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Rezension: Belletristik

Schnurren im Schatten von Kitty

 - 12:00

In jedem jungen Kater schläft eine abenteuerliche Seele. Und eines Nachts - warum bloß nie bei Tag? - erwacht diese Seele. Sie will hinaus, weit fort von der Familie, hinaus auf alle Dächer dieser Welt, aufs Dach der Welt. Und also muß der junge Kater mit. Er muß hinaus in die Nacht, die dunkel ist wie sein Fell, und in den Mondschein, der hell ist wie seine Augen. Wer je ein junger Kater war, weiß, wovon ich rede. Zurück bleibt eine zitternde Familie, zurück bleiben zwei besorgte Eltern, die wissen, wie finster die Nacht ist hinter den Kaminen und wie unheimlich die Welt, die einen jungen Kater dort erwartet. Muß man ihn also bremsen, wenn seine abenteuerliche Seele ruft? Darf man ihn zurückhalten vom ersten großen Ausflug? Man darf nicht. Wohl aber kann man ihn heimlich begleiten wie ein unsichtbarer Freund, wie ein schützender Schatten in der Nacht. So tut es der Vater von Groucho, dem jungen Kater, der aufbricht zu seinem ersten Rendezvous mit dem Unbekannten. Groucho erlebt den Zauber der Nacht, dem alle Katzen, jung und alt, verfallen sind. Er spürt ihren Rhythmus und hört ihre Musik. Er trippelt, er tanzt, er schwebt durch die Nacht. Doch ihre Gefahren, die kennt er nicht. Der Schatten, vor dem er zu Tode erschrickt, ist der Schatten von Kitty, dem süßesten aller Katzenmädchen, das selbst seine erste Nacht in der Stadt verbringt. Den Schatten aber, vor dem er sich wirklich fürchten sollte, den sieht er erst, als es fast zu spät ist. Es ist der widerliche Schemen der Kanalratte, groß und grau und gräßlich. Wie viele junge Katzen hat sie schon auf dem Gewissen? Grouchos und Kittys Leben hängt am seidenen Faden. Ihre erste Nacht auf den Straßen könnte auch ihre letzte gewesen sein. Sie flüchten, doch die Kanalratte ist schneller. Da greift Grouchos Vater ein. Doch seine Hilfe hilft nur für den Augenblick. Schon geht die mörderische Verfolgung weiter. Ist im nächsten Augenblick alles vorbei? Hat Grouchos letztes Stündlein jetzt geschlagen? In jedem jungen Kater wohnt noch eine zweite Seele, die erwacht, wenn seine erste, die abenteuerliche, ihn in Gefahr gebracht hat. Diese zweite Seele ist die der List. Sie sorgt dafür, daß es noch ein Happy-End gibt für Groucho und Kitty, ein vorläufiges jedenfalls. Denn dies war nur die erste Nacht, und wer weiß, was all die anderen bringen werden? Vielleicht bringen sie auch dies: noch mehr Bücher von Yvan Pommeaux. Er hat uns zwar schon verteufelt coole Versionen von Rotkäppchen und Schneewittchen beschert, doch keines seiner Werke war wie dieses hier: wild wie ein junger Kater und romantisch wie alle ersten Nächte auf den Dächern einer unbekannten Stadt. Wer je ein junger Leser war, weiß, wovon ich rede. ULRICH RAULFF

Yvan Pommeaux: "Eine Katze in der Nacht". Aus dem Französischen von Anima Kröger. Moritz Verlag, Frankfurt/M. 1996. 40 S., geb., 29,80 DM. Ab 5 J.

Eine Katze in der Nacht

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.10.1996, Nr. 229 / Seite L47
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