Rezension: Belletristik

Nörgelbomben auf Glücksprimeln werfen

 - 12:00

Um zwölf nach sieben morgens ist die Welt noch in Ordnung, und auch nach dem Frühstück um acht Uhr dreizehn ist das Glück des neuen Tages noch in Sicht. Es sei denn, man gehört zu dem Schlag Menschen, die nie ans Glück der Frühstückszeit glaubten, denen dieses ganze gutgelaunte, erwartungsvolle, Toastbutterbrot knabbernde Gehabe der Vitalität ein Graus ist. Man findet diese Leute noch im Bett, schon am Tresen oder in sonst einem Versteck.

Hier findet man einen Vertreter dieses Schlags aber schon draußen bei der Gartenarbeit, bei den Primeln oder bei den Lauchknollen kniend: ein Flüchtling des Tatendrangs, dem die Morgenstund neben dem sprichwörtlichen Gold auch noch ganz anderes im Mund führt, allein schon das Unkraut, das über Nacht nachgewachsen ist. Mit dieser Figur des weltverdrossenen, grüblerisch veranlagten Freizeitgärtners, der stets in der Ichform spricht, findet die begabte Theaterautorin Yasmina Reza souverän durch den zeitlich verschachtelten Erzählraum ihres Erstlingsromans.

Wäre das Verfahren des inneren Monologs in der Literatur nicht in allen Variationen schon durchgespielt worden, müßte es hier neu definiert werden. Der ganze Text ist nichts als ein assoziativ aufgesplitterter, weit abschweifender und stets wieder zum Thema zurückkehrender imaginärer Monolog eines Vaters mit seinem abwesenden Sohn zum Leitmotiv: Erklär mit das Wort "Glück". Die Autorin, die in ihren Stücken die Worte wie Quecksilberkugeln auf den Faden der Rede reiht, hat keinerlei Sinn für narrative Breite und umständliches Dekor. Alles, was wir vom Leben des einnehmenden Misanthropen, von seinem Sohn, seiner verheirateten Tocher samt Schwiegersohn und Enkelkind, von seinen Frauen und Freunden, seinen Aversionen, Zweifeln und herben Kicheranfällen erfahren, werden wir andeutungshaft aus den Bruchstellen der sprunghaften Monologbewegung inne. Der Roman wird so zum virtuosen Einmanntheater im Kopf des Lesers, wo zeitgeschichtliche, generationelle und allgemein existentielle Anspielungen auf Leben, Glücklichsein und Tod immer neu umeinander wirbeln.

Samuel - so der Name des monologischen Helden, wie wir beiläufig erfahren - ist in seinem Alltag von glücklichen Leuten umstellt. Seine zweite Frau Nancy, die aufs Alter ihre Veranlagung für allgemeine Menschenliebe und positive Lebenseinstellung entdeckt, sich in ihrer Haut penetrant wohl fühlt und doch heimlich Unmengen Alterskosmetik verbraucht, hält dem Gatten seinen zur Fettleibigkeit neigenden Trübsinn vor. Seine Tochter, deren Gatte allsonntags mit dem Regionalverein jüdischer Wanderfreunde durch die Île-de-France pirscht, verweist den notorisch mißmutigen Vater aufs Vorbild seines Sohns, ihres Bruders: Ein Lebenskünstler und Abenteurer des Müßiggangs ist dieser Sohn, der immerfort gerade von einem fernen Sonnenstrand heimkehrt. "Er ist glücklich", sagt die Schwester, "er genießt das Leben." Das aber ist es gerade, was dem Alten nicht in den Kopf will: dieses Glücklichseinwollen in der Ambitionslosigkeit, diese Zufriedenheit der Genügsamen im Wohlstand, als wäre alles Werk längst getan, diese friedfertige Willensschwäche der Anständigen und ihre Unfähigkeit zur Tat. Sie kommt dem einst aktiven Rentner, der seine innere Unruhe nun mit Gärtnerarbeit betäubt, als der Gipfel jener Monotonie vor, die er ein Leben lang floh. Innerhalb einer Generation fegst du mein einziges Credo hinweg, sagt der Alte in der Vorstellung zum Sohn: Erklär mit das Wort "Glück"!

Was den Vater am Sohn vor allem befremdet, ist das Defizit an Auflehnungsbereitschaft, die verblüffende Anpassungsfähigkeit an alle Situationen. Als Kind wollte der Junge einen Hund haben, bettelte dann um einen Hamster und begnügte sich schließlich mit einem Fisch - "tiefer konntest du nicht mehr sinken". Ist das Glück? Als der Schüler sich endlich in die Klasse einfügte, waren alle glücklich, außer dem Vater. Lieber hätte er im Zweifelsfall einen Verbrecher oder Terroristen als Sohn gehabt als einen angepaßt durch die Welt bummelnden Glückssucher. So werden ihm selbst die afghanischen Gottesfanatiker irgendwie sympathisch, denn bei denen zumindest gibt es für den Sohn nichts zu suchen.

Doch lassen sich solche Gedanken und Sätze natürlich kaum jemandem mitteilen, schon gar nicht der eigenen Frau. Sie werden in der imaginären Rede an den Sohn nur hypothetisch, also doppelt fiktiv geäußert: So hätte er, sagt er in seiner Phantasie zum Sohn, zu seiner Frau reden können, wenn sie das nur verstanden hätte. Diese kunstvoll klappernde Serienschaltung des Sagens - "ich habe ihm geradehinaus Tambourini gesagt, sagt Lionel zu mir, sage ich zu Geneviève" - reißt in ihren Anklängen an Thomas Bernhard Abgründe unüberbrückbarer Einsamkeit auf. Nur daß dieser seit den frühesten Stücken Yasmina Rezas vernehmbare Nachhall Thomas Bernhards hier runder, voller, umgänglicher, salonfähiger, also auch witziger klingt - schließlich wird in diesem Roman kein Kalkwerk, sondern bloß ein Vorstadtgarten bewohnt.

Das einzige, was den darüber sich senkenden "schwarzen Flügel der Verzweiflung" in sanfter Bewegung hält und damit erträglich macht, ist die wortkarge Geistesverwandtschaft des Rentners mit einigen wenigen Freunden. Der erfolgreiche Geschäftsmann Léopold Fench, dessen "Fröhlichkeit im Grunde ein Trauergesang" war, ist zwar schon tot. Doch sein nüchternes "Und jetzt?", als er nach Vollendung seiner Traumwohnung und seines Traumgartens an einem sonnigen Nachmittag durchs Fenster auf die leichte Bewegung eines Blattes schaute, klingt dem Erzähler bis zuletzt im Ohr. Der andere Freund heißt Lionel.

Ihn trifft das Unheil im Alter, nachdem er vierzig Jahre lang grüblerisch jeden Tag durchs Fenster auf dieselbe Straßenkreuzung und den Jahreszeitenwechsel am selben Baum geblickt hat. Plötzlich kann er die Vorhänge nicht mehr mit dem gewohnten Ruck aufziehen, sondern muß die verhaßten neuen Gardinen, die seine Frau mit einer Führungsschiene versah, sanft hin und her schieben. Nur wenige Leute sind in der Lage, die Tiefe dieser "Tragödie mit den Vorhängen" zu erfassen und angemessen darüber zu lachen. Denn Lionel strebt nicht nach Erfüllung im Glück, sondern nur nach Seelenruhe. Das unterscheidet ihn von denen, die wie der verlorene Sohn des Erzählers in Spaß, Freizeit und komfortabel gebetteter Selbstverwirklichung scheinbar restlos glücklich aufgehen. Daß der weltgewandte Sohn offenbar nie ernsthaft das innere Gleichgewicht verlor, während der Vater seit der alten, absurden Liebesaffäre mit einer gewissen Marisa Botton noch heute innerlich torkelt, macht die Aussprache für den Alten so notwendig wie unmöglich. "Hast du in deinem Leben, mein Kleiner, je eine einzige Marisa Botton gehabt?" - Hat er offenbar nicht.

Deshalb sterben nicht mehr vor den Vätern die Söhne, sondern überleben beide in monologischer Intimität und schleppt bald der eine, bald der andere sich durch einen Sumpf von vergnügter Daseinspragmatik bis ins letzte absurde Abenteuer, wo er etwa beim Aperitiv an der Bartheke achtlos zu den Pistazien greift und erst beim Kauen merkt, daß er von anderen schon abgeknabberte Olivenkerne in den Mund geführt hat.

Alle Anflüge von Schwerfälligkeit sind diesem fein komponierten Szenenmosaik mürrischen Trübsinns fern. Mit dramaturgischem Gespür verstrickt Yasmina Reza, die ihr narratives Können schon in der Erzählung "Hammerklavier" bewiesen hat, in Überblendungen und scharfen Kontrasten existentielle Grübelei, Alltagslappalien und geläufige Tagesaktualität. Je härter, ja gewagter der Themensprung, desto sicherer die Wirkung. Wenn der wandernde Schwiegersohn, von Beruf Apotheker, dem Alten Medikamente gegen Verstopfung empfiehlt und im selben Atemzug seine jüdische Integrität vor dem Hintergrund des Holocaust einklagt, bleibt nur noch ein Augenzwinkern zwischen Groteske und Abgrund, zwischen Physik und Metaphysik.

Das ganze Gravitätsspektrum zwischen idealistischer und tragischer Humanität bekommt im subtilen Neoexistentialismus dieser Autorin verbalen Auftrieb und sinkt allenfalls zu Bachs "Kunst der Fuge" oder einem "Nocturne" von Chopin gelegentlich auf den Grund wortloser Ergriffenheit zurück. Diese wohnt dann allerdings haarscharf am Pathos "ungeheurer, totaler Einsamkeit", dem der Alte trotz Yasmina Rezas spitzer Feder, vorab gegen das Romanende, mitunter erliegt. Der unlängst verstorbene Übersetzer Eugen Helmlé, der mit dieser Arbeit gleichsam sein Testament eingereicht hat, verhilft aber selbst solchen Stellen mit Eleganz und Prägnanz zu einem helleren Klang.

Yasmina Reza: "Eine Verzweiflung". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Eugen Helmlé. Carl Hanser Verlag, München/Wien 2001. 134 S., geb., 25,- DM.

Eine Verzweiflung

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.03.2001, Nr. 67 / Seite L4
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