Rezension: Belletristik

Dienst am Dichter

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Im Frühjahr 1963 sandte Paul Celan - ohne Begleitschreiben - einen Sonderdruck von Gedichten, die in der "Neuen Rundschau" erschienen waren, an den Schriftsteller und Übersetzer Franz Wurm, dem er kurz zuvor in Zürich begegnet war. In seinem Antwortbrief erzählte dieser, anknüpfend an die Zeilen "Krumm, so wird meine Nase./Nase." aus Celans "Gauner- und Ganovenweise", eine Episode aus dem Sommer 1938, den er mit seinen Eltern in der französischsprachigen Schweiz verbrachte. Als in der Pension die Demoisellen am Nebentisch die Art, wie man in Deutschland "die Krummnasen" behandelte, zustimmungsheischend guthießen, habe sein Vater die Damen umständlich eingeladen sein Profil anzusehen und sich dem Angebot verweigert, seine beträchtliche Nase als südfranzösisch klassifizieren zu lassen. "Nein, sagte mein Vater, wir seien nicht aus Südfrankreich, sondern richtige Krummnasen, Juden aus Prag." Franz Wurm emigrierte ein Jahr später, dreizehn Jahre alt, aus Prag nach England und lebte seit 1949 in Zürich. Seine Eltern kamen in Auschwitz ums Leben.

Sieht man von einer unbeantwortet gebliebenen Einladung vom Mai 1960 ab, so steht die Kindheitserinnerung aus dem Vorkriegsjahr am Beginn dieses Briefwechsels. Celan greift in seiner Antwort das Stichwort aus dem Wörterbuch des landläufigen Antisemitismus in einer Weise auf, die die Doppelbödigkeit seiner Empfindlichkeit gegenüber aller Kritik erkennen läßt. Die "Krummnasigkeit" stehe für "jenes Partikuläre, Persönliche und - lebenslänglich! Individuelle, das auch aller Poesie eingeschrieben bleibt. (.) Es gibt einen tiefwurzelnden Haß auf die Poesie, wie es einen tiefwurzelnden Haß auf das Jüdische gibt; "neu' beziehungsweise aktuell ist nur, daß die "Philo-Varianten' - sit venia verbo - grassieren. Vielleicht wäre es gut, wenn eine Zeitlang von den Juden geschwiegen würde - und auch von der Lyrik."

Franz Wurm mag von Gedichten nicht schweigen. In seinen Briefen entwirft er die Figur des idealen Celan-Lesers. Zu ihr gehört das Abschreiben der Gedichte ebenso wie die Konzentrierung der Lektüre auf die kostbaren Stunden ungestörter Aufnahmebereitschaft. Es sind Stunden einer wahren Empfindung, die sich nicht in Worte fassen, sondern nur mittels der Rhetorik der Unsagbarkeit umschreiben läßt. Ein Bekannter, der sich die Gedichte ausleiht, kann beim Zurückbringen "nur in Handbewegungen darüber reden: er scheint Sie auf die richtige Weise gelesen zu haben."

Man schickt kleine Kärtchen, um Anrufen durch ihre Ankündigung das Überfallartige zu nehmen. Gedichte und Briefe bedürfen so sehr der Handschrift, daß ein eiliges Ausweichen auf die Maschinenschrift kaum je unentschuldigt bleibt. Erst nach Jahren, nach einem gemeinsam im Tessin verbrachten Urlaub, fallen im Herbst 1967 bei der Anrede die Nachnamen zugunsten der Kombination des "Sie" mit dem Vornamen fort. Zwei Drittel der hier versammelten knapp zweihundert Briefe stammen von Franz Wurm. Daß die Korrespondenz bis zum Freitod Celans im Frühling 1970 fortgesetzt wurde, ist auch ein Ergebnis seiner hartnäckigen Zuneigung. Oft überbrücken seine Briefe das abgründige Schweigen Celans.

Anders als im Briefwechsel zwischen Celan und Nelly Sachs ist hier das Hochseil poetischer Freundschaft über festem prosaischen Untergrund aufgespannt. Von Beginn an ist von Verlagsverhandlungen, Übersetzungsrechten und gezielten Plazierungen von Texten in Zeitungsfeuilletons in professionellem Ton die Rede. Franz Wurm arbeitete zwischen 1966 und 1969 beim Studio Zürich des Schweizer Radios und war dort für ein literarisches Programm zuständig. Nicht nur der Dichter und sein Leser, sondern zugleich der Redakteur und sein Autor stehen in diesem Briefwechsel einander gegenüber. Neben Shakespeare und Ossip Mandelstam stehen französische Autoren - René Char, Henri Michaux, Jacques Dupin und André du Bouchet - im Mittelpunkt der Übersetzertätigkeit sowohl von Paul Celan wie von Franz Wurm.

Auffällig am Rande steht die deutschsprachige Gegenwartsliteratur. Die wiederholt vorgetragene Bitte Franz Wurms, sich an einer Anthologie für Günter Eich zu beteiligen, lehnt Celan hartnäckig ab. Nur Ausläufer der von Claire Goll im Jahr 1960 entfachten Plagiatskampagne gegen Celan gehen in die Briefe ein. Im Herbst 1969 legt der eine den Roman "Örtlich betäubt" von Günter Grass nach knapp zweihundert Seiten, der andere etwas später aus der Hand. Seine Kollegen an der École Normale Supérieure - etwa Jacques Lacan - sind für Celan kein Briefthema.

Ein Dokument wacher Zeitgenossenschaft ist dieser Briefwechsel gleichwohl. In zeilenweise aufflackernden Schlaglichtern zeigt er die Protagonisten in historischen Schlüsselszenen der sechziger Jahre. Während des Sechs-Tage-Krieges im Juni 1967 fallen die Nachrichten aus dem Transistorradio über das Manuskript des Gedichts "Denk Dir". Aus knappen Briefen entsteht das Bild Paul Celans, wie er sich im Mai 1968 den Streikenden zugesellt, im Café oder zu Hause mit großem Unbehagen Rudi Dutschkes Aufsatz "Vom Antisemitismus zum Antikommunismus" liest. Die Nacht der Mondlandung durchwacht Celan in Paris, während Franz Wurm auf Besuch in der nun von Gustav Husak regierten Heimatstadt Prag vor den Astronauten einschläft.

Es gehört zum Diskretionsklima dieser Briefe, daß sich in ihnen die psychischen Krisen, Klinikaufenthalte, Um- und Auszüge Celans lediglich in den neuen Adressen und einigen wenigen, freilich um so unmißverständlicheren Sätzen niederschlagen. Doch ist zwischen den Zeilen das nächtliche Klingeln der Telefone in Paris und Zürich gelegentlich zu hören. Die größte Nähe und Unbeschwertheit erweist sich im Entlastungsritual des Sprachspiels. Einmal erreicht, wird die Tonlage des Kalauers in einer Sequenz ab dem Frühjahr 1968 zur Sphäre des Gleichklangs. Wie im Studentenulk sind vor allem die Namen von Personen und Orten das Material: der "Wiesengrund" Adornos, der "Schüttelspeer" Shakespeares, die tschechische Dohle "kavka" und immer wieder Moshé Feldenkrais, den Franz Wurm mit Celan bekanntmacht und dessen Bücher zur Verhaltensphysiologie er unter Zeitdruck übersetzt - "I'm quite feldenerazy". Wer über dem Schmerzensmann den Sprachspieler Celan übersieht, der sein Pseudonym aus dem Anagramm der rumänischen Version "Ancel" seines Namens "Paul Anschel" hervorgehen ließ, sollte ihm in diesem Briefwechsel beim Kalauern zuhören.

Doch lag dem Spiel stets ein Ernst zugrunde. Dies gilt auch für die heikelste Schicht dieses Briefwechsels, in der zwei Lyriker aufeinandertrafen. Sowohl vor wie nach der ersten Begegnung mit Celan publizierte Franz Wurm eigene Gedichtbände. Schon einen seiner ersten Briefe beschließt er mit einem Gedicht, das als Echo eines von Celan geschickten mit der Widmung daherkommt: "Für Paul Celan, nach einem gleichen Gedicht von ihm." Häufig geht Celan in behutsam-freundlichen Kommentaren auf die ihm gesandten Arbeitsproben ein. Einmal aber antwortet er mit einer innerhalb der Tonskala dieser Briefe unerhörten Schärfe: "Ich wünsche mir bessere, einfachere Briefe von Ihnen, auch wenn Sie mir Gedichte schicken, nichts von der Art des mir nach Frankfurt geschickten Poems. Dies, um unsere Freundschaft zu erhalten."

Die Freundschaft ist schon deshalb nicht gefährdet, weil Franz Wurm dergleichen Spitzen wie auch dem Schweigen Celans und versäumten Verabredungen eine unerschütterliche Nicht-Verletzbarkeit entgegenstellt. Einem wortspielgespickten Brief, an dessen verborgenen kritischen Falltüren der Adressat unirritiert vorbeigeht, schickt Celan die ebensosehr auf Weckung wie Dämpfung von Mißtrauen abzielende Frage hinterher, ob der Freund "nichts anderes, unfreundliches" darin wahrgenommen habe. Die Antwort ist bemerkenswert: ",...anderes, Unfreundliches'? Wollen Sie's, schrieben Sie's: die Tatsache eines Briefs von Ihnen überwöge es ganz u. gar."

Paul Celan/Franz Wurm: "Briefwechsel". Herausgegeben von Barbara Wiedemann in Verbindung mit Franz Wurm. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1995. 365 S., geb., 54,- DM.

Briefwechsel

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.10.1995, Nr. 233 / Seite B5
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