Rezension: Belletristik

Fremdes Deutschland

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"Nachkrieg und Unfrieden" heißt die Anthologie, die Hilde Domin 1970 herausgegeben hat; der Titel erinnert an Tolstois Roman "Krieg und Frieden". Ein Vierteljahrhundert später gab die inzwischen fast 85 Jahre alte Heidelberger Dichterin zusammen mit Clemens Greve eine Neuauflage der Lyriksammlung aus der Nachkriegszeit heraus, erweitert um fast noch einmal so viele Gedichte aus den letzten 25 Jahren. Für die junge Generation handelt es sich um eine Einführung in fremde Welten: Das soll einmal die Stimmungslage in Deutschland gewesen sein? Wohlstandskinder können viele dieser Gedichte ebensowenig nachempfinden wie manche Reaktionen ihrer Eltern und Großeltern; um so wichtiger ist es, sie zu lesen. Beim Vergleich der ersten mit der zweiten Auflage fällt auf, daß sich der Ton der neueren Gedichte geändert hat: Weniger Gefühl und Protest, mehr Pragmatismus und Ergebung in das scheinbar Unabänderliche. Doch bleibt die Herausgeberin selbst bei ihrem hoffnungsvollen "Trotzdem". MATTHIAS REUMANN

Nachkrieg und Unfrieden. Gedichte als Index 1945-1995. Hrsg. Hilde Domin und Clemens Greve. Erw. Ausgabe, Frankfurt am Main 1995 (Fischer-Taschenbuch 12526).

Nachkrieg und Unfrieden

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.01.1997, Nr. 9 / Seite 32
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