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Rezension: Belletristik

Schwarzfahren auf dem Kreuzweg

 - 12:00
Stasiuk, Andrzej: Neun Bild: Suhrkamp, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.03.2002, Nr. 66 / Seite L8

Manche meinen, der Osten bebt. Blödsinn: Er lebt in Nöten. Gibt es keinen Ausweg als den Westen? Andrzej Stasiuk wußte einmal einen kleinen. Er war in frühen Jahren ein polnischer Punk. Dann wurde er ein Dichter. Das ist hart, aber romantisch. Er wurde 1960 geboren und wuchs in Warschau auf. Was das mit seiner Karriere als Schriftsteller zu tun hat, kann man in seinem Buch "Wie ich Schriftsteller wurde" (F.A.Z. vom 9. Oktober 2001) nachlesen. Stasiuk lebt seit 1986 in einem Dorf in den Beskiden, hackt Holz und schreibt. Sein neuer Roman heißt "Neun". Es ist sein neunter. Die Leute auf dem Dorf nennen die Dinge beim Namen.

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Die Leute in der Stadt sind komplizierter: In dem Roman kreuzen und verheddern sich die Lebensläufe von neun Menschen. Da sind: 1. Pawel, der trübe Geschäfte ohne Glück macht, 2. der kleine Dealer Jacek, 3. der große Dealer und Fettwanst Bolek mit seinem Kampfhund, 4. der Blonde, ein Schläger, 5. Packer, harmlos, 6. Boleks Betthase Syl, blond und jung, 7. die reife Prostituierte Irina, Boleks Traum, 8. Zosia, die Verkäuferin in Pawels Laden, sie lebt mit ihrem Kater zusammen, 9. Beata, Jaceks esoterische Freundin.

Vor zwei Jahren konnte man zum ersten Mal auf deutsch ein polnisches Wunder betrachten: Stasiuks Roman "Die Welt hinter Dukla". Mit "Neun" kehrt er nun in die Welt vor Dukla zurück. Hinter Dukla begann die Poesie fern der großen Städte. Stasiuk ging dort in den Ding-Gottesdienst des Ostens und wurde fündig. Er entdeckte das transzendentale Obdachlosenheim des Himmels und verwandelte den kleinen harten Flecken Erde darunter in einen Flohmarkt der Dinge, die an die Menschen erinnern: Alles bekam einen antiquarischen und also auch zukünftigen Wert, und wenn es nur Dosen und Plastikteile waren. Mit "Neun" geht Stasiuk in die Stadt, aus der er kommt, zurück. Das Buch ist Teil einer Erkundung des Ostens. Stasiuk ist nicht wehmütig, sondern wirklichkeitssüchtig. Er könnte den Osten hassen. Denn der Osten hat ihm das Leben schwergemacht. Aber er gibt den Osten nicht preis. Im Gegenteil: Leicht sei, so müssen wir Stasiuk verstehen, für lebendige Menschen gar nichts, nur der schnelle Tod.

Neun Menschen sitzen in ihrer Wohnung in Warschau, und die Geschäfte und der Zufall bringen sie zusammen. Nicht alle kommen mit heiler Haut davon. Stasiuk erzählt im ständigen Wechsel der Perspektiven. Pawel hat Schulden und wird deswegen verfolgt. Jacek dealt im falschen Revier und flüchtet vor Bolek und dem Blonden. Beata träumt. Bolek wirft Syl mit Packers Hilfe aus seiner Wohnung und rast in seinem BMW zur dunklen Irina, damit sie sein werde.

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Nachdem er alle Farben und Stimmungen des Himmels über Warschau, wie es der Westler, der nur in die putzige Altstadt rennt, nicht kennt, beschrieben und nachdem er wahrscheinlich alle grauen und gruseligen Vororte und alle Straßenbahnlinien, die eisernen Schicksalslinien der Stadt, erwähnt hat, muß sich Stasiuk gesagt haben: Jetzt ist aber mal Schluß. Der Blonde nimmt Beata in die Mangel, was sie nicht überlebt. Pawel und Jacek rennen über die Dächer davon und kommen nicht wieder runter, weil sie keine Dachluke finden, die offensteht. Syl landet wieder im Hinterhof bei ihren Eltern, wo Katzen an Teppichstangen festgeknotet werden und Jugendlichen als strampelnder Zielkörper für ihre Luftpistolenübungen dienen. Packer geht einfach um die Ecke davon. Boleks rasanter BMW stößt auf einem Zebrastreifen mit Zosia und ihrem Kater zusammen. Irina ahnt davon nichts. Warschau ist groß, und jede Geschichte ist klein, wenn man sie dagegenhält. Das Leben rückt nur einige Felder weiter, und die Helden muß man deswegen nicht bis zu ihrem Tod begleiten. Alles ist schon jetzt gesagt.

Die neun Menschen könnten aus Becketts Schlußlichtphantasien stammen. Für sie gab es nie einen Anfang. Ein Ende werden sie genau deswegen auch rasch genug finden. Die einzelnen Szenen gleichen den Scheiben eines Gnadenbrotes, die ihnen zugeschoben werden, bevor sie entweder durch Totschlag oder durch irgendeine Katastrophe oder im stinknormalen Elend aus ihrem Lebenskurzlauf kippen. Stasiuk bricht seinen Roman "Neun" einfach ab, als die Aussichten über Warschau richtig trübe geworden sind und sich keiner mehr etwas vormachen kann.

Sieht es über Berlin besser aus? Stasiuk verliert, wenn er schreibt, den Überblick nicht. Er teilt überlegt aus. Soll nur einer denken, im Westen sei es für einen Polen besser. Dieser Überheblichkeit haut Stasiuk präventiv eine runter. Anders kann man nicht erklären, daß Pawel sich an einen Aufenthalt in Berlin nach der Vereinigung erinnert: dumpfe Fahrten in der Untergrundbahn. Deprimierende nächtliche Gänge über den Ku'damm. Eine große Scham über die eigenen abgewetzten Schuhe. Die kalte Aussicht, keine Bleibe für die Nacht zu haben.

Stasiuks Roman spielt am Ende der neunziger Jahre. In der neuen Gesellschaft stehen die Menschen vor zwei Alternativen: Zu denen gehören, die in den Straßenbahnen sitzen, oder bei denen sein, die im Strom der Ankommenden und Abfahrenden untertauchen. Irgendwann einmal sind sie ausgestiegen, wie Pawel, der sich noch an die Arbeit in der Fabrik erinnern kann und an den ätzenden Geruch, den man von dort überallhin mitschleppte.

Der Dealer Bolek hatte es dagegen irgendwie, vor allem aber mit krimineller Konsequenz geschafft und ist jetzt frei und fährt einen tollen BMW. Mit dieser Westkutsche rast der kleine dicke König eine Frau, die nur unbehelligt in ihrem Zimmer und auf ihrer Arbeit überleben wollte, um und wahrscheinlich tot. Der Ostfahrer im Westauto überrollt die letzte unbedarfte Seele Warschaus.

Der Schluß ist der Anfang. Es hat aufgehört zu regnen. Wir können uns gut vorstellen: An der letzten Bushaltestelle steht Stasiuk und raucht, trinkt ein Bier nach dem anderen und läßt nun, bissig und ironisch und bierernst wie er ist, wen auftreten? Einen Pfarrer. Der findet den lädierten Kater, das Tier. Und um den Sack voll zu machen, lautet der letzte Satz: "Er nahm es behutsam auf den Arm, hob seine Tasche wieder auf und ging zur Kirche zurück."

Der Gottesmann ist ein heiliger Christopherus der Opfer der westlichen Beschleunigung. Von der Kirche aus gesehen, werden die Haltestellen der Straßenbahnen und Busse zu Stationen eines Kreuzweges, den man zu gehen hat, außer man ist ein Punk und fährt schwarz. Aber diese Zeiten sind vorbei. EBERHARD RATHGEB

Andrzej Stasiuk: "Neun". Roman. Aus dem Polnischen übersetzt von Renate Schmidgall. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002. 320 S., geb., 22,90 .

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.03.2002, Nr. 66 / Seite L8
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