erfolg seiner Lesungen und CD-Aufnahmen gibt dem Dichter recht und ist kein schlechtes Zeugnis für den Kunstverstand seines Publikums.

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Daß ein erfahrener Übersetzer die Herausforderung annimmt und ein solches Werk ins Deutsche überträgt, verdient Respekt. Es ist keine dankbare Aufgabe, denn der Sinn der Form ist nicht zu retten. Der französische Alexandriner ist eine französische Institution wie die Akademie oder das Pantheon. Imitierte man ihn im Deutschen, wäre er doch nur eine Germanisten-Erinnerung an einstmals fruchtbringende Gesellschaften. So hat Hinrich Schmidt-Henkel sicher richtig entschieden, die Gedichte zwar zeilengetreu, aber in Prosa zu übersetzen, was auch seiner Erfahrung und seinem Talent entgegenkommt. Da die Ausgabe zweisprachig ist, wird die nobelste Aufgabe des deutschen Houellebecq darin bestehen, den im Französischen nicht ganz so sattelfesten Lesern den Zugang zum Originaltext zu erleichtern. Meistens gelingt das. Oft mißtraut der Übersetzer aber auch seiner Prosa, und sein poetisches Bedürfnis trägt ihn in jene Gefilde, welche der um sich spuckende Dichter verlassen hatte: Müde und mit schmerzenden Augen sagt er beispielsweise, daß er nach drei Tassen Kaffee Herzklopfen hat (le coeur qui palpite), im Deutschen "pocht" das Herz wie bei Eichendorff. Das angedeutete Scheitern einer Liebesbeziehung wird mit dem Klischee "le pont était brisé" ausgedrückt, im Deutschen ist die Brücke nicht "kaputt", sondern "geborsten" wie im Volkslied. Die Krankenzimmer in dem bereits genannten Gedicht heißen "sordides": eine Mischung von schmutzig, widerlich und gemein, nur nicht "trübselig", wie der deutsche Text entschieden hat. Und wenn die Alten dort immer dieselben Sätze sagen ("je sens mes intestins"), dann sagen sie vielleicht "ich habe wieder Bauchschmerzen", aber nicht "mein Gedärm tut mir weh".

Der Liedermacher Biermann hat die provozierende Behauptung gewagt, beim Übersetzen von Poesie müsse man nur eine Sprache beherrschen, die eigene, und man versteht, was er damit gemeint hat. Wenn sich das poetische Vorbild allerdings nicht mit dem konventionellen poetischen Sprachschatz begnügt und Wert darauf legt, Realitätsfetzen und Gemeinplätze ins poetische Licht zu zerren, dann wird die Fremdsprache leicht zum Minenfeld: Gerade berichtet der Dichter in affektierten Versen, wie er zögert, zu seiner Freundin zu fahren, die ihm den Laufpaß gegeben hat. Er schnippt mit den Fingern und summt "un refrain de la ,Vie de bohème'" - "einen Refrain aus ,La Bohème'", versichert die Übersetzung, ohne rot zu werden. Aber nein! Es ist nicht Puccini, sondern der millionenfach gehörte Operettenschlager von Bourvil aus den Fünfzigern. So lebensmutig wie mit diesem Refrain ("la vie de patapatachon") auf den Lippen wird man den Miesmacher kaum je wieder finden!

Das Französische hat viele Klippen; erst wenn jemand aufläuft, werden sie einem richtig bewußt: "Meine Schwester war mit siebzehn äußerst häßlich / ,Doppelrahmstufe' wurde sie in der elften Klasse genannt." Ganz abgesehen davon, daß sich so etwas nur ganz schlecht rufen läßt, ist das Original unendlich viel gemeiner: "on l'appelait gras-double" - das ist das Fette vom Rindermagen. Als Name für die arme Schwester würde sich auf einem deutschen Schulhof also der Spitzname "Kuttel" empfehlen. Houellebecq gestattet sich immer einmal wieder die alte autoritäre Pose: "Nous ne pouvons plus vivre loin de l'éternité" schließt eines seiner reflektierenden Gedichte. Es hält sich an der Krücke seiner Form und würde die Nachbarschaft von Péguy ohne weiteres aushalten. Unwillkürlich ist dem Übersetzer sogar ein perfekter deutscher Alexandriner à la Gryphius aus der Feder geflossen: "Wir können nicht mehr leben / fernab der Ewigkeit."

Manchmal wirft er aber die Stütze der Form von sich und wagt dann Schreie des Herzens, die wider besseres Wissen eine verwandte Seele, einen Retter über dem Chaos, ein Ohr für seine Klagen postulieren. Auf dem Hintergrund des Wütens der Verzweiflung sind es lösende Tränen, die vom Leser etwas guten Willen verlangen. Da kann er idealistisch sein: "Der magische Ort des Absoluten und der Transzendenz / Wo das Wort ein Gesang ist, das Gehen ein Tanz / Den gibt es nicht auf Erden. / Aber wir gehen ihm entgegen" - oder mystisch: "Warum ist der Altartisch leer? Muß Gott sich so offenbaren?" Und der Schopenhauersche Pessimismus findet eine schöne Devise: "Es ist Zeit, lockerzulassen."

Zweifellos sind Houellebecqs harte Gedichte die besseren, aber bei den Rufen nach Sinn ist die Übersetzung ins Deutsche durchweg besser gelungen. Es fehlt ihnen das Houellebecqsche Paradox, das sich der Übertragung verweigert. Das schönste Beispiel hierfür ist jener lakonische Beinahe-Dreizeiler, der, zum Motto avanciert, auf dem Umschlag abgedruckt ist: "Warum können wir bloß nie / Nie / Geliebt werden?" Das ist lyrischer als die tapfere Sentenz, mit der Houellebecq (1991) ein kleines Stück Prosa beschließt: "Habt keine Angst vor dem Glück: es existiert nicht!"Sympathie für das Lyrische hat den Übersetzer auch bewogen, den vieldeutigen Titel "La poursuite du bonheur" mit dem eindeutig romantischen "Suche nach Glück" wiederzugeben und ein treffenderes "Verfolgung des Glücks" oder "Jagd nach dem Glück" zu verwerfen.

Wenn wir dem Dichter Glauben schenken, möchte er freilich nicht als Glückssucher in die Geschichte eingehen, sondern als anklagendes Symptom seines Zeitalters: "Ich möchte folgende winzige Botschaft hinterlassen: ,Jemand hat in den neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts deutlich die Entstehung eines monströsen und globalen Mangels verspürt; außerstande, das Phänomen klar zu umreißen, hat er uns jedoch - als Zeugnis seiner Inkompetenz - einige Gedichte hinterlassen.'" Die Abfassung dieser Gedichte muß ihm, wenn nicht das Glück, so doch eine bedeutende Befriedigung gewährt haben, die sich auch auf den Leser (und noch leichter auf den Hörer) überträgt. Den monströsen und globalen Mangel macht er überall spürbar, auch da, wo er seine ganze Hoffnung auf eine Fata Morgana wirft. Wenn es ihn freilich "in die alte Heimstatt zurück" zieht, "Wo unsere Vorväter lebten, vom Flügel eines Erzengels beschützt", dann möchten wir das nicht ganz wörtlich verstehen dürfen und ihm die Gefolgschaft kündigen, wenn er wirklich dahin aufbrechen sollte!

Michel Houellebecq: "Suche nach Glück". Gedichte. Französisch-Deutsch, übertragen von Hinrich Schmidt-Henkel. DuMont Buchverlag, Köln 2000. 160 S., br., 32,- DM.

Suche nach Glück

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2000, Nr. 241 / Seite L4
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