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Rezension: Belletristik

Fortgeblasen ist der Staub von hundert Jahren

 - 12:00

Leopoldo Alas, genannt "Clarín" (zu deutsch Horn, Trompete), ist der bestechendste spanische Romanschriftsteller nach Cervantes - wenn man nur Höhe und nicht Breite seines Werks bemißt, denn andere haben achtmal so viele Romane geschrieben wie er. Deshalb ist Claríns Name auch ziemlich abgesunken, steckengeblieben in jenem trüben spanischen neunzehnten Jahrhundert, dessen zweite Hälfte seine Lebensspanne (1852 bis 1901) fast genau abdeckt. Erst vor wenigen Monaten hat es sein Heimatland geschafft, ihm erstmals eine repräsentative Ausgabe seiner gesammelten (nicht sämtlicher) Werke zu errichten. Gerade noch rechtzeitig: Am 25. April jährt sich sein Geburtstag zum hundertfünfzigsten Mal.

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Vielleicht gibt es aber noch Gründe für den schwachen Glanz seines Nachruhms, die nichts mit Produktionsziffern zu tun haben. Denn Clarín, Professor für römisches Recht an der Universität Oviedo, der Provinzhauptstadt in Asturien, die er unter dem hämischen Namen "Vetusta" literarisch verewigte, wurde von seinen Zeitgenossen sehr gehaßt. Er war der schärfste Literaturkritiker und Feuilletonist der Restauration, dadurch seinerseits Zielscheibe von Satire und Polemik. Das spätere Spanien, namentlich die Franco-Diktatur, hat diesen freien Kopf nach Kräften verdrängt und vergessen. So auch wir.

Aus Claríns Feder stammen zwei Romane, mehr nicht: "Die Präsidentin" (La Regenta), erschienen in zwei Teilen 1884 und 1885, sowie "Sein einziger Sohn" (Su único hijo) aus dem Jahr 1891. Der erste, ein Ehebruchsroman und gewaltiges Provinzpanorama, kam 1985 beim Insel Verlag heraus (der Egon Hartmanns schöne Übertragung aus der DDR von 1971 übernahm) und ist inzwischen vergriffen. Der zweite, und das ist eigentlich kaum zu glauben, erscheint in diesem Frühjahr zum erstenmal in Deutsch.

Es reicht, nur ein paar Seiten des Romans "Sein einziger Sohn" gelesen zu haben, um zu wissen: Clarín war seinem Land, seiner Zeit, wahrscheinlich sogar dem avancierteren Nachbarn Frankreich und dessen Naturalisten, die er zum Nutzen seiner Landsleute rezensiert hat, um einiges voraus. Das Leseglück steigert sich mit Elke Wehrs wunderbarer Übersetzung, deren Stilregister der wendigen Prosa Claríns jederzeit gewachsen ist. Unverständlich bleibt nur, warum der Verlag dem heutigen Publikum die kalte Schulter zeigt. Keine einzige Anmerkung, kein Nachwort erzählt dem Leser etwas von der doch ziemlich fern gerückten Welt, der dieses phänomenale Buch entstammt.

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Beide Romane Claríns spielen in der Provinz, auch in diesem zweiten ist unverkennbar der nordspanische Küstenstrich gemeint, mit seiner "melancholischen, langweiligen, drittklassigen Provinzhauptstadt". Emma Valcárcel, das verwöhnte Töchterchen eines reichen Anwalts, nimmt sich den Schreiber ihres Vaters, Bonifacio Reyes, zum Bräutigam und brennt mit ihm durch. Die jugendliche Dummheit wird rasch durchkreuzt, Emma muß ins Kloster, der harmlose Schreiber taucht unter. Wieder in Freiheit, schließt Emma eine banale Ehe. Nach dem Ableben des kränkelnden Gatten, es dauert nur ein Jahr (und sieben Zeilen bei Clarín), läßt sie Bonifacio suchen und nimmt ihn sich so rasch wie eben schicklich zum zweiten Ehemann. Aber ach, nach einer Woche stellt sie ernüchtert fest, daß es der sanfte Jüngling an Poesie oder dergleichen fehlen läßt.

Clarín hat ein besonderes Talent für ausweglose Situationen, die er mit wenigen Federstrichen herstellt; in ihnen erblühen Torheiten und fixe Ideen jeder Art, ohnehin das Vorrecht einer einsamen, zugigen Gegend, in der man immer dieselben Leute, dieselben Häuser, dasselbe Wetter sieht. Emmas Familie zum Beispiel, der Clan der Valcárcels, ist ein zähes Bergvolk, verarmt, aber fruchtbar; die ganze rauhe Sippe schart sich um Emma, als sie ihren Vater beerbt und mit beiden Händen Gunst verteilt. (Onkel Nepomuceno, der Sinn für Finanzen hat beziehungsweise deren Weg in die eigene Tasche, kümmert sich fortan um die Verwaltung des Vermögens.) Weil Emma sich außerdem in einen bizarren Ahnenkult stürzt, bleibt Bonifacio oder "Bonis", der ehemalige Schreiber, genau das: ein Angestellter der Familie seiner Frau. Aus diffusen romantischen Empfindungen heraus greift er zur Flöte seines Schwiegervaters, lernt ein wenig darauf blasen und hat gewisse kunstsinnige Momente, in denen er die tyrannische Herrschaft seiner Frau vergißt.

Dann kommt die Operntruppe in die Stadt und mit ihr die Sopranistin Serafina Gorgheggi, eine italienisch angehauchte Engländerin. Bonis wirft sich enthusiastisch in das zweitrangige Künstlermilieu, wird schulterklopfend ausgenutzt, aber auch mit der Liebe oder zumindest dem geräuschvollen Liebestaumel der Sopranistin belohnt. Der brave, ängstliche Bonis wird unvermutet zum Galan. Plötzlich sieht er sich hin- und hergerissen zwischen zwei Welten, die beide brüchig sind. Und Clarín treibt mit diesen Welten sein Spiel: Er spiegelt die eine in der anderen, ironisiert hier das billige bürgerliche Sehnen nach höheren Kunstsphären und dort das handfeste Streben der Sänger nach bürgerlicher Solidität. Solche Wandlungen, in denen eine Sache ihr verborgenes Gegenteil enthüllt, sind Claríns Spezialität. Unterdessen schmilzt das Vermögen, an dem alle bedenkenlos schmarotzen, dahin. Und zum Schrecken Bonis' legt Emma nun ihre Hypochondrie ab, um von ihrem Mann die Leistungen eines feurigen Liebhabers zu fordern.

Von der älteren Literatur des neunzehnten Jahrhunderts hat Clarín die Instanz des allwissenden Erzählers übernommen, aber er meidet dessen Betulichkeit und Benevolenz. Sein bohrend genauer Stil erinnert an medizinische Diagnostik, so wie Röntgenaufnahmen nicht an das Mitleid des Arztes appellieren, sondern nur an dessen Bereitschaft zu exakter Lektüre. Darin ist Clarín ein Vorläufer Prousts. Kaum jemand - und mit Sicherheit kein Spanier - hatte diesen Blick für verstohlene, beredte oder sublimierte Sexualität, überhaupt für das, was neuerdings als "politics of the body" bezeichnet wird. Wie ein Partner sich sexuell gegen den anderen durchsetzt, was eine nicht mehr ganz junge Frau empfindet, die unverhofft schwanger wird, wie ein Mensch den Verfall des eigenen Körpers beobachtet: Diese Dinge sind hier so brillant und furchtlos analysiert, daß man kaum glaubt, ein Buch des neunzehnten Jahrhunderts zu lesen.

Womöglich zu Recht hat man bei Claríns vorangegangenem Roman "Die Präsidentin" und dessen Hauptfigur Ana Ozores von der "ersten Anamnese der Literatur" gesprochen. In dem sechs Jahre später entstandenen Buch, das kaum ein Drittel des Umfangs erreicht, treibt Clarín das Verfahren weiter, indem er die äußere Provinzwelt, gegen jeden naturalistischen Brauch, gleichsam in die Kulissen zurückrollen läßt. Aus diesen treten, eine nach der anderen, die Hauptfiguren heraus. Sie haben jedoch kein Drama mehr, das sie zu Ende spielen könnten. Sie erheben nicht den Anspruch, Teil einer vollmöblierten Romanwelt zu sein, und sie müssen das epische Soll nicht mehr erfüllen. Es hätte darin bestanden, auf Verzweiflung mit Selbstmord, auf Ehebruch mit der Duellforderung zu reagieren. Statt dessen verkörpern sie in einem Spiel zwischen Traum und Wirklichkeit die Skala der menschlichen Charakterzüge, und zwar vornehmlich der schäbigen: Geiz, Wollust, Naivität, Raffgier, Heuchelei und Selbstbetrug.

Selbst die Zeit, von der berichtet wird, die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, scheint in diesem Buch schemenhaft, dehnbar, ihrerseits ein Kulissentrick. Sie verflüchtigt sich zu einem "immer und überall", in dem sich die Provinznester dieser Welt mitsamt ihrer Spießigkeit abgebildet fühlen dürfen. Der Raum dieses Romans ist ein Ideenraum, voller Spiegeltüren, Falltüren und Paradoxien; die Anspielungen reichen von billiger Oper bis zu teurer Oper, von der Bibel bis zur Odyssee. Das alles ist um so erstaunlicher, wenn man Claríns Veröffentlichungsbedingungen bedenkt: Nur ein Viertel der spanischen Bevölkerung kurz vor 1900 war des Lesens und Schreibens mächtig. Für ein ziemlich überschaubares Publikum also schrieb der Mann dieses Buch, einen Virtuosenstreich an der Schwelle zur literarischen Moderne und im Werk Claríns vielleicht das, was "Bouvard und Pécuchet" im Werk Flauberts ist.

So mündet es konsequenterweise in eine Fixierung, die dem Roman den Titel gibt und das Versatzstück des bürgerlichen Trauerspiels nur noch zitiert, die Frage nach dem "einzigen Sohn" und Erben, auf den sich Bonis am Ende kapriziert. Es mag ein ironisches Ende sein, aber das Pathos, das Bonis durchströmt, als er auf der Suche nach der Herkunft seiner Vorfahren, den Reyes, den idyllischen Ort Raíces (Wurzeln) durchstreift, dieses Pathos begleitet der Erzähler nicht ohne Anteilnahme. Mit dem männlichen Nachfahren will Bonis gegen den hochnäsigen Valcárcel-Clan triumphieren. Aber wird er es können, wo er immer so ein Waschlappen war? Und wie kann die Flucht in eine "Religion der Familie" gelingen, wo noch nicht einmal erwiesen scheint, wer der wahre Vater ist? Der Leser darf entscheiden, ob er dieses Ende für boshaft oder elegisch halten will.

Clarín (Leopoldo Alas): "Sein einziger Sohn". Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Elke Wehr. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2002. 309 S., geb., 24,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.04.2002, Nr. 92 / Seite 54
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