Rezension: Belletristik

In Puppenhüllen

 - 12:00

Vor mehr als zwanzig Jahren begann die Prager Schriftstellerin Daniela Hodrová an einer Romantrilogie zu arbeiten, die sie wenige Monate nach der damals noch tschechoslowakischen "sanften" Revolution zum Abschluß brachte. Zumindest außerhalb ihrer Heimat galten die ersten beiden Bände, "Das Wolschaner Reich" (deutsch 1992) und "Im Reich der Lüfte" (1994), als reich entfaltetes Panorama Prags als einer Toten- und Trauerstadt, aber "Theta", der eben erschienene letzte Band der Trilogie, sollte Kritiker und Kommentatoren überzeugen, daß die bisherigen Etiketten nicht genügen.

Gewiß, Daniela Hodrová, die in einem Mietshaus aufwuchs, das an den Wolschaner Friedhof grenzt, vermochte sich ihrer ursprünglichen Vision Prags als Nekropolis nicht zu entziehen, und in einem Regime, das jeden freien Ausblick in die Zukunft verrammelte, zählten die Toten der Vergangenheit doppelt. Sie drängen sich überall, irren durch die Stadt, streiten noch in Abstellkammern, und die Lebenden haben es nicht leicht, sich in ihren eigenen Rechten zu behaupten - eine junge Jüdin, die sich im Feiertagskleid und im letzten Augenblick vor dem Abtransport aus dem Fenster stürzte, sucht noch immer ihren Verlobten; ein deutscher Mieter, ermordet im Mai 1945, rumort im Lichtschacht; und ein junges tschechisches Mädchen, die Autorin, spielt mit Marionetten, die er in seiner Wohnung zurückließ.

Es geht nicht so nett und reinlich zu wie in Thornton Wilders "Our Town", wo die Toten mit den Toten und die Lebenden mit den Lebenden umgehen. Die Grenzen sind porös; und die Schädelstätten wie der ehemals jüdische Sportklub Hagibor, wo die Gestapo die Juden marterte und dann die tschechischen Revolutionsgarden die Deutschen, berechtigen die Autorin, ohne poetische Übertreibungen und in Anrufung Dantes von der città dolente, einer Schmerzensstadt, zu sprechen.

Im zweiten Band der Trilogie (für die Schublade geschrieben, 1981/83) wird die Stadt oder der Wohnbezirk Weinberge, über den sich die Erzählerin selten hinausbegibt, zu einem skurrilen Ort merkwürdiger Begegnungen, Wandlungen und Verwandlungen. Das Thema der Trilogie wird deutlicher: Menschen und Dinge sind wie Larven und Puppen, die durch ihre Häutungen und Entkleidungen zu sich selbst zu kommen suchen - eine Krebskranke verwandelt sich in einen langhalsigen Schwan, ein junger Dichter (der an Karel Hynek Mácha, den genialen tschechischen Romantiker, erinnert) verwandelt sich in einen gefleckten Käfer. Herr Turek, auch einer der Toten, hat einige Mühe, seinen Kollegen zu erklären, daß ein entomologischer Prozeß der Verpuppung alles Lebendige betrifft und wie töricht es wäre, nicht daran zu glauben.

Dem unendlich Imaginären solcher Verwandlungen arbeitet die Autorin allerdings, zu einigem Vergnügen der Leserschaft, mit präzisen "lebendigen Bildern" entgegen, stellt Sophie Ziesel, eine junge Kostümbildnerin, in die Mitte ihrer Aufmerksamkeit und erzählt heiter-abgründige Geschichten von ihrer Familie. Nur eben: Ironische Familiengeschichten gibt es in der modernen tschechischen Literatur in einiger Fülle, bis hin zu Michal Viewegh, dessen Romane die jüngste Generation mit Enthusiasmus liest, und die strenge Daniela Hodrová hat durchaus nicht im Sinn, ihre Zahl zu vermehren, denn auch Sophie wird sich häuten und ihre Larve abwerfen.

Es war jedenfalls voreilig, den Charakter und Stellenwert der ersten beiden Bände der Trilogie bestimmen zu wollen, ehe die Autorin ihre Karten auf den Tisch legte. "Theta" (geschrieben zwischen 1982 und 1990)enthält die kritische Theorie ihres Romanwerkes. Daniela Hodrová hat als Literaturtheoretikerin zwei Bände über moderne Romangattungen geschrieben und dreht auch die eigene Trilogie durch die Mühle ihrer Begriffsanalyse. Sie bekennt sich ohne Scheu zu einer intimen Suche nach einem selbstbewußten Roman, der das ganze Spiel mit Toten und Lebendigen, Erfahrung und Fiktion als ein Mittel gebraucht, um sich selbst als Erzählerin im Akte des Schreibens zu finden. Das wäre solipsistisch, wenn der Solipsismus, in der Epoche der triumphierenden und niedergehenden Diktatur, nicht eine mögliche Form des Widerstandes bedeutete.

Die Kunst Daniela Hodrovás reicht tief in die lichtlose Epoche der Dissidenten hinab. Gegen den amtlichen Optimismus setzte sie die Erforschung der Todes- und Marterstätten, gegen den naiven Realismus des "Es war so" die diffizile Selbstreflexion, gegen die dogmatische Vorstellung kausaler Abläufe den privaten Entwurf der Verwandlungen, selbst um den Preis ihrer mystischen Entomologie. In "Theta" (ihr Zeichen für Leben und Tod) schiebt die Erzählerin noch einmal eine Frauenfigur vor, die ihre Bürden und traumatischen Erfahrungen auf sich nehmen soll, Eliska Lämmel, "ihr Opferlämmchen", aber sie sagt zugleich, daß es sie gar nicht gibt. Auch Eliska ist eine provisorische Larve (ebenso wie die junge jüdische Selbstmörderin oder Sophie es waren). Die Erzählerin wechselt die Position: "Wer bin ich, wenn ich diesen Roman schreibe? Jene, die in die Vergangenheit hinabsteigt, oder jene, die abseits steht und den Abstieg dieses Wesens beobachtet?" Die Antwort ist deutlich - beide; und nichts ist bezeichnender für die wechselnden Perspektiven als jene Abschnitte, die Eliska hinter der Bühne des Weinberger Theaters zeigen, wo sie ihren von Chemotherapie und Agonie gezeichneten Vater in der Rolle des sterbenden Dichters in Tennessee Williams' "Die Nacht des Iguana" beobachtet. Der Schauspieler heißt Zdenek Hodr und war der leibhaftige Vater der Erzählerin.

Wir sind im Zentrum der Trilogie; Beobachterin und Beobachtete, Zeugin und Bezeugte zugleich, flüchtet die Erzählerin und Tochter, die so viel von den Toten weiß, vor dem Sterben des Vaters in szenisches Arrangement, Reflexion über Reflexion, und manipuliert ihr Puppen-Theater, um sich dem Trauma zu entziehen. Am liebsten würde sie die Romanfiguren aus dem Roman fegen; das bloß Fiktive und Romanhafte gilt Daniela Hodrová zuletzt sehr wenig, aber es nimmt seine eigene Rache, denn viele fiktive Charaktere sind nicht weniger lebhaft als die autobiographischen.

Merkwürdig, wie sich in Daniela Hodrovás Erzählkunst zwei bedeutende Traditionen verflechten - die Neigung für ein geheimnisvolles Prag dunkler Gassen und mysteriöser Häuser noch vom Neoromantiker Julius Zeyer oder gar vom Talmi-Magier Gustav Meyrink her und das moderne experimentelle Selbstbewußtsein, so bei ihrer Zeitgenossin Sylvia Richterová, die es allerdings in ihrem römischen Exil leichter hatte, in Kontakt mit der neuesten Literatur zu bleiben, oder Michal Ajvaz, noch immer im erneuten Glanz des Surrealismus.

Meine Konzentration läßt nach, wenn die Erzählerin über die Frage zu dozieren beginnt, ob ihre Prosa eine kristalline oder eine Schaumstruktur habe, aber ich lese aufmerksam, sobald sie ihre drei Nothelferinnen anruft, deren Anblick sie in ihrer eigenen Entschlossenheit stärkt - die liberale Parlamentarierin Milada Horáková, die ein Prager Volksgericht im Jahre 1950 zum Tode durch den Strang verurteilte (auch sie irrt noch durch die Prager Straßen, denn man hat ihre Asche unbekannten Ortes verscharrt); die exilierte Philologin und Schriftstellerin Milada Soucová, deren Asche man nach Prag zurückbrachte, und vor allen anderen die Dichterin Bozena Nemcová, die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts eine moderne tschechische Prosa schrieb und in Armut und unheilbarer Krankheit starb.

Nicht einmal alle tschechischen Leser dürften die intertextuellen Hinweise entziffern, und noch weniger die deutschen. Das ist ein bedeutender Verlust, denn die wiederholten Einschübe, in denen das Bewußtsein Bozena Nemcovás im Bewußtsein der Erzählerin auftaucht, zählen zu den ungewöhnlichsten Passagen der modernen tschechischen Prosa überhaupt. Die Puppenhüllen reißen und fallen; die tschechische Dichterin, welche die Brutalität ihres Mannes fürchtet, beginnt in der Schlafkammer ein Kleid um das andere auszuziehen, das sie unter ihrem Hemde findet, "der Stapel zu ihren Füßen türmt sich auf. Er reicht schon bis zu den Knien über den roten Trachtensocken, schon bis zum Schenkel." Im Tode, der mißhandelte arme Körper, "überall ist alles voll von Blut, auf dem blauen Kleid, auf der Brust und unten".

Daniela Hodrovás Trilogie war das letzte Romanwerk, das Susanna Roth, die Schweizer Slawistin, ins Deutsche übersetzte; nachdem sie den gesamten Kundera und Hrabal übertragen hatte, wandte sie sich vor ihrem verfrühten Tode Bozena Nemcová und Daniela Hodrová zu, als ob sie zeigen wollte, daß sie an der maskulinen Welt Kunderas und Hrabals kein Genügen mehr fand und an den Selbstfindungsprozessen der tschechischen Autorinnen Anteil nehmen wollte. Daniela Hodrová ist gefährlich in sich selbst versponnen, aber sie gibt dem tschechischen, dem europäischen Roman Gewicht, kritische Tiefe und eine gesteigerte intellektuelle Empfindungskraft. Zu fragen bleibt, wer ihre zukünftigen Romane übersetzen wird, in gleicher Wahlverwandtschaft wie Susanna Roth.

Daniela Hodrová: "Theta". Roman. Aus dem Tschechischen übersetzt von Susanna Roth. Amman Verlag, Zürich 1998. 293 S., geb., 42,- DM.

Theta

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.05.1998, Nr. 118 / Seite V
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenPragGestapoKulturRezension