Rezension: Belletristik

Kleidchen, Schleifchen, Schühchen

 - 12:00

Drei Figuren, drei Liebende, drei Gesichter. Eine erfolglose Schriftstellerin liebt eine erfolgreiche Geschäftsfrau und wird dabei erfolglos von einem Lehrer geliebt. In dieses magische Dreieck spannt Haruki Murakami seinen Roman "Sputnik Sweetheart". Der japanische Erfolgsautor begibt sich darin unverzüglich auf jenes Terrain, das ihm in Japan gigantische Verkaufszahlen beschert hat und mit dem er bei uns in "Gefährliche Geliebte" für Aufregung sorgte: das Feld der erschriebenen, beschriebenen Erotik. Wieder sind es die Anziehungskräfte zwischen den Geschlechtern, die die Phantasie des Autors beflügeln und den Leser je nach Temperament begeistern - oder abstürzen lassen.

Der laszive Diskurs, um es einmal nobel auszudrücken, ist in diesem Roman allgegenwärtig. Der Leser muß sich den aufgeladenen Gesten und Gebärden, den Blicken und Sentenzen von der ersten Seite an stellen und sich zu einer Haltung durchringen: Soll man diesen süßen Zierat nun kurz und bündig als trivial und also als zwiespältiges Ergebnis eines überhitzten Gemüts abtun? Oder soll man die erotischen Requisiten als legitime Objekte im stilistischen Schriftstellerfundus akzeptieren? Am besten tut man beides und quittiert die Strategie mit einem spöttischen Seitenhieb: Warum denn so verschwenderisch, wenn es darum geht, den gefräßigen Männerblick zu bedienen? Wo immer möglich, malt sich Haruki Murakami nämlich die Kleidchen, Schleifchen und Schühchen seiner Protagonistinnen genüßlich aus. Auch sonst ist ihm voyeuristisches Kalkül nicht fremd: Vorzugsweise schwimmen Frauen nackt im Meer oder liegen ebenso an Stränden und auf Betten. Wie eigenartig also, daß es eher prüde zugeht, sobald die männliche Hauptfigur an der Reihe ist. Da wirkt die Phantasie des Autors plötzlich wie verdorrt. Ein Männerbuch, zweifellos, auch was den Grundriß angeht: eine Männerphantasie mit erschöpfender Tradition. Zwei Frauen, die sich lieben, und ein Mann, der sie beobachtet. So viel und nichts weiter zu den "Stellen".

Damit genug der Einwände. Denn dies ist auch ein Frauenbuch. Man würde lügen, wenn man behauptete, nicht gern eine nächtliche Lese-Séance einzulegen, nur um es in einem Zug lesen zu können. Seine Qualität liegt allerdings keinesfalls auf ästhetischem Gebiet. Murakamis Erzählkonzept ist schlicht, seine formalen Mittel sind eher begrenzt. Aber er kann erzählen wie kaum ein anderer. Dabei scheut er sich nicht, die Grenzen zwischen dem Realen und dem Phantastischen zu überschreiten.

Sumire, eine zweiundzwanzigjährige Möchtegern-Autorin, verliebt sich in eine um siebzehn Jahre ältere, verheiratete Geschäftsfrau. Es ist ein Lodern, Knistern und Ziehen zwischen den beiden von Anfang an. Die Schriftstellerin nennt die ehemalige Pianistin heimlich ihren "süßen Sputnik" und sieht dabei vor dem inneren Auge das Bild eines künstlichen Satelliten, der lautlos seine Bahnen im Weltall zieht. Während das Mädchen, Zynikerin und Romantikerin zugleich, den Boden unter den Füßen verliert, steuert die Erfahrene Miu kühl die Geschehnisse. Sie bittet Sumire, als Sekretärin in ihre Dienste einzutreten. Sie spüre, daß diese im Augenblick noch nichts Bedeutendes schreiben könne; sie werde eines Tages etwas Wunderbares schaffen, aber sie habe "noch nicht die Kraft, die Türe ganz aufzustoßen". Ihrerseits überrascht Miu Sumire mit einem rätselhaften Geständnis: Sie sei kein vollständiger Mensch. Was sie sehe, sei nicht ihr wahres Selbst. Und: sie habe vor Jahren die Pianistenkarriere abgebrochen, der sie alles geopfert hatte, einschließlich der Entwicklung ihrer Persönlichkeit. Selbst technisch unterlegene Rivalen hätten ihr Publikum stärker in Bann zu schlagen vermocht als sie.

Schon nach kurzer Zeit brechen beide zu einer Europa-Reise auf, die abrupt auf einer griechischen Insel endet. Sumire ist über Nacht verschwunden. Miu wendet sich in ihrer Not an den Dritten im Bunde, einen jungen Lehrer. Sie bittet den Vertrauten und geschwisterlichen Freund von Sumire um Hilfe. Dieser begehrt zwar noch immer die exzentrische Freundin, fügt sich aber in die ihm zugewiesene Rolle. Er reist den beiden Frauen nach Griechenland hinterher. Vergeblich. Sumire taucht nicht wieder auf. Aber er findet Aufzeichnungen, die ihm Erklärungen liefern.

Eine banale Liebeskonstellation, möchte es scheinen. Die Raffinesse des japanischen Autors jedoch liegt im heimlichen Thema, das er dem Roman unterlegt hat. Nur vordergründig geht es um die Genese eines amourösen Wahnzustandes. Viel wichtiger sind die Bewegungen im Untergrund: Alle drei in diesem Spiel sind fragmentierte Persönlichkeiten. Aus unterschiedlichen Gründen haben vor allem die beiden Frauen ihre Sexualität abgespalten, geopfert oder nie wirklich entdeckt. Nun fahren sie wie drei Gestirne im Weltall aufeinander zu. Jeder von ihnen möchte vollständig werden; jeder gerät beim Zusammenprall in eine existentielle Krise, welche das verborgene Defizit grell aufdeckt. Bei den beiden Frauen kommt ein weiteres hinzu. Beide ahnen, daß sie auf künstlerischem Gebiet nur dann ihre eigenen Grenzen überschreiten können, wenn sie die libidinösen Quellen anzapfen. Die Konturen des Dritten, des Mannes, bleiben schattenhaft und werden vom Autor nicht recht erforscht; es ist, als hätte er die Figur zwar als notwendiges Übel im Gesamtkonstrukt akzeptiert, aber kein wahres Interesse für ihr Innenleben aufgebracht.

Die Falle schnappt zu, als die Beute erlegt ist. In einer Verführungsszene, die man sich denn doch etwas entschlackter von trivialen Einsprengeln wünschen würde, offenbart sich eines: Die Liebe ist zwar eine Himmelsmacht, nichtsdestotrotz eine Illusion; die erotische Verzückung ist eine Chimäre, das geliebte Objekt eine traurige Spiegelung der eigenen Wünsche und Defizite. Sumire begreift, daß Miu und sie zwar gute Reisegefährtinnen sind. Aber sie bleiben einsame Klumpen auf getrennten Umlaufbahnen. Vielleicht kreuzen sich ihre Wege, vielleicht verglühen sie aber auch.

Haruki Murakami schlägt Volte um Volte. Er treibt die Geschichte zur Eskalation und spannt zugleich den Leser auf die Folter. Immer wieder zieht er neue Karten aus dem Ärmel, baut unerwartete Klippen ein, verzögert das Tempo und beschleunigt es von neuem. Der Leser, gebannt vom Wechselbad der Gefühle, gezähmt durch immer neue Eskapaden, liest immer weiter. Erst am Ende eröffnen sich alle Zusammenhänge. In Einschüben bringt der Autor die schockhaften Erlebnisse zur Sprache, die das Leben der beiden Frauen zerstörten. Die tote Mutter Sumires. Die Vergewaltigung Mius. Der Verlust des Ichs unter dem Eindruck des verstörenden Erlebnisses. Die bürgerlichen Anpassungbemühungen der Frauen und damit die Verkrümmung der Charaktere. Aber er redet auch vom wilden Aufzucken des verschütteten Ichs und der zähen Kraft, welche Sumire und Miu am Ende doch zum Ausbruch aus dem zementierten Leben treibt.

Darin - in der Schilderung von Überschwang, Zerstörung, Kampf und Entkommen - liegen die Qualitäten dieses Romans, der einen an manchen Stellen zwar irritiert, aber am Ende doch Respekt fordert.

Haruki Murakami: "Sputnik Sweetheart". Roman. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. DuMont Verlag, Köln 2002. 240 S., geb., 19,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.11.2002, Nr. 255 / Seite 42
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