Rezension: Belletristik

Peter Stamm: Blitzeis

 - 12:00

Wer einmal eine Erzählung von Peter Stamm gelesen hat, der wird sie nie wieder vergessen. Es mögen einem bald die Namen der Personen entfallen, später die Orte, vielleicht sogar die Handlung - wie seine Figuren jedoch die Abwesenheit von Biographie, von Sehnsucht und von Geschichte als leisen, dumpfen Schmerz erleben, das vergißt man nimmermehr. Der Schweizer Autor wurde 1963 geboren und veröffentlichte in den letzten vier Jahren drei Bücher, mit denen er sich relativ unverzüglich als einer der wichtigsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart etablierte. In seinem Debütroman "Agnes" von 1998 beschreibt er, wie das zufällige Aufeinanderprallen zweier verhalten vor sich hin lebender Akademiker zur Tragödie wird, als es den beiden nicht gelingt, dem Lauf der Dinge eine eigene Geschichte abzutrotzen: In der fast naiven Sehnsucht von Agnes, portraitiert zu werden, um endlich zu wissen, daß sie existiert, steckt eines der zentralen Motive des OEuvres von Stamm. In seinen meisterhaften Erzählungen in "Blitzeis" wird es variiert, in seinem 2001 erschienenen Roman "Ungefähre Landschaft" zu Ende geführt. Denn in "Ungefähre Landschaft" scheint es der Autor selbst zu sein, der sich seiner Protagonistin Catherine erbarmt, die auf ihr eigenes träges Leben wie durch Milchglas schaut und verzweifelt versucht, die Scheibe zu putzen, bis Stamm anfängt, ihr Leben zu erzählen, und ihr das Geschenk macht, nur das zu beschreiben, was man von ihr durch das Milchglas sieht (und nicht das, was ist).

Die Langlaufloipen, die Catherine entlangzieht, sind die Lebensbahnen, auf denen sich das gesamte Stammsche Personal bewegt. Es gibt kaum Hügel, und wenn es einen echten Hang gäbe, dann hätten sie nicht die richtigen Skier dabei. So scheinen sie verdammt, immer ihre gleichen, gemächlichen Runden zu ziehen. Es ist eine der größten Leistungen Stamms, daß er über diese in sich und der Welt gefangenen Menschen und ihre leidenschaftslosen Versuche, sich zu spüren, solche aufregenden Bücher zu schreiben vermag. Die Ereignislosigkeit inszeniert er virtuos und doch wortkarg als das eigentliche Ereignis. "Passion" ist die wahrscheinlich vollkommenste seiner Erzählungen. Es ist die Geschichte von zwei Paaren, wohl um die 35, die an der italienischen Küste Urlaub machen. Zwei Paare suchen einander irgendwie, haben sich längst verloren, aber - und das ist eine der traurigsten Befunde Stamms - dieses Nicht-mehr-Zueinanderkommen wird keineswegs als Tragik empfunden, niemand scheint mehr kämpfen zu wollen, als sei heute ohnehin alles viel zu spät.

"Zu Hause" ist das Schlüsselwort dieses Textes und vielleicht aller Texte von Stamm. Alle Personen sind fern von "zu Hause", in Amerika, in Europa, irgendwo, sie haben sich immer nach der Ferne gesehnt, doch dort, wo sie sind, bleiben sie sich so fremd wie daheim. Naiv beschwichtigt der Ich-Erzähler seine Freundin in der "Passion"-Erzählung, als sie sich von ihm trennen will: "Zu Hause sieht alles gleich ganz anders aus."

"Ja", sagte Maria, "deshalb." Sie muß sich trennen, weil sie sich bei ihrem Freund "nicht zu Hause fühlt", wie sie sagt. Doch auch ihre Trennung geschieht dann ruhig, fast leidenschaftslos, als wisse sie schon, daß sie auch beim nächsten Freund, nur ein bißchen anders, sich nicht zu Hause fühlen wird, ja, daß sie die einzige zu sein scheint, die sich in diesem Zustand noch nicht so bequem eingerichtet hat wie alle anderen.

Nur einmal passiert etwas Großes, Novellenhaftes in diesen Texten. Und es geschieht, kein Wunder, weil sich der jugendliche Ich-Erzähler tatsächlich "nach Hause" begeben hat. Ein nächtliches Baden mit Schulfreunden im Weiher endet mit dem unglücklichen Tod eines Kameraden, den der Erzähler, auf dem Steg liegend, mitansehen muß, während er diesen gerade mit dessen Freundin betrügt. Auf drei, vier Seiten gelingt Stamm hier ein Meisterstück. Nach dem Ende der Geschichte und der Biografien vermag selbst die eigene Schuld offenbar nicht mehr einzudringen ins Bewußtsein.

flo

Quelle: 17.03.2002, Nr. 11 / Seite 31
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenRezension