Rezension: Belletristik

Mit dem Gabelstapler ins Paradies

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PARIS, 3. September Der nächste Roman Michel Houellebecqs könnte, falls nichts schiefläuft, im vollkommenen Happy-End für die Hauptfigur aufgehen. Nicht im aufgeregten, illusorischen Glück der permanenten Leidenschaften, sondern im sanften Nirwana einer befreiten Mediokrität der immerwährenden Lustbefriedigung, im Überangebot der Orgasmen, völlig ideologie- und tabulos, irgendwo zwischen Kapital und Schicksal. Konnte die Erzählfigur Michel im vorhergehenden Roman "Die Elementarteilchen" in ihrem Sexhunger nur träumen von einer biowissenschaftlich vermittelten Klonierung des Glücks ganz ohne Götterhimmel, so schwelgt der neue Michel in "Plateforme" ab Seite hundertvierundvierzig in einem vollends glücklichen Zusammensein mit Valérie, das Orgasmus und Liebe deckungsgleich macht - zumindest bis zur Katastrophe am Romanende.

Darin liegt aber auch das Problem dieses neuen Buchs "Plateforme" (Flammarion, 369 Seiten, 20 Euro): Houellebecq ist nun einmal besser in der prägnanten Schilderung des wunsch- und hoffnungslosen Durchschnittsunglücks. Wie der vorangehende bietet auch dieser Roman einen einmal positiv, einmal negativ zu lesenden antizipatorischen Schnappschuß unserer Gesellschaft - nur thematisch erheblich schmaler und leicht rosa eingefärbt als utopische Geopolitik des Befriedigtseins. Deren Formel lautet: Sex ist das weitestverbreitete Glücksmoment, Geld ist das bewährteste Verteilungskriterium, der Westen hat das Geld, und die Entwicklungsländer vorab des Fernen Ostens haben die intakten Körper - also weg mit den moralischen Scheuklappen, auf zum totalen Tausch, der allen nützt. Mit Hilfe der vorausgehenden Skandalankündigung, den obligaten Protesten der von Houellebecq visierten Moralinstanzen und mit Hilfe auch einiger alberner Interviewäußerungen des Autors - der Islam sei die schwachsinnigste und gefährlichste Religion der Welt, die Juden seien einfach intelligenter als andere Menschen, Pétain sei ihm sympathischer als de Gaulle - geriet dieser eher mäßige Roman zum Ereignis und verdrängt die übrige Literatur des französischen Saisonstarts weitgehend von der Bühne (F.A.Z. vom 28. August und 1. September). Houellebecq setzt genau das fort, was er bisher schon am besten beherrschte: die mit Humor unterkühlte Realitätsschilderung, die mit der direkten Nennung von Produktnamen, Fernsehsprechern, Politikern, statistischem Material und Geschichtsdaten der Wirklichkeit kunstvoll an der Haut klebt. Diese stilistische Tuchfühlung mit den Fakten arbeitet sich diesmal narrativ am Muster des zeitgenössischen touristischen Freizeitbetriebs voran.

Der mittlere Staatsbeamte Michel aus dem Pariser Kulturministerium, eine Sexfilme und Kartoffelpüree im Fertigbeutel vertilgende Halbversagerfigur wie aus dem Houellebecqschen Bilderbuch, unternimmt nach dem Tod und der Erbschaft seines Vaters - "alter Saukerl, hast dich gut durchgejubelt im Leben", murmelt er noch am Sarg - eine Gruppenreise nach Thailand. Die nötige Information über Massagesalons und Bordelle entnimmt er dem "Guide du Routard", jenem nonkonformistisch sich gebenden Reiseführer für Altachtundsechziger, der augenzwinkernd konformistische Tips zwischen Banalität und Moralität verteilt.

Damit ist auch die Spur gelegt, auf der dieser Roman das Porzellan unserer landläufigen Anständigkeiten zerbricht. Sexueller Kindermißbrauch? - Die meisten Prostituierten in Thailand seien volljährig, antwortet Michel den empörten Mitreisenden am Frühstückstisch. Menschenrechtswidrige Regime wie etwa Burma? - Wenn Europäer und Amerikaner von Menschenrechten sprächen, habe er immer den Eindruck, sie machten Witze. Umweltgerechter Tourismus? - Wenn Michel am Morgen ins mückenverstochene Gesicht der beiden Öko-Freaks in der Gruppe blickt, kommt ihm das Erbarmen und bei der "Healthy life"-Mentalität der Amerikaner der Brechreiz. Vom Stilmittel seiner früheren Romane läßt Houellebecq auch diesmal nicht ab: Für die Schilderung selbst dieser exotischen Paradieslandschaften hat er allenfalls ein paar Sätze, bevor der Blick aufs menschlich mediokre Environment der Gruppe zurückfällt.

Da passiert jedoch etwas Unerwartetes. Michel lernt in der Gruppe die Frau seines Lebens kennen. Kaum ist er nach Paris zurückgekehrt, liegt und wohnt er auch schon bei Valérie im Bett, einer beinah karikaturhaft positiven Unschuldsfigur zwischen Mutter und Luder, die sich mit mädchenhafter Sanftmut das Geld, den Mann und die Lust holt, wo sie kann, und die nie so vulgär wäre, Freundschaft höher zu schätzen als sexuelle Befriedigung. In den Armen dieser gutverdienenden Kaderangestellten aus der Reisebranche steigt der verbeamtete Müßiggänger Michel ins Tourismusgeschäft ein und bringt auf dem Bettrand sein Ferienkonzept "Eldorador Aphrodite: Sie haben ein Recht, sich was Gutes zu tun" mit integrierter Prostitution an die Geschäftsfrau, Geliebte und allzeit bereite Sexpartnerin. "Ich war glücklich", schreibt der Erzähler, "ich weiß, daß es Glück gibt" - mag aus seiner Erzählerperspektive auch schon die kommende Katastrophe ihren Schatten vorauswerfen.

Der so zwischen privater Lust- und touristischer Geschäftsstrategie sich entwickelnde Roman mündet in jene skandalträchtige Realitätsabbildung, die Houellebecq geschickt zwischen Provokation, Spekulation und literarischer Masche schillern läßt. "Neben dem Sexualakt gibt es wenige Lebensmomente, wo der Körper in seinem schlichten Dasein in der Welt aufgeht", sagt sich der Erzähler im einzigen, wahrhaft verschwimmenden Glücksmoment des Romans, in dem das Liebespaar beschließt, sich auf immer auf der thailändischen Insel niederzulassen.

Radikalstes Gegenstück zu dieser glücklichen Auflösungsphantasie in der reinen Immanenz sind Gebot, Verbot, Kalkül, Leistungsdruck und was der Monotheismus sonst noch an Härten aufzuweisen hat. Er bricht furchtbar über die tropische Verschmelzungsphantasie herein in Form eines islamistischen Bombenanschlags, der Michel seine Valérie raubt und ihn in seine alte, wunschlos unglückliche Apathie zurückfallen läßt.

Aus dieser romanesken Arithmetik der Gegenpole ist auch all das verblasene Zeug abgeleitet, das Michel bei Houellebecq von sich gibt und gegen das Empörung oder Prozeß nicht die richtige Antwort wären, auch nicht bei Sätzen wie: Er freue sich fortan über jedes getötete Palästinenserkind. Den Grundton für seine schrille Idylle schlägt der Autor selbst an im Schlußbild des Romans mit einer Gruppe alternder deutscher Sextouristen. Im Unterschied zu den selbstzufriedenen Angelsachsen und Australiern legen sie ihre ganze Traurigkeit, ihre Scham, ja ihren verborgenen Wunsch nach Selbstauslöschung vor den jungen und zarten Körpern um sie her an den Tag. Europa: ein Abgesang, noch einmal.

Michel Houellebecq hat sich nach seinem letzten Roman als sensationell verheißungsvoller Schriftsteller plaziert. Hier bewährt er sich als Routinier seines Schreibfachs, fügt aber nichts wirklich Neues hinzu. Mit dem präzis arbeitenden Gabelstapler seines Stils verschiebt er auf scheinbar wirren, oft langatmigen Wegen Bilder, Meinungen, Theorien auf den Gemeinplätzen unserer Aktualität. Das brachte den französischen Saisonstart etwas durcheinander, läßt aber noch viel Zeit für die wichtige Literatur.

JOSEPH HANIMANN

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.09.2001, Nr. 205 / Seite 47
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